Schulträger analysieren Corona-Situation: Fenster öffnen oder in Anlagen investieren?
Da liegt was in der Luft

Kreis Höxter -

In vielen Schulen im Kreis Höxter sitzen Schüler derzeit nicht nur mit Maske, sondern auch mit Winterjacke, Schal und Mütze im Klassenraum – Stoßlüften ist in winterlichen Corona-Zeiten nicht immer angenehm, aber oberste Pflicht. Viele Städte analysieren derzeit als Schulträger die Situation und prüfen, ob sich die Anschaffung von Lüftungsanlagen lohnt. Dabei sind die Einschätzungen ebenso vielfältig wie die Angebote an Geräten.

Sonntag, 29.11.2020, 23:00 Uhr aktualisiert: 30.11.2020, 17:31 Uhr
Marvin hat Fensterdienst in der Klasse 8d der Gesamtschule Bad Driburg, viele Schüler tragen Jacken und Mützen. Mit dieser Situation müssen viele Lehrer im Kreis Höxter wie hier (im Hintergrund) Vizeleiter Simon Tewes und Simone Flottmeier umgehen. Foto: Dennis Pape

 

Ein mittlerweile ganz normaler Tag in der Klasse 8d der Gesamtschule in Bad Driburg: Marvin hat Fensterdienst und öffnet eben diese alle 20 Minuten zum Stoßlüften im Klassenraum – mit Trenchcoat und Wintermütze. Einige, aber nicht alle Mitschüler, sind ebenfalls dick eingepackt. Die Meinungen reichen in der Schülerschaft von „stört mich nicht“ bis „mir ist bitterkalt“. „Blumendienst, Tafeldienst und jetzt halt auch Fensterdienst – wir beziehen die Schüler bewusst mit ein, um für das Thema Corona zu sensibilisieren und die Eigenverantwortung zu stärken“, sagt Lehrerin Simone Flottmeier. Unterricht in Corona-Zeiten bringe eine Vielzahl an Sonderaufgaben für die Kollegen mit sich: „Das ist generell eine große Belastung. Dazu kommt nun, dass wir den Unterricht für das Lüften unterbrechen müssen.“

Corona-Krise ist eine echte Herausforderung

Auch der stellvertretende Schulleiter Simon Tewes bezeichnet die Corona-Krise als echte Herausforderung. Dennoch sei es richtig und wichtig, dass die Schulen offen bleiben: „Wir haben eine soziale Verantwortung und müssen Chancengleichheit gewährleisten – das geht nur mit Präsenzunterricht. Die Frage nach Lüften durch geöffnete Fenster oder mit speziellen Anlagen spielt da für mich eine kleinere Rolle, das müssen Experten entscheiden.“ Intensiv beschäftigt hat sich mit dieser Thematik Schulamtsleiter Uwe Damer: „Es gibt immer mehr Zweifler als Befürworter von mobilen Lüftungsreinigern. Deshalb werden wir dem Rat empfehlen, nur dort Lüftungsanlagen anzuschaffen, wo nicht anders gelüftet werden kann.“

Dies wiederum ist nach WESTFALEN-BLATT-Recherchen in nur wenigen Schulen im Kreis Höxter der Fall. Und: Mobile Lüftungsanlagen für 3000 Euro pro Raum, wie sie beispielsweise die Städte Willebadessen (wir berichteten) und Brakel anschaffen wollen, werden vom Land nur dann gefördert, wenn Räume keine Fenster haben oder sich diese nicht öffnen lassen.

Das hat auch die Kreisstadt Höxter analysiert, wie Sprecher Sebastian Vogt erläutert: „Grundsätzlich ist in allen Schulen in nahezu allen Räumen eine Belüftung über die Fenster möglich. In den Naturwissenschaftsräumen am KWG ist statt Fenstern eine Belüftungsanlage vorhanden. Insofern besteht aktuell kein zwingender Bedarf für eine Anpassungen der Be- und Entlüftung.“ Die Stadt habe derweil – wie auch Warburg und Borgentreich – für jede Schule CO2-Messgeräte bestellt. Damit solle zumindest für regelmäßiges Lüften sensibilisiert werden, erklärt Vogt.

Politische Teillösung

An der Grundschule Marienmünster wiederum muss es laut Stadtverwaltung lediglich eine politische Teillösung geben, denn das frisch eingeweihte neue Gebäude verfüge im Gegensatz zum älteren Teil über eine hochmoderne und dezentrale Lüftungsanlage, wie Matthias Peitsch vom Bauamt erläutert: „Für dieses System haben wir uns bereits vor Corona entscheiden, sind jetzt aber umso glücklicher, dass wir es gemacht haben. Die Luft wird bei uns über das Dach abgeleitet – und das Raum für Raum separat. Ein TÜV-Büro hat uns jetzt noch einmal hervorragende Werte bescheinigt, obwohl die Anlage erst bei 60 Prozent läuft.“ Schulamtsleiter Elmar Meyer erkennt nach eigenem Bekunden eine Tendenz des Umweltbundesamtes, der Fenster-Lüftung Vorrang zu gewähren – somit wäre dies eine Option für den älteren Gebäudeteil. „Letztendlich muss das aber die Politik Anfang Dezember entscheiden“, sagt er.

Schulrat Hubert Gockeln betonte im Gespräch mit dem WB ausdrücklich, dass er die Schulträger in der schwierigen Entscheidungsphase nicht unter Druck setzen möchte. Er verweist jedoch auch auf SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der gefordert hatte, für alle Schulen mobile Luftfilteranlagen anzuschaffen – auch, weil reines Lüften keinen maximalen Erfolg garantiere. „Es kann auch nicht im Sinne der Umwelt sein, für geöffnete Fenster zu heizen“, so Gockeln. Allein in den Grundschulen im Kreis Höxter werde an kühlen Tagen pro Tag fast eine Tonne CO² zusätzlich in die Atmosphäre gepustet.

Fest im Schulgebäude integrierte Lösungen

Das wiederum sieht auch der CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Goeken so – der Bad Driburger schlägt den Schulträgern vor, nicht auf mobile Geräte, sondern auf fest in die Schulgebäude integrierte Lösungen zu setzen. Stiebel Eltron aus Holzminden biete so etwas beispielsweise an. Kostenpunkt: 8000 Euro pro Raum. „In diesem Fall sollte man nachhaltig über die Corona-Pandemie hinaus denken. Mit dieser wartungsarmen Lösung könnte man auf Dauer dem Wärmeverlust vorbeugen und saubere Luft – beispielsweise auch bei der nächsten Grippewelle – garantieren“, sagt Goeken.

Deutlich wird, dass die Meinungen zwischen Fensterlüften oder Geräten – welcher Art auch immer –weit auseinander gehen. Letztendlich müssen die Stadträte in Zusammenarbeit mit den Schulträgern eine gemeinsame Lösung finden – es scheint leichtere Aufgaben zu geben.

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