Prozess gegen 22-Jährigen: Landgericht Detmold will den Tod von Julia R. (31) aufklären »Sie wollte sterben«

Detmold/Oerlinghausen (WB). Wollte Julia R. (31) nicht mehr leben? Oder hat ihr Freund Daniel P. (22) sie getötet, weil sie sich von ihm trennen wollte? Das Schicksal der Frau aus Oerlinghausen steht im Mittelpunkt eines Gerichtsverfahrens in Detmold.

Spurensuche am Fundort der Leiche
Spurensuche am Fundort der Leiche Foto: Oliver Schwabe (Archiv)

Daniel P. aus Oerlinghausen muss sich wegen Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Die arbeitslose Frau und der damals zehn Jahre jüngere Mann, der eine Ausbildung zum Automechatroniker machte, waren ein Paar.

Sie lebten zuletzt zusammen im Zimmer des 21-Jährigen in dessen Elternhaus. In der Nacht zum 21. Juni 2016 verlor sich die Spur der Frau. Freundinnen und Verwandte bekamen Tage später aufs Handy eine Nachricht, die von Julia R. stammen sollte und in der es hieß, sie sei »auf großer Reise«.

Aber das glaubten die Freunde nicht. Sie sprachen mit Daniel P. Der soll ihnen erzählt haben, er sei in jener Nacht eingeschlafen, und am nächsten Morgen sei seine Freundin nicht mehr dagewesen.

Julia R. blieb über Monate verschwunden. Schließlich ging eine Freundin zur Polizei. Daniel P. geriet in den Fokus, und als Polizisten im Oktober in seinem Zimmer das Handy der Vermissten fanden, gab er zu, Julia R. getötet zu haben.

Monatelang verschwunden

Er führte die Mordkommission nach Leopoldshöhe, wo er die Leiche verscharrt hatte. Dann überraschte der 21-Jährige die Polizisten mit der Aussage, Julia R. habe nicht mehr leben wollen und ihn aufgefordert, sie umzubringen. Er habe ihr von hinten den Hals durchgeschnitten.

Das wäre Tötung auf Verlangen gewesen – mit einer Höchststrafe von fünf Jahren. Aber weder der Staatsanwalt noch die Hinterbliebenen nehmen Daniel P. diese Geschichte ab. Rechtsanwältin Christine Habetha – sie vertritt Natalie R., die Schwester der Toten – sagte, Julia R. habe vorgehabt, auszuziehen.

»Sie hatte eine neue Wohnung gefunden und mit der Hartz-IV-Behörde schon über die Miete gesprochen. Sie blickte nach vorne.«

»Ich bin ein Familienmensch«

Der Angeklagte sagte, er sei in einem behüteten Elternhaus mit zwei Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen. »Ich bin ein Familienmensch.« Er sei als Jugendlicher viel mit seinem BMX-Rad und seinem Skateboard unterwegs gewesen und habe die Realschule abgeschlossen.

»Im achten Schuljahr habe ich zum ersten Mal Marihuana geraucht.« Danach hätten Drogen zu seinem Leben gehört. »Ich habe morgens als erstes Wasserpfeife geraucht.« LSD, Whisky, halluzinogene Pilze und Ecstasy seien dazugekommen. Er sei öfter zu spät zur Arbeit gekommen, und habe deshalb 2016 seine Ausbildungsstelle verloren.

Zur Tat sagte der Angeklagte zum Prozessauftakt nur soviel: »Ich habe ein Menschenleben genommen – auch denen, die Julia geliebt haben.«

Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger sagte, er könne wegen der Skelettierung der Toten kaum etwas zu ihren Verletzungen sagen. Er habe auch den Angeklagten nach dessen Festnahme untersucht. »Er hatte neun alte Schnittverletzungen am linken Arm. Das spricht für einen Kampf.«

Stimmen eines Herrschers

Verteidiger Dr. Carsten Ernst überraschte die Prozessbeteiligten nach einer Pause mit der Feststellung, ein Gespräch mit seinem Mandanten habe »eine neue Dimension des Falls« offenbart.

»Mein Mandant lebte wegen der Drogen in einem Paralleluniversum und hörte die Stimme eines Herrschers, der ihm Befehle erteilte. Weil Julia R. zwei-, dreimal geäußert hat, sie wolle nicht mehr leben, hat mein Mandant es als seine Aufgabe angesehen, das umzusetzen.«

Diese Erklärung sorgte für Unruhe auf den vollen Zuschauerbänken. »Das ist doch ein Trick!«, zischte eine Frau. Gutachter Dr. Bernd Roggenwallner soll den Angeklagten jetzt noch einmal untersuchen. Der Prozess wird morgen fortgesetzt.

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