Emil Herz lässt das Warburg seiner Kinder- und Jugendzeit wieder lebendig werden
Jüdisches Leben am Altstadtmarkt

Warburg (WB). Die Häuser Am Markt 15 und 17 in der Warburger Altstadt zeigt dieses Foto. Entstanden ist es wahrscheinlich wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Samstag, 19.09.2020, 04:00 Uhr
Am Altstädter Marktplatz, frühes 20. Jahrhundert: Die Häuser Am Markt 15 und 17 in der Warburger Altstadt zeigt dieses Foto. Entstanden ist es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Foto: Stadtarchiv

Die Vorgängerbