Der neue Landrat Michael Stickeln zieht nach 16 Jahren als Bürgermeister Bilanz
„Warburg wird immer meine Heimat bleiben“

Warburg (WB). Seit 2004 war Michael Stickeln drei Legislaturperioden lang Warburger Bürgermeister. Mit überwältigender Mehrheit ist er jetzt zum Landrat gewählt worden – sein nächster Karriereschritt. Über seine Zeit als Stadtoberhaupt hat er mit dem Warburger WESTFALEN-BLATT-Redaktionsleiter Jürgen Vahle im Interview gesprochen.

Samstag, 03.10.2020, 14:28 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 14:30 Uhr
Familienidylle: Michael Stickeln und seine Frau Kristina Jaekel-Stickeln mit ihren beiden Söhnen. Foto: Daniel Winkler

16 Jahre Warburger Bürgermeister gehen zu Ende, eine neue Aufgabe wartet. Welches Gefühl überwiegt: die Wehmut oder die Vorfreude?

Michael Stickeln: Natürlich überwiegt, auch vor dem Hintergrund des sehr guten Wahlergebnisses, die Vorfreude darüber, als neu gewählter Landrat gemeinsam mit den Menschen und für die Menschen unsere Heimat nachhaltig weiterentwickeln zu können. Da ich das Amt des Bürgermeisters meiner Heimatstadt aber immer mit viel Leidenschaft, Herzblut und großer Freude bis zuletzt ausgeübt habe, gibt es nach 16 Jahren eine ganz gehörige Portion Wehmut. Aber alles hat eben seine Zeit. Die meisten Dinge, die ich mir bei meinem Amtsantritt 2004 vorgenommen habe, sind auch gut umgesetzt.

Für Ihre Familie wird es nun allein wegen der täglichen Fahrzeit nach Höxter nicht einfacher. Wir haben Sie das Ihrer Frau und den Jungs erklärt?

Stickeln: Meine Frau weiß, mit welcher Leidenschaft und mit wie viel Herzblut ich Politik mache und wie wichtig mir das ist. Aus diesem Grunde hat sie meine Kandidatur auch von Anfang an unterstützt. Sie wird sicher auch meine Tätigkeit als Landrat ebenso wie zuvor als Bürgermeister unterstützen. Es ist für mich schon sehr wichtig zu wissen, dass ein großes Verständnis für diese zeitaufwendige Tätigkeit in meiner Familie vorhanden ist. Unsere Jungs verstehen die ganze Entwicklung natürlich noch nicht. Mir ist es als ausgesprochener Familienmensch aber sehr wichtig, die Zeit, die ich mit der Familie verbringe, sehr intensiv und bewusst zu nutzen. Die vergleichsweise längere Fahrzeit nach Höxter ist aber keine allzu große Herausforderung.

In 16 Jahren hat man sich an Arbeitsabläufe und Mitarbeiter gewöhnt. Wer ist Ihnen so wichtig geworden, dass Sie ihn gerne mit nach Höxter genommen hätten?

Stickeln: Da gibt es sicherlich einige, die ich am liebsten mitnehmen würde. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass in Höxter eine ebenso motivierte wie qualifizierte Mitarbeiterschaft auf mich wartet. Die Tagesabläufe als Bürgermeister sind dabei allerdings von Tag zu Tag sicherlich ebenso unterschiedlich wie die Tagesabläufe des Landrats im Kreis Höxter.

In der Warburger Verwaltung galten Sie als Chef, der den Mitarbeitern Einiges abverlangt hat, der keinen Stillstand geduldet hat. Worauf muss sich die ungleich größere Kreisverwaltung nun einstellen?

Stickeln: Die Mitarbeiter der Kreisverwaltung können sicher sein, dass Sie einen authentischen Chef bekommen, der gemeinsam mit ihnen und den Mitgliedern des Kreistags alles daran setzen wird, den Kreis Höxter in allen Bereichen nachhaltig und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

An welchem Tag haben Sie es zum ersten Mal bereut, in Warburg Bürgermeister geworden zu sein?

Stickeln: So wirklich ernsthaft bereut habe ich die Entscheidung zu keinem Zeitpunkt. Jede berufliche Tätigkeit bringt natürlich besondere Situationen mit sich, die einen auch einmal auf die Probe stellen. Das Amt des Bürgermeisters bildet dabei ganz sicher keine Ausnahme. Am Ende des Tages weiß man aber immer, wofür man auch die vielen Herausforderungen und Strapazen auf sich genommen hat – nämlich letztlich zum Wohle der Bürger. Und ich hatte auch sehr viele positive Erlebnisse.

Welche Entscheidung hat Ihnen in den vergangen 16 Jahren die größten Bauchschmerzen bereitet?

Stickeln: Da gibt es in der Tat einige. Beispielhaft möchte ich hier nennen: Die Schließung der geburtshilflich gynäkologischen Abteilung im St.-Petri-Hospital Warburg, die ich damals als Vorsitzender des Aufsichtsrates der St.-Petri-Hospital Warburg gGmbH mittragen musste, um das Krankenhaus in seinem Bestand nicht zu gefährden. Das war für mich eine durchaus emotionale Entscheidung.

Auf welche Entscheidung sind Sie im Rückblick ziemlich stolz?

