Anbieter müssen Absagen erteilen – Arbeitsgemeinschaft will Aufklärung leisten Druck auf Pflegedienste wächst

Höxter (WB). Die ambulanten Pflegedienste im Kreis Höxter sind an der Grenze des Leistbaren angelangt. »Wir können nicht mehr jeden Auftrag annehmen«, erklärten Andreas Fuhrmann und Verena Krelaus-Rochell als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der ambulanten Pflegedienste im Kreis Höxter. Sie stecken aber nicht den Kopf in den Sand. Sie wollen vielmehr zeigen, dass Berufe in der Pflege attraktiver sind als ihr Ruf.

Von Frank Spiegel
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der ambulanten Pflegedienste im Kreis Höxter bemühen sich, niemanden abzuweisen. Personell ist das inzwischen aber kaum mehr machbar. Sie hoffen nun auf Berufsnachwuchs.
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der ambulanten Pflegedienste im Kreis Höxter bemühen sich, niemanden abzuweisen. Personell ist das inzwischen aber kaum mehr machbar. Sie hoffen nun auf Berufsnachwuchs. Foto: dpa

Denn nur durch zusätzliche Fachkräfte lasse sich das Problem lösen. »Die ergreifen den Beruf aber nur, wenn dessen oft negatives Image gerade gerückt wird«, weiß Andreas Fuhrmann, der auch Vorsitzender des Netzwerks Pflege im Kreis Höxter ist.

Zivildienst fehlt

Andreas Fuhrmann und Verena Krelaus-Rochell gehören zum Sprecherteam der Arbeitsgemeinschaft der ambulanten Pflegedienste im Kreis Höxter. Foto: Frank Spiegel

Komme das Gespräch auf Berufe in der Pflege, herrsche das Vorurteil vor, dass man hier mit Ausscheidungen zu tun habe, unterbezahlt sei, nur Nachtschichten gearbeitet werden müssten und die dort Tätigen nicht besonders intelligent seien.

»Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, wird vergessen, dass der Beruf in der Pflege vor allem vielseitig, herausfordernd sowie zukunftssicher ist und man hier vor allem hervorragende Chancen hat, sich zu entwickeln«, erläutert Andreas Fuhrmann.

Er bedauert, dass es den Zivildienst nicht mehr gibt. »Der hat viele junge Männer in Pflegeberufe gebracht, weil sie die Möglichkeit hatten, den Beruf kennenzulernen«, sagt der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft.

28 Dienste sind in dieser zusammengeschlossen, alle haben das gleiche Problem. »Vor Jahren war es undenkbar, dass wir Absagen verteilen mussten, wenn unsere Hilfe gefragt war«, berichtet Verena Krelaus-Rochell. Angesichts der Vielzahl an ambulanten Pflegediensten habe auch jeder jeden Auftrag annehmen können.

»Aber inzwischen ist der demografische Wandel mit voller Wucht im Kreis Höxter angekommen«, ergänzt Andreas Fuhrmann. Es sei daher nahezu unmöglich, einen bestimmten ambulanten Pflegedienst zu jeder Zeit zu bekommen – was nicht immer auf Verständnis treffe.

Andreas Fuhrmann: »Die Reaktionen reichen von Enttäuschung und Tränen bis zu Wut und Beschimpfungen.« Das gehe sogar so weit, dass den ambulanten Pflegediensten vorgeworfen werde, sich ihre Patienten aussuchen zu wollen. »Das hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun«, versichern die Sprecher der Arbeitsgemeinschaft.

Fachkräftemangel

Tatsache sei vielmehr, dass nicht nur der demografische Wandel, sondern auch der Fachkräftemangel im Kreis Höxter angekommen sei. »Im ambulanten Pflegedienst können für ganz bestimmte Tätigkeiten nur examinierte Fachkräfte nach dreijähriger Ausbildung beschäftigt werden«, führt Verena Krelaus-Rochell aus.

Das sei auch richtig so, schließlich seien die Pflege, die Medikamentenstellung, der Umgang mit ärztlichen Diagnosen, die Kommunikation mit den Patienten und nicht zuletzt auch Seelsorge Herausforderungen, die eine Pflegekraft erster Güte fordert.

Und die sind gefragt. »In größeren Städten gibt es mittlerweile Headhunter, die Pflegekräfte mit Prämien abwerben wollen«, weiß Verena Krelaus-Rochell.

Im Kreis Höxter ziehen die ambulanten Pflegedienste an einem Strang, um der Problematik zu begegnen und Nachwuchs auszubilden.

Bis das gelingt, werde es aber immer wieder zu Engpässen kommen, ist sich Andreas Fuhrmann sicher. »Unser Geschäft ist allerdings sehr schnelllebig«, sagt er. Versterbe ein Mensch oder wechsele er in eine stationäre Pflegeeinrichtung, seien wieder neue Kapazitäten vorhanden. Aber auch hier müsse man immer von Fall zu Fall entscheiden, was machbar sei.

»Manche benötigen einmal Hilfe am Tag beim Anziehen der Strümpfe, andere müssen dreimal täglich intensiv betreut werden«, nennt er ein Beispiel. In jedem Fall müsse eine Überlastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verhindert werden.

Geduld ist gefragt

»Wer eine Absage bekommt, sollte sich an einen anderen Dienst wenden oder es später noch einmal probieren«, rät Andreas Fuhrmann. Übergangsweise könne auch eine Kurzzeitpflege helfen, Zeit zu überbrücken.

Verena Krelaus-Rochell rät zudem, sich nicht erst auf den so genannten letzten Drücker um die ambulante Pflege zu kümmern. Sie nimmt hier auch die Krankenhäuser in die Pflicht. »Auch hier muss sich noch einiges im Entlassungsmanagement ändern«, weiß sie. Es gehe nicht an, dass ein pflegebedürftiger Patient morgens erfahre, dass er nachmittags entlassen werde.

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