Pflegedienste arbeiten an Konzept – viele Fragen sind noch offen
Corona-Schnelltests: Sinn oder Unsinn?

Warburg (WB). Das Thema Corona beschäftigt Marc und Fritz Ludwig viele Stunden am Tag. Marc Ludwig (38) ist Pflegedienstleiter des ambulanten Pflegedienstes Ludwig (AKH) in Warburg. Sein Bruder Fritz (32) ist Pflegedienstleiter in der Tagespflege Heidhof/Eiserweg.

Freitag, 06.11.2020, 03:00 Uhr
Fritz Ludwig (links) ist Pflegedienstleiter in der Tagespflege Heidhof/Eiserweg, Bruder Marc (rechts) ist Pflegedienstleiter des ambulanten Pflegedienstes Alten- und Krankenpflege Maria Ludwig (AKH). Damit die insgesamt 120 Mitarbeiter sowie die betreuten Kranken und Senioren möglichst effektiv vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt werden können, beschäftigen sich die beiden jeden Tag mit den aktuell geltenden Vorgaben. Von der großzügigen Nutzung der in Pflegeeinrichtungen vorgesehenen Schnelltests halten die Experten nicht viel. Marc Ludwig: „Ein negativer Test gibt eine trügerische Sicherheit.“ Foto: Silvia Schonheim

„Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie ist eine Seniorin, die unsere beiden Dienste nutzt, positiv auf Covid-19 getestet worden,“ erklärt Marc Ludwig. Wo sich die Frau infiziert hat, im Privat- oder Pflegebereich, sei unklar. Insgesamt sechs Mitarbeiter und 14 Senioren befinden sich vorsorglich in Quarantäne.

Sicherheitsmaßnahmen ergriffen

„Wir haben alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen“, betont Fritz Ludwig. Der ambulante Pflegedienst könne ohne Einschränkungen für die Betreuten weiterarbeiten. Und auch die Tagespflege sei – unter den ohnehin geltenden Auflagen wie reduzierte Gästezahl und Tragen einer Gesichtsmaske – geöffnet.

Insgesamt 120 Mitarbeiter sind beim ambulanten Pflegedienst und bei der Tagespflege Ludwig beschäftigt. Die Pflegekräfte arbeiten in beiden Bereichen unter hohen Hygienestandards. Und es gibt immer wieder neue Vorgaben, die einzuhalten sind, und die oft Fragen aufwerfen. „Jetzt sind die Pflegedienste angehalten, zeitnah dem Kreisgesundheitsamt ein ‚Test‘-Konzept vorzulegen“, erklärt Marc Ludwig.

Hintergrund ist eine Testverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die am 15. Oktober in Kraft getreten ist. Diese soll durch Corona-Schnelltests einen besseren Schutz in Pflegeheimen, Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten ermöglichen. Medizinische Einrichtungen können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Coronavirus zu testen. Klingt erstmal gut.

Flächendeckendes Screening

Dennoch hält Marc Ludwig vom ambulanten Pflegedienst nicht viel von diesem flächendeckenden Screening. „Wir könnten theoretisch jeden Patienten im ambulanten Pflegebereich zweimal pro Woche testen. Für Mitarbeiter wäre ein Schnelltest pro Woche möglich – ohne jegliche Krankheitssymptome. Ein Schnelltest kostet sieben Euro. Bezahlt wird das Ganze von den Krankenkassen“, erklärt der 38-Jährige. Die Kosten veranschaulicht er anhand einer Beispielrechnung: „Jeder Patient bräuchte im Monat acht Schnelltests. Betreut also ein Pflegedienst 100 Patienten, würden jeden Monat Kosten in Höhe von 5600 Euro entstehen.“

Aber nicht nur der finanzielle Aufwand lässt ihn an der Strategie der großflächigen Testung zweifeln: „Was habe ich denn von einem negativen Testergebnis? Das ist eine Momentaufnahme und gibt eine Sicherheit, die trügerisch ist.“ Auch zeitlich sei es gar nicht möglich, diese hohe Anzahl an Tests durchzuführen, ohne dass Symptome vorliegen: „Vier Vollzeitkräfte wären allein bei uns im Pflegedienst notwendig, um das zu schaffen.“ Denn auch das Anziehen der nötigen Schutzkleidung zur Testung beanspruche Zeit, mal abgesehen von der Fahrzeit. „Hinzu kommt, dass ein solcher Antigentest zwischen 15 und 30 Minuten dauert. Darf in der Wartezeit auf das Ergebnis in Schutzkleidung mit Visier weiter pflegerisch gearbeitet werden? Wie wird die Schutzausrüstung nach dem Test sicher entsorgt? Das sind alles Fragen, die unklar sind“, sagt Marc Ludwig.

Test-Konzept wird erstellt

Trotz aller Unklarheiten arbeitet das kreisweite Netzwerk „Die Pflege“ an der Erstellung eines Test-Konzeptes. Damit nicht jeder ambulante Pflegedienst für sich ein eigenes Konzept erstellen muss, beschäftigen sich in der AG ambulante Dienste gleich mehrere Pflegedienste aus dem Kreisgebiet mit der Thematik. „In der AG sind wir uns einig, dass man nicht unnötig Geld verbrennen sollte. Patienten und Mitarbeiter sollten nur bei Krankheitssymptomen getestet werden – und zwar nicht durch uns, sondern durch ärztliches Personal“, sagt Marc Ludwig als Sprecher dieser AG im Netzwerk „Die Pflege“.

Wenn die AG das Konzept fertiggestellt und beim Kreis Höxter eingereicht hat, wird das Gesundheitsamt darüber entscheiden.

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