Zwei Frauen erzählen, was es bedeutet, Pflegeeltern zu sein
Kindern Geborgenheit geben

Warburg -

Eine typische Schwangerschaft dauert neun Monate. Ausreichend Zeit also, um sich auf den Familiennachwuchs einzustellen. Frau M. aus dem Kreis Höxter bleiben manchmal nur wenige Stunden, um alles vorzubereiten, was so ein winziger Mensch braucht.

Freitag, 01.01.2021, 22:30 Uhr
Ist das Kindeswohl gefährdet, muss schnell ein neues Zuhause auf Zeit gefunden werden. Da diese Kinder häufig traumatisiert sind, müssen die Pflegeeltern viel Geduld mitbringen und ihnen Geborgenheit geben. Foto: Alice Koch

Vor sechs Jahren meldeten sich Frau M. und ihr Mann beim Jugenddorf Petrus Damian für die Bereitschaftspflege. Wenn ein Kind in Not ist, springen sie ein.

18 Kindern im Alter von neun Monaten bis sechs Jahren haben sie schon ein Zuhause auf Zeit gegeben. Manchmal kommt ein Anruf und eine halbe Stunde später ist das Kind da. Manchmal bleibt es länger als geplant.

Vor allem dann fällt die Trennung schwer.

Die Bereitschaftspflege soll die Zeit überbrücken, bis alle für die Zukunft des Kindes relevanten Fragen geklärt sind und eine dauerhafte Lösung für sie gefunden wird – also zurück zu den Herkunftseltern oder in eine Dauerpflegefamilie.

Die weitere Perspektive und nächsten Schritte überprüft das Jugendamt genau, manchmal erfolgen umfangreiche Gutachten, des Öfteren landen „Fälle“ vor Gericht, und bis alles geklärt ist, lebt das Kind in der Bereitschaftspflegefamilie.

Eigentlich soll der Aufenthalt der Kinder in den Pflegefamilien auf maximal sechs Monate begrenzt sein. Dass das nicht immer funktioniert, weiß auch Familie M. Sie hat Kinder für ein paar Tage aufgenommen. Aber auch für mehrere Monate. Ein Kind lebte dreieinhalb Jahre in ihrem Haus.

Pflegeeltern werden: Diesen Gedanken hatten Frau M. und ihr Mann, als die beiden ältesten Söhne ausgezogen waren und sie noch eine Nachzüglerin bekamen.

„Wir wollten nicht, dass unsere Tochter als alleinige Prinzessin aufwächst. Und als wir in der Zeitung gelesen haben, dass dringend Pflegeeltern gesucht werden, haben wir angefangen, uns ernsthaft mit diesem Thema zu beschäftigen“, erinnert sich Frau M.

Sie hätten lange überlegt und das Für und und Wider abgewogen und schließlich nach vielen Gesprächen mit Isolde Obermann und einer weiteren Beraterin aus dem Bereich FAB (Familienanaloge Betreuungsformen) des Jugenddorfs Petrus Damian, entschieden: „Wir machen das.“

Als kurze Zeit später der Anruf kam, war die Aufregung groß. Ein Bett musste besorgt werden, Kleidung, und das Zimmer schön eingerichtet werden. Schließlich sollte sich das dreieinhalbjährige Mädchen bei Familie M. wohl fühlen.

Nach neun Monaten fiel der Abschied schwer, aber Frau M. war von vorneherein klar, worauf sie sich einlässt. „Wir sind eine Familie auf Zeit, die das Kind liebevoll, aber mit klaren Regeln und Grenzen bei sich aufnimmt“, betont Frau M.

Wenn Kinder zu ihr kommen, weiß sie nicht viel über sie. Kinder von drogen- und alkoholabhängigen Eltern, die endlich eine Therapie machen, von psychisch kranken Müttern, die versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, oder von Großmüttern, die gemerkt haben, dass das Kind doch nicht bei ihnen leben kann. Oft kann sie nur ahnen, welche traumatischen Erlebnisse sie hinter sich haben: Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung.

