Germeter Willi Vonde zieht sich nach 45 Jahren als Ratsherr und Germetes Ortsvorsteher aus der Politik zurück
„Nur in der Kneipe Prost sagen, reicht eben nicht“

48 Jahre in der Kommunalpolitik, 25 CDU-Fraktionschef. Niemand in der Stadt Warburg war so lange und an so prominenter Stelle politisch aktiv wie der Germeter Willi Vonde. Am Dienstag bekommt er als Dank für seine Arbeit den Siegelring der Stadt zum Abschied. Über sein Leben in und für die Kommunalpolitik hat Redaktionsleiter Jürgen Vahle mit ihm gesprochen

Donnerstag, 05.11.2020, 19:39 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 19:44 Uhr
Nach 45 Jahren als Ortsvorsteher gibt Willi Vonde das Amt an seinen Sohn Thomas weiter. Im Gespräch zieht der 74-Jährige Bilanz. Foto: Jürgen Vahle

Bekommen Sie ohne Politik jetzt Entzugserscheinungen?

Willi Vonde: Ich denke, Entzugserscheinungen werden nicht auftauchen. Mein Sohn Thomas, der jetzt in den Rat kommt und Ortsvorsteher werden soll, wohnt ja gleich nebenan. Da werden wir sicher immer intensiv über Politik diskutieren und politische Probleme unserer Stadt und unseres Dorfes Germete besprechen. Aber ganz wichtig ist: Ich will mich nicht mehr einmischen. Mir war klar, dass nach der Wahl Schluss ist. Entsprechend habe ich mich auch gelöst.

In Ihre Zeit fielen viele Entscheidungen der Nachkriegszeit. Welche waren die wichtigsten?

Willi Vonde: Die Wichtigste war wahrscheinlich die Entscheidung zum Krankenhaus. Die Frage, welches Unternehmen unser St.-Petri-Hospital kaufen sollte, war ja eine ganz kritische Sache. Die Neue Pergamon sollte es bekommen. Da bin ich eines Abends gemeinsam mit Bürgermeister Michael Stickeln nach Bochum gefahren. Um 23 Uhr haben wir uns noch zum Essen mit Chefärzten getroffen, die bei der Neuen Pergamon beschäftigt waren. Als wir morgens um 4 Uhr wieder zu Hause waren, stand für mich fest: An Professor Graf verkaufen wir nicht. Die Neue Pergamon ist ja dann pleite gegangen, und wir sind froh, dass Helios eingestiegen ist. Wir sind da jetzt sehr, sehr gut aufgestellt.Wichtig war auch, dass wir darauf geachtet haben, dass die Schulgebäude in Ordnung und auf dem neuesten Stand sind. Mir war wichtig, dass für Neu-, Um- und Erweiterungsbauten zeitnah Geld, auch Fördergeld, zur Verfügung stand. Auch gab es die neuen Herausforderungen, mehr Kitas zu bauen und zu erweitern.Beim Straßen- und Wirtschaftswegebau haben wir einen guten Stand erreicht. Das haben die Leute auch gefordert, neuerdings verbunden mit dem Wunsch nach Rad- und Fußwegen.Für mich war auch wichtig, dass es Verbesserungen im Bereich der Telefonie und des Internets gegeben hat. Vor allem, dass die Firmen schnelle Leitungen haben.Wir haben auch viele Verbesserungen im touristischen Bereich erreicht durch den Ausbau der Rad- und Wanderwege. Mittlerweile hat sich ja auch die Entwicklung bei den Hotelbetten verbessert – in Scherfede, in Germete und zuletzt auch in Warburg. Es ist aber notwendig, da mehr zu machen. Mir hätte vorgeschwebt, einen ausgewiesen Fachmann fürs Fremdenverkehrsamt zu finden, damit wir mehr Leute in die Stadt holen.Es gab aber auch viele kleine Projekte – wie die Holsterburg. Ein Geschenk des Himmels. Für mich stand sofort fest, dass wir die nicht wieder zuwerfen dürfen wie das alte Rathaus auf dem Neustadtmarktplatz. So etwas muss man der Öffentlichkeit präsentieren. Das ist Extraklasse.

