Zu Gast bei der Selbsthilfegruppe „Selbst.Hilfe.Sucht“ in Willebadessen
„Die meisten wissen es ja nicht mal“

Willebadessen (WB). Aufarbeiten, erledigen – Ruhe! So geht Gerrit Reefmann nun mit Problemen um. „Dadurch bin ich zufriedener“, sagt er. Früher war das anders. Da betäubte Reefmann seine Nöte mit Alkohol. Seit Jahren ist er trocken. Auch dank der Selbsthilfegruppe „Selbst.Hilfe.Sucht“ in Willebadessen. Nun hat er die Türen zu einem Treffen geöffnet.

Dienstag, 11.08.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 11.08.2020, 05:04 Uhr
Die Selbsthilfegruppe „Selbst.Hilfe.Sucht“ trifft sich regelmäßig im Haus des Gastes in Willebadessen. Gerrit Reefmann steht der Gruppe vor. Er selbst betäubte seine Nöte mit Alkohol. Seit Jahren ist er trocken – auch dank der Gruppenrunden, wie er sagt. Die Treffen stehen neuen Teilnehmern offen. Foto: Daniel Lüns

Die Gruppe trifft sich im Haus des Gastes. Wer am Tisch Platz nimmt, darf alles sagen und offen über seine Gedanken und Nöte sprechen. Damit das funktioniert, steht zwischen selbst gebackenen Keksen und Kaffee ein Schild auf dem Tisch. „Wen du hier siehst, was du hier hörst – wenn du gehst, bitte lass es hier“ steht darauf. Das funktioniert nur mit anonymisierter Berichterstattung.

Alles sagen, nichts mitnehmen

Alles sagen, nichts mitnehmen. Diese Idee hat auch Reefmann geholfen. Während er auf einen Therapieplatz wartete, lernte er Wolfgang Laudage kennen. Der ehemalige Vorsitzende der Gruppe holte ihn in die Sitzung. „Während ich auf den Platz gewartet habe, war ich jede Woche hier“, erinnert sich Reefmann. „Ohne diese Gruppe hätte ich es nicht geschafft.“ Nun steht er ihr als Vorsitzender vor.

Das Treffen beginnt mit einer Frage, die nur auf den ersten Blick einfach ist: Wie ist das eigene Befinden? Der Blick zurück auf die Woche, auf die Arbeit, die Familie, die Sucht. Dann moderiert Reefmann das Thema des Abends an. Heute: Zufriedenheit. „Ich habe täglichen Stress versucht mit Bier abzudämpfen. Am Ende war ich zufrieden. Aber der Anlass war Unzufriedenheit“, beginnt der erste Teilnehmer die Runde.

„Ja, in dem Moment war ich auch zufrieden“, sagt Reefmann. „Aber wenn man aufwacht, merkt man: Alles geht wieder von vorne los.“ Zum Alkohol könne auch die Sehnsucht nach einem Ausgleich führen. Den findet der zweite Teilnehmer nun vor seiner Haustür. Jeden Morgen sitzt er da, lauscht den Vögeln, genießt die Stille.

Man ist nie geheilt

„Das ist ein Ausgleich für mich“, erklärt er. „Dafür stehe ich sogar früher auf.“ Die Natur lässt ihn auch einen aktuellen Schicksalsschlag vergessen. Zwar nur für eine Weile. Aber nachhaltiger, als die Droge es je könnte. Trotzdem sind sich die Teilnehmer einig: Es ist immer wieder ein Kampf, sich bei der Stange zu halten und den Übermut zu unterdrücken, doch wieder zu trinken. „Wenn du einmal Alkoholiker bist, bist du’s immer. Man ist nie geheilt.“

Die Frage ist nur: Wann ist man Alkoholiker? „Es ist das Bier beim Rasenmähen, das Bier beim Nachbarn im Keller, das Bier zu Hause. Durch die Regelmäßigkeit entsteht Sucht“, beschreibt der erste Teilnehmer. Der zweite stimmt zu. Mit einem Bulli könnte er durchs Dorf fahren und Leute zur Entgiftung einsammeln – voll bekäme er den Wagen ganz bestimmt. „Die meisten wissen es ja nicht mal“, sagt er. „Aber haben wir es denn gewusst?“, entgegnet Reefmann.

Den Willen haben, gegen die Sucht zu kämpfen

Das Wichtigste sei, sich seiner Sucht bewusst zu sein. Und den Willen zu haben, dagegen anzukämpfen. Nicht alleine, sondern in der Gruppe. Gar nicht so leicht, erinnert sich der zweite Teilnehmer. Drei Mal sei er damals nach Warburg gefahren, um sich in einer Einrichtung Hilfe zu holen. „Aber ich habe mich nicht getraut, reinzugehen“, sagt er. Der Teufelskreis ging von vorne los. Bis er nach Willebadessen kam.

Bei den Treffen der Selbsthilfegruppe wird geredet, diskutiert, gelacht und auch eine Träne verdrückt. Mehr Treffen als Therapie. Und zwar unter Gleichgesinnten. Mit eigener WhatsApp-Gruppe und gelegentlichen Ausflügen. Umso härter sei die zwischenzeitliche Corona-Zwangspause gewesen. „Ich habe die Leute hier vermisst“, sagt ein Teilnehmer.

Gruppe stützt sich gegenseitig

Die Gruppe stützt sich gegenseitig. Daher versuchen die Teilnehmer auch, Rückfälle wieder zurück an den Tisch zu holen. „Aber das ist sehr schwer“, erklärt Gerrit Reefmann. „Viele wollen das auch nicht.“ Manche kommen ein Mal und nie wieder. Wer bleibt, der kommt regelmäßig. Der zieht Energie aus den Treffen und kommt so besser durch die Woche – bis zum nächsten Treffen. „Deshalb ist Selbsthilfe auch so wichtig“, schließt Reefmann.

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