In 16 Jahren hat Michael Stickeln viel bewegt, wenn auch nicht alles erreicht
Gespür für das politisch Mögliche

Warburg (WB). Kein Bürgermeister der Warburger Nachkriegsgeschichte war länger im Amt als Michael Stickeln. 16 Jahre stand der Dösseler an der Spitze von Rat und Verwaltung. Mit seiner Wahl zum Landrat am 13. September verlässt er das Amt als erster Bürger der Stadt und macht Platz für CDU-Parteikollegen Tobias Scherf. Die Fußstapfen, die Stickeln hinterlässt, sind ebenso groß wie die Zahl der Projekte, die unter seiner Führung umgesetzt worden sind.

Samstag, 03.10.2020, 14:37 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 14:40 Uhr
Bürgermeister Michael Stickeln war 16 Jahre im Amt. Kein anderes Stadtoberhaupt der Nachkriegszeit stand so lange an der Spitze der Stadt. In dieser Woche wurde für die „Bürgermeistergalerie“ im Behördenhaus das Abschiedsbild geschossen.

Als Stickeln 2004 erstmals antrat, holte er aus dem Stand heraus 69,4 Prozent der Stimmen. Selbst im tief schwarzen Warburg war das ein grandioses Ergebnis, das man dem damals 36-jährigen Verwaltungsfachmann so nicht zugetraut hatte – zumal es mit Josef „Jupp“ Kremper (SPD) einen ebenso erfahrenen wie beliebten Gegenkandidaten gab.

Als Michael Stickeln 2004 das Amt des Bürgermeisters übernahm, war er vom Ergebnis, 69,4 Prozent, überwältigt.

Als Michael Stickeln 2004 das Amt des Bürgermeisters übernahm, war er vom Ergebnis, 69,4 Prozent, überwältigt. Foto: Jürgen Vahle

2009 konnte Stickeln sein Ergebnis sogar noch einmal toppen. Damals holte er 89,5 Prozent der Stimmen. Die Opposition hatte erst gar keinen Gegenkandidaten aufgestellt. Auch in der Folgezeit blieb der Diplom-Verwaltungs- und Betriebswirt bei den Warburger Bürgern ausgesprochen beliebt. 2014 sicherte er sich mit 75 Prozent der Stimmen seine dritte Amtszeit.

Dass er nun weiterzieht und nach einem höheren Amt gestrebt hat, ist für viele Warburger nur ein konsequenter Schritt. Bedauert wird er aber allerorten. In den vergangenen Monaten gab es kaum eine offizielle Rede, in der nicht das Bedauern über Stickelns Amtsverzicht als Bürgermeister angeklungen ist. Michael Stickeln selber hatte zuletzt immer zu bedenken gegeben, dass die jungen Leute, die 2020 erstmals wählen durften, gar keinen anderen Warburger Bürgermeister als ihn kennen. Demokratie lebe aber auch vom Wandel.

Krankenhaus-Investor eine Abfuhr erteilt

Die politischen Erfolge des Vaters von Zwillingen sind bei Parteikollegen wie politischen Gegnern anerkannt. Die vielleicht wichtigste Entscheidung seiner Zeit in Warburg ist gleich zu Beginn seiner Amtszeit gefallen. Gemeinsam mit CDU-Fraktionschef Willi Vonde sammelte er Informationen gegen die „Neue Pergamon“, die das Warburger Krankenhaus kaufen wollte und sich mit dem Kreis Höxter schon fast einig war. Stickeln lehnte den Verkauf ab – und zog sich den Zorn von Landrat Hubertus Backhaus zu. Wenig später wurde aber deutlich, wie richtig die Entscheidung der Warburger war. Die „Neue Pergamon“ ging in die Insolvenz – und hätte bei einem vorherigen Verkauf das St.-Petri-Hospital womöglich mitgerissen. Der weitere Verlauf ist bekannt. Seriöse Investoren wurden gefunden, das St.-Petri-Hospital zugunsten eines Neubaus abgerissen.