Wenn Sie zurückblicken: Welche Entscheidung würde Sie heute gerne rückgängig machen?

Willi Vonde: Daneben geht immer mal was. Zum Beispiel die Entscheidung, die Beste Stadtwerke zu gründen. Das hätten wir lieber bleiben lassen sollen. Die Idee, ein solches Energieunternehmen auf Kreisebene mit mehreren Städten zu etablieren, halte ich nach wie vor für richtig. Nur die Ausführung war nicht gut. Wir haben da in der Geschäftsführung auf das falsche Personal gesetzt. Mit einer vernünftigen personellen Struktur hätte vieles besser laufen können.

Mit welchem Weggefährten haben Sie am liebsten zusammengearbeitet?

Willi Vonde: Für mich war das, auch weil wir uns seit 1975 kennen, Klaus Braun. Wir hatten immer einen intensiven Austausch über politische Fragen. Ich war immer dankbar, dass ich ihn auch in heißen politischen Debatten hatte, weil er die Situation beruhigen konnte.

Mit wem sind Sie überhaupt nicht klargekommen?

Willi Vonde: Eigentlich gibt es da niemanden. Wenn ich Ärger mit jemandem hatte, habe ich es ihm an die Schwarte gesagt. Dann war es auch wieder gut. Ich war nicht zimperlich, aber ich habe mich immer bemüht, nicht verletzend zu sein.

Mit der kommunalen Neugliederung sind Sie Ortsvorsteher und Ratsherr geworden. Was war Ihr Antrieb?

Willi Vonde: Wir hatten in Germete einen Sportplatz, da wurde den ganzen Sommer über mit Genehmigung der Gemeinde Korn gedroschen. Da konnte man nicht mehr spielen. Das hat mich als junger Mann geärgert.Zweiter Punkt war unsere Schützenhalle. Die Stadt Warburg sollte sie wie überall anders auch übernehmen. Da hieß es nur, dass sie so eine alte Bruchbude nicht haben will. Da ist bei mir erst richtig der Ehrgeiz geweckt worden, aus der Halle was Schönes zu machen. Da standen dann auch gute Leute wie Charly Pohl oder Elmar Huhmann zu mir, die dafür gesorgt haben, dass die Halle heute so schön ist.Dritter Punkt: Der alte Stadtdirektor Ludwig Blömeke hat Germete in den 70er Jahren mal als „Kuhschisshausen“ bezeichnet. Das wollte ich ihm doch mal zeigen, was Kuhschisshausen alles kann. Im Laufe der Jahre haben wir dann auf Landesebene dreimal die Silbermedaille bei „Unser Dorf soll schöner werden“ geholt und sind knapp an Gold vorbeigeschrammt. Seine Aussage hat Blömeke dann später korrigiert. Da war er fair. Aber es gab damals auch eine gute Clique von Leuten in Germete, die mitgezogen haben.

Wer sind im Anfang politische Vorbilder gewesen?

Willi Vonde: Das war der Lehrer Anton Plass. Er war der erste, der nach Germete politische Struktur gebracht hat und er war der vorletzte Germeter Bürgermeister.

Als Soldat in Borgentreich konnten Sie Beruf und Politik in den 80er und 90er Jahren unter einen Hut bringen. Welche Erfahrungen bei der Luftwaffe waren in der Politik hilfreich?

Willi Vonde: In Borgen-treich hatten wir ja immer einen irren Durchsatz an jungen Rekruten. Die hatten alle eigene Lebensplanungen. Da musste man zuhören können. Das schult die Menschenkenntnis. Und das habe ich dort sicher gelernt. Auch das sachliche Bewerten von Situationen. Vielen habe ich ja auch geholfen, indem ich ihnen Lehrgänge vermittelt oder dafür gesorgt habe, dass sie überhaupt nach Borgentreich versetzt werden konnten. 95 Prozent der Warburger, die nach Borgentreich wollten, konnte ich das ermöglichen. Ich hatte gute Kontakte ins Kreiswehrersatzamt. Noch Jahre nach meiner Bundeswehrzeit habe ich so noch immer gute Verbindungen zu ehemaligen Soldaten, die heute in ganz anderen Berufen stehen. Das hat mir bei der politischen Arbeit natürlich auch geholfen, wenn ich mal einen Rat oder Informationen brauchte.