Stickeln: Stolz ist eine Eigenschaft, die ich mir nicht zuschreibe. Stattdessen würde ich eher von Zufriedenheit und Glücklichsein sprechen. Hierzu zählt sicher die Sicherung des Krankenhausstandortes Warburg, der barrierefreie Umbau der Warburger Innenstadt, die erfolgreiche Bewerbung um die Ausrichtung des Internationalen Hansetages 2036, der erfolgreiche Einsatz zur Rettung des Finanzamtes, die erfolgreiche Bewerbung zur Einrichtung des Hochschulstandortes, die sehr erfolgreiche Konsolidierung der städtischen Finanzen, der Bau der Anbindungsstraße an das Industriegebiet Nord, die Erlebbarmachung der Holsterburg und vieles mehr.

Was hat gar nicht geklappt?

Stickeln: Gar nicht geklappt haben leider unsere gemeinsamen Bemühungen um den Erhalt der Zuckerfabrik und des Milchwerks in Warburg. Auch unsere Bemühungen, Warburg als Hochschulstandort dauerhaft zu etablieren, war leider nicht von längerem Erfolg gekrönt.

Welche Entscheidung würden Sie heute gerne revidieren oder anders treffen?

Stickeln: Da fallen mir spontan zumindest keine Entscheidungen von besonderer Tragweite ein. Sicher gibt es immer mal zum Beispiel Personalentscheidungen, die sich als nicht glücklich erwiesen haben. Aber das würde hier zu weit führen.

Welches Projekt hätten Sie gerne noch durchs Ziel gebracht?

Stickeln: Gerne noch durchs Ziel gebracht hätte ich den baulichen Startschuss für die Umsetzung des integrativen Quartiers „Laurentiushöhe“, von dem ich mir für Warburg für die Zukunft sehr viel verspreche.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit der Fraktionen im Warburger Rat?

Stickeln: Im Großen und Ganzen ist die Zusammenarbeit wirklich sachlich sowie ziel- beziehungsweise ergebnisorientiert gewesen. 90 Prozent aller Entscheidungen sind ja einstimmig getroffen worden. Kurz vor einer Kommunalwahl kann das aber auch mal anders werden. Wichtig ist nur, dass man danach dann wieder zu konstruktiver Zusammenarbeit zum Wohle der Bevölkerung zurückfindet. Dies ist aus meiner Sicht immer gelungen. Und ich gehe auch für die Zukunft davon aus.

Manche Entscheidungen der Gremien hat man Ihnen auch persönlich angekreidet – wie den zwischenzeitlichen Beschluss, das Pennig-Haus abzureißen. Was wirkt davon nach?

Stickeln: Natürlich werden Entscheidungen und Entwicklungen im Positiven wie im Negativen immer zuvorderst dem Bürgermeister zugerechnet. Das ist normal und auch richtig so, da der Bürgermeister als Vorsitzender des Stadtrates und Chef der Stadtverwaltung natürlich auch ein hohes Maß an Verantwortung für die Entwicklung seiner Stadt und dementsprechend auch für die dieser zugrunde liegenden Entscheidungen hat. Mit sachlicher Kritik konnte ich in der Vergangenheit auch immer sehr gut umgehen. Unsachliche Kritik beziehungsweise persönlich verletzende Äußerungen lehne ich dagegen ab und gehe im Zweifel auf so etwas auch gar nicht näher ein. Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Umgangston zuletzt vor allem in sozialen Medien insgesamt rauer geworden ist, auch gegenüber der Verwaltung.

Ohnehin steht man ja als Bürgermeister oft in der Kritik. Welche Strategie hatten Sie, damit umzugehen?

Stickeln: Im Laufe von so vielen Amtsjahren habe ich sicher ein etwas „dickeres Fell“ bekommen. Das ist auch wichtig und hilfreich. Es ist allerdings wichtig, neben dem „dicker gewordenen Fell“ insgesamt nicht dickfellig zu werden. Und wenn man alles an sich ranlässt, bekommt man ein Problem. Aber in solchen Situationen lernt man die Menschen richtig kennen.

Der Warburger Rat hat sich verändert. Andere Gruppen wie die AfD kommen hinzu. Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger für den Umgang mit solchen Parteien?

Stickeln: Politisch legitimierte Parteien haben einen Anspruch darauf, dass sich der Bürgermeister als Vorsitzender des Rates mit ihnen sachlich und objektiv auseinandersetzt. Das ist eine Aufgabe und das ist eine Verantwortung, der er gemeinsam mit den anderen im Rat vertretenen Parteien auch gerecht werden muss.

Wenn Sie eine Glaskugel hätten: Wie würden Sie darin Warburg zum 1000-jährigen Bestehen im Jahr 2036 sehen?

Stickeln: Als eine wirtschaftlich gesunde, familienfreundliche, kulturell facettenreiche, nachhaltige, wirtschaftsstarke Stadt, mit großartigem ehrenamtlichen Engagement, die sich einerseits den mittelalterlichen Charme erhalten, sich andererseits aber auch modern und zukunftsfähig weiterentwickelt hat. Die Bürgerinnen und Bürger identifizieren sich mit ihrer Stadt, feiern stimmungsvoll das 1000-jährige Stadtjubiläum und sind ein ausgezeichneter Gastgeber für den internationalen Hansetag 2036. Und eines ist klar: Warburg wird so oder so immer meine Heimat bleiben.

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