Auch beim Erhalt anderer Einrichtungen hat Michael Stickeln seinen vollen Einfluss erfolgreich in die Waagschale geworfen. Erinnert sei an das von der Schließung bedrohte Finanzamt und das Amtsgericht. Beide gibt es heute noch.

Finanzen in Ordnung gebracht

Als Stickeln 2004 die Stadt übernahm, war Warburg in der Haushaltssicherung. Er zog die Bremse, traf Vereinbarungen mit Vereinen, beispielsweise über die Nutzungsgebühren für Sporthallen, gab die Schützenhallen zurück in die Orte, privatisierte die Musikschule. Die Bürger zogen mit, ohne dass es Stickeln politisch geschadet hätte. Schnell gelang die Haushaltskonsolidierung (Entschuldung, hohe allgemeine Rücklage, keine Kassenkredite) – die Grundlage dafür, dass die Hansestadt trotz der Corona-Krise bislang ausgesprochen stabil dasteht.

Viele Parteikollegen schätzen an Stickeln seinen Weitblick und seine Hartnäckigkeit. So gelang es ihm 2009 im russischen Nowgorod, den Internationalen Hansetag 2036 nach Warburg zu lotsen. In 16 Jahren wird in Warburg zeitgleich auch das 1000-jährige Stadtjubiläum gefeiert.

Für das Projekt „Barrierefreier Um- und Ausbau der Innenstadt“ warb er auch dank guter Kontakte nach Düsseldorf Millionen ein. Bei der Erlebbarmachung der Holsterburg überzeugte er den Rat von der Notwendigkeit, ein Vermögen für die Sicherung der Ruine auszugeben. Mit dem Bau der neuen Anbindungsstraße des Industriegebiets Warburg Nord an die Ostwestfalenstraße wurde ein Jahrzehnte altes Verkehrsproblem beseitigt.

Größte Party seit dem WDR-Musikconvoy

Daneben sind es die vielen kleinen Projekte, die Stickeln auf seiner Habenseite verbuchen kann. Jahrelang wurde darüber diskutiert, dass die Ruine auf dem Desenberg einmal angestrahlt werden müsste. Stickeln gelang es, auch die Naturschützer zu überzeugen. Vielen gut im Gedächtnis geblieben ist auch die Ausrichtung der Veranstaltung „WDR 2 für eine Stadt“. Pop- und Rockgrößen wie Sunrise Avenue, Milow oder Mike and the Mechanics ließen es auf dem Schützenplatz richtig krachen – weil Stickeln mit Hilfe von Stadtarchivar Franz-Josef Dubbi bei einem Ratespiel der Schlauste war. So viel Musikprominenz wie 2011 war zuletzt 1984 in der Stadt gewesen, als auf dem Altstadtmarkt im WDR-Musikconvoy Mike Oldfield, Roger Chapman und Spliff spielten.

Spricht man mit politischen Gegnern, dann überlegen die lange, bis sie etwas finden, was Michael Stickeln mäßig bis gar nicht gelungen ist. Warburg als Hochschulstandort zu etablieren, sei letztlich nicht geglückt. Die Schließung von Zuckerfabrik und Milchwerk sei auch vom Bürgermeister nicht zu verhindern gewesen. Für viele Warburger Ratsmitglieder der Opposition hat er auch bei der Frage des WAR-Kennzeichens zu lange gezögert. Das symbolträchtige Nummernschild war lange Zeit in der Kreis-CDU nicht durchsetzbar. Stickeln wusste das und hielt sich eher bedeckt.

Bürgerprotest unterschätzt

Als die Platanen-Allee am Paderborner Tor gefällt werden sollte, haben die CDU und wohl auch der Bürgermeister die Wucht des Bürgerprotestes deutlich unterschätzt. Nach Alternativen für den Radweg wurde erst gesucht, als 400 Warburger protestierten. Auch beim Café auf dem Neustadtmarkt hätte Stickeln gerne eine (Zwischen)Lösung gehabt.

Wie Michael Stickeln seine 16 Jahre einschätzt, lesen Sie in einem Interview.

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