1999 wollten Sie hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt werden und waren auch Kandidat des CDU-Vorstandes. Beim Wahlparteitag bot ein anderes CDU-Lager Walter Hellmuth auf, der auch gewählt wurde. Wie bewerten Sie ihre einzige politische Wahlniederlage heute?

Willi Vonde: Bei der Entscheidung war ich enttäuscht von der Unehrlichkeit einiger Leute. Das war ein Zusammenschluss von Landwirten, die mich nicht haben wollten. Die meisten sind schon tot. Die haben unter den Bauern in der CDU vor der Wahl herumtelefoniert. Der Hauptgrund war ja gar nicht meine Person, sondern die wollten dem damaligen Stadtverbandsvorsitzenden Paul Mohr eins auswischen. Später haben sich dann viele bei mir entschuldigt.Als ich nach Welda in die Halle kam, wusste ich, dass das nichts wird. Später habe ich gedacht: Den Triumph gönnst du keinem. Jetzt erst recht. Und ich habe dann als Fraktionsvorsitzender viel Einfluss auf das Tagesgeschäft genommen. Ich musste auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, außer auf die Fraktion.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit der Opposition im Rat?

Willi Vonde: In den letzten Jahren war sie nicht mehr so zuverlässig wenn es um Absprachen ging. Aber in den Jahren zuvor war das anders: ein Mann oder eine Frau, ein Wort! Ein Beispiel: Politisch wäre ich mit Klaus Schulz von den Grünen nie zusammengekommen. Aber wenn wir etwas abgesprochen hatten, dann lief das. Bei der SPD das Gleiche: Wenn ich mit Karl Hellmuth etwas vorbesprochen hatte, dann wurde das so gemacht. Und wenn es in der SPD eine andere Meinung gab, dann hat er mich zumindest vorgewarnt, dass die Absprache womöglich nicht hält. Heute nehmen mir zu oft die kleinen Fraktionen zu viel Redezeit in Anspruch. Meist kann man den ersten Abschnitt der Wortmeldungen sowieso weglassen, weil das Parteitagsgerede, aber keine Sacharbeit ist.

Zwischen der CDU im Norden und Süden des Kreises gab es immer Differenzen. Wie würden sie den innerparteilichen Zusammenhalt heute beschreiben?

Willi Vonde: Die Zusammenarbeit hat sich zuletzt auch durch neue Mitglieder in den Gremien deutlich verbessert. Ich war bis vor zwei Jahren noch im Kreisvorstand. Da war das deutlich zu erkennen. Ich habe schon vor vier Jahren einen Versuchsballon losgelassen und gefragt, wer denn 2020 wohl Landrat werden könnte. Da kamen die meisten Stimmen aus dem Nordkreis, dass Michael Stickeln ein geeigneter Kandidat wäre, ohne dass sie gedrängt wurden.

Den Posten als Fraktionschef wollten Sie schon einige Zeit früher übergeben. Warum ist es nicht dazu gekommen?

Willi Vonde: Das lag einfach an dem sehr guten Wahlergebnis 2014. Damals habe ich in Germete noch einmal fast zehn Prozentpunkte zugelegt. Da war für mich klar, dass man bei einem solchen Vertrauensvorschuss im eigenen Dorf, wo ja immer die größte Abnutzungserscheinung ist, nicht einfach aufhören kann. Da musste ich weitermachen. Es hat in der CDU auch nie Versuche gegeben, mich abzusägen.

Die absolute Mehrheit der CDU bei der jüngsten Wahl begründet sich in den guten Ergebnissen auf den Dörfern. Was machen ihre Parteifreunde dort anders als in der Kernstadt?

Willi Vonde: Ja, man muss, um gute Ergebnisse zu holen, auch am Menschen arbeiten. Auch in der Kernstadt kann man doch mit kleineren Gruppen, die betroffen sind, diskutieren – wie das zuletzt beim Mehrfamilienhaus am Ahornweg passiert ist. Die Kandidaten müssen vielleicht stärker als zuletzt auch die Menschen ansprechen und sich um deren Probleme kümmern, wie das auf den Dörfern selbstverständlich ist. Nur einmal in der Kneipe Prost sagen, reicht eben nicht.

Worauf sind sie in Bezug auf diese Position in Ihrem Heimatort besonders stolz?

Willi Vonde: Für mich war der Hochwasserschutz in Germete ein Antrieb. Ich hab das 1968 selber mitbekommen. Gleich bei Amtsantritt war mein Ziel, hier Abhilfe zu schaffen. Dann habe ich als erstes den Bau des Rückhaltebeckens Teichmühle auf die politische Tagesordnung geholt – und dafür gekämpft, dass es gebaut wird. Das war damals nicht ganz einfach. Es hat fast eine Million D-Mark gekostet, was zur damaligen Zeit sehr viel Geld war. Spätestens mit der Renaturierung des Kälberbachs ist das Ziel erreicht.In den Anfangsjahren gab es den Plan, alle alten Germeter Häuser abzureißen und den Ort komplett zu erneuern. Das konnte doch nicht sein. Die vielen schönen, alten Häuser. Das war mein Einstieg in die Politik. Gegen den damaligen Bebauungsplan für unsere Ortsmitte gab es über 100 Unterschriften. Der Kälberbach sollte geöffnet werden, alle Hauseingänge hätten verlegt werden müssen. Das wäre für viele Bürger und auch für die Stadt finanziell überhaupt nicht zu stemmen gewesen. Da bin ich monatelang Wochenende für Wochenende zu den Bürgern gegangen und gemeinsam haben wir neue Lösungen erarbeitet für die Ortskernsanierung und -entwicklung. Das ist die Grundlage dafür, dass der Ort so ist, wie er ist.

Bei der jüngsten Kommunalwahl ist Ihr Sohn Thomas für die CDU in Germete angetreten – und hat noch einige Prozentpunkte mehr als Sie 2014 geholt. Wurmt Sie das oder macht Sie das stolz?

Willi Vonde: Es freut mich natürlich. Mein Sohn und Nachfolger war schon immer politisch interessiert. Und in der Vergangenheit hat er mir schon so manchen guten Rat gegeben. Er hat in Germete gute Leute, die zu ihm stehen. Das wird gut funktionieren.

Welche Entwicklungen in der Stadt und in Germete hätten Sie gerne noch weiter begleitet?

Willi Vonde: Gerne hätte ich noch erreicht, dass der Kälberbach am Dorfplatz besser genutzt wird. Vielleicht so ähnlich wie beim neuen Wasserspielplatz an der Diemel. Auch in den Germeter Siedlungen muss das Internet schneller werden. Aber da sind wir ja auch auf einem guten Weg. Verbessern muss sich die Situation rund ums Bauland. Wir haben in Germete zu wenige Flächen, auch weil viele Plätze in Privatbesitz sind, aber nicht abgegeben werden. Ich würde dafür plädieren, dass solches Bauland, das nicht innerhalb einer bestimmten Phase zur Bebauung freigegeben wird, planungsrechtlich wieder in Acker- oder Grünland umgewandelt wird. Das Problem haben wir auch in der Kernstadt. Womöglich haben wir irgendwann die Warburger Bebauung bis an die Ostwestfalenstraße. Vielleicht muss man auch darüber nachdenken, leerstehende Geschäfte in der Innenstadt wieder in Wohnraum umzuwandeln.

Wenn sie ein Gesamtfazit der 45 Jahre ziehen sollten, wie würde das aussehen?

Willi Vonde: Ich bin zufrieden. Und es hat mir immer viel Spaß gemacht, um die richtige Meinung und die richtige Entscheidung zu ringen. Und ich werde mit Argusaugen weiter verfolgen, wie sich die Politik in der Stadt entwickelt.

Was fängt Willi Vonde jetzt mit seiner Zeit an?

Willi Vonde: Sicher wieder etwas mehr Sport machen. Und vielleicht - wie mein alter SPD-Kollege Karl Hellmuth - einmal mehr in meine Ferienwohnung nach Kreta reisen.

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