Anklage wegen Menschenhandels – Beamter outet sich als transsexuell »Ich habe 50 Jahre lang im falschen Körper gelebt«

Detmold (WB). Jahrzehntelang hat Familienvater Dieter S. (63), Beamter beim Kreis Lippe, ein Doppelleben geführt, um seiner Umwelt nicht erklären zu müssen, dass er transsexuell ist. Am Dienstag outete er sich – und will von heute an nur noch als Frau leben.

Von Christian Althoff
Dieter S. (links) mit seinem Verteidiger Dr. André Pott auf dem Weg in den Verhandlungssaal des Detmolder Amtsgerichts. Der angeklagte Beamte nutzte den Prozess, um sich in aller Öffentlichkeit als transsexuell zu outen.
Dieter S. (links) mit seinem Verteidiger Dr. André Pott auf dem Weg in den Verhandlungssaal des Detmolder Amtsgerichts. Der angeklagte Beamte nutzte den Prozess, um sich in aller Öffentlichkeit als transsexuell zu outen. Foto: Christian Althoff

Amtsgericht Detmold, Saal 114. Auf der Anklagebank sitzt Dieter S. Die Vorwürfe des Staatsanwalts haben es in sich: Menschenhandel und Anwerbung zur Prostitution. Der Beamte soll als Transvestit namens Ricarda eine Escort-Agentur betrieben und eine 17-Jährige dazu gebracht haben, für ihn zu arbeiten. Zehn Prozent ihrer Einnahmen soll er für sich verlangt haben.

Dieter S., ein Mann mit vollem, weißem Haar, schüttelt immer wieder mit dem Kopf, als Staatsanwalt Oliver Mergelmeyer die Anklage vorliest. Dann wendet er sich ans Gericht. »Es war alles ganz anders.«

»Transvestit ist jemand, der gerne Frauenkleider trägt und Party macht«

Zuerst erklärt Dieter S. dem Staatsanwalt, dass er kein Transvestit sei, wie es in der Anklage stehe. »Ein Transvestit ist jemand, der gerne Frauenkleider trägt und Party macht. Ich bin transsexuell und habe damit eine Geschlechtsidentitätsstörung.« Es sei das erste Mal in seinem Leben, dass er öffentlich darüber spreche. »Außer meiner Familie wusste das bis heute niemand.«

Als 14-Jähriger, sagt Dieter S., habe er zum ersten Mal das Gefühl gehabt, eine Frau zu sein. Das war 1968 und nicht die Zeit, um darüber zu sprechen. »Ich hatte den Wunsch, als Frau zu leben und anerkannt zu werden, aber das ging nicht. Mein Leben bestand aus Lügen, verstecken und Angst.« Erst mit 40 habe er sich intensiver mit seiner Orientierung beschäftigt. »Ich lebte in zwei Welten.«

Er habe sich im Internet als Inhaberin eines Escort-Service ausgegeben, den es aber nie gegeben habe. »Ich benutzte das als Front, um Kontaktanfragen besser filtern zu können. Denn wenn man als Transsexueller offen auftritt, muss man mit Anfeindungen rechnen. Man gilt als Freiwild.«

Beim Alltagstest machte sich Dieter S. als Frau fertig

Inzwischen habe er beim Personenstandsgericht eine Änderung seines Namens und seines Geschlechts beantragt. »Ich habe den zweijährigen Alltagstest bestanden und zwei psychologische Gutachten vorgelegt. Am 4. Juli soll ich die Urkunde bekommen, die mich offiziell zur Frau macht«, sagt der Angeklagte. Beim Alltagstest machte sich Dieter S. als Frau fertig und verbrachte seine Freizeit in der Öffentlichkeit – außerhalb Ostwestfalen-Lippes. Auch die operative Geschlechtsumwandlung hat begonnen. »Ich habe 50 Jahre im falschen Körper gelebt.«

Die 17-Jährige hatte Dieter S. 2015 bei einem Treffen Transsexueller in Bayern kennengelernt. Im Zeugenstand sagte die heute 19-Jährige: »Meine Freundin wollte sich zum Mann umoperieren lassen, aber uns fehlte das Geld. Deshalb sprach ich mit Dieter über seinen Escort-Service.« Und tatsächlich half der Beamte der jungen Frau beim Einstieg ins Rotlichtmilieu. Er formulierte mit ihr zusammen ein Inserat, das die 17-Jährige im Internet veröffentlichte, und gab ihr Tipps.

Zehn Prozent von der Frau verlangt

Wenige Tage später hatte die Frau den ersten Freier – und zugleich den letzten. »Ich hätte das weitergemacht, um Geld für die Operation zusammenzubekommen, aber jemand hat meine Eltern auf mein Inserat aufmerksam gemacht.« Die Eltern hätten sie monatelang ignoriert und von ihr verlangt, Dieter S. anzuzeigen. Die Zeugin beschrieb den Angeklagten als »sympathisch, hilfsbereit und offen«.

Doch Menschenfreundlichkeit alleine war es offensichtlich nicht, die den Beamten dazu gebracht hatte, der 17-Jährigen auf den Strich zu helfen. Denn aus Chat-Protokollen, die der Vorsitzende Richter Martin van der Sand vorlas, ergibt sich zweifelsfrei, dass Dieter S. zehn Prozent von der Frau verlangt hatte.

Das Gericht nahm schließlich einen minderschweren Fall an und verurteilte den Angeklagten zu 7500 Euro Strafe.

Vorher hatte Dieter S. in seinem »letzten Wort« gesagt: »Dieses ist mein letzter Auftritt als Mann. Von morgen an werde ich als Frau leben.«

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