Eine traurige Gemeinsamkeit, die sie bei vielen ihrer Pflegekinder festgestellt hat, ist die Angst, nichts zu Essen zu bekommen. „Auch nach Wochen in der Pflegefamilie bunkern diese Kinder heimlich Essensvorräte in ihrem Zimmer, oder stecken sich beim Mittagessen unbemerkt ein Schnitzel in die Hosentasche, aus Angst, hungern zu müssen“, schildert die 51-jährige ihre traurigen Erfahrungen.

Umso wichtiger sei es, den Kindern Sicherheit und Normalität zu geben. Regelmäßige Mahlzeiten, gleiche Tagesabläufe und immer wiederkehrende Ins-Bett-Geh-Rituale vermitteln den Kindern: Hier passiert mir nichts und ich kann mich auf meine Pflegeeltern verlassen.

Das kann auch ihr aktuelles Pflegekind. Das dreijährige Mädchen, das sie liebevoll „Schnatterlienchen Bummelliese Quatschtüte“ nennt, lebt seit dem vergangenen Sommer bei Familie M. „Sie ist uns sehr ans Herz gewachsen und fühlt sich bei uns sehr wohl, aber wir machen immer wieder deutlich, dass sie irgendwann ein anderes, schönes Zuhause haben wird“, erklärt Frau M. Ob das die Herkunftsfamilie oder eine Dauerpflegefamilie sein wird, steht noch nicht fest.

Was es bedeutet, dauerhaft ein oder mehrere Kinder bei sich aufzunehmen, weiß Frau P. aus dem Kreis Höxter. In 22 Jahren haben sie und ihr Mann vier Kinder groß gezogen.

„Ich war 26, als wir das erste Pflegekind bei uns aufgenommen haben. Ein Mädchen. Sie war fünf. Da wir keine eigenen Kinder bekommen konnten, hätten wir uns eigentlich einen Säugling gewünscht, aber als wir sie zum ersten Mal gesehen haben, waren wir sofort schockverliebt“, erinnert sich die gelernte Erzieherin.

Das zweite Pflegekind, einen Jungen, haben Frau P. und ihr Mann vor 18 Jahren direkt nach seiner Geburt aus dem Krankenhaus abgeholt. Als er vier war, bewarben sie sich beim Jugenddorf Petrus Damian für ein weiteres Pflegekind. „Als dann die Anfrage für ein Geschwisterpaar, zwei Mädchen, ein und drei Jahre alt, kam, waren wir sofort sicher, wir kriegen auch vier Kinder groß“, erzählt sie lächelnd.

Ihre große Tochter ist mittlerweile 26 und aus dem Haus, ihr Sohn ist 18, die beiden Mädchen 14 und 16 Jahre. Aufgewachsen sind sie wie Geschwister, und von Außen wirken die P‘s wie eine ganz normale Familie. Dabei war der Alltag nicht immer einfach.

„Die Kinder bringen ihre Wurzeln mit, der ‚Rucksack‘, den sie tragen, ist unbekannt“, beschreibt Frau P. ihre Erfahrungen. Eines ihrer Pflegekinder habe zum Beispiel immer panisch angefangen zu schreien, wenn es eine Sirene von einem Krankenwagen oder einem Polizeiwagen gehört habe. „Man kann nur mutmaßen, welche traumatischen Erfahrungen das Kind gemacht hat und warum eine Sirene solche Ängste auslöst“, sagt sie.

Oft sei das wie ein Puzzle, das sich über die Jahre immer mehr zusammensetzt, aber nie ganz. Über die vielen Jahre als Pflegemutter von vier Kindern hat sie gelernt, dass ein hohes Maß an Flexibilität, Ruhe und Zeit zum Ziel führen.

„Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, ich kann die Kinder nicht verändern, ich kann nur mich verändern, mein Verhalten reflektieren und hinterfragen, warum sich mein Kind so verhält“, schildert Frau P. ihre Erkenntnisse und kann Eines mit Gewissheit sagen: „Wir sind an unseren Kindern gewachsen.“

Pflegeeltern gesucht

Das Jugenddorf Petrus Damian sucht dringend Pflege- und Gasteltern für Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Ansprechpartnerinnen sind Nadja Ritter (Fachbereichsleitung) unter Telefon 05641/773217, E-Mail: n.ritter@jugenddorf-warburg.de, und Isolde Obermann (stellv. Fachbereichsleitung) unter Telefon 05641/773198, E-Mail: i.obermann@jugenddorf-warburg.de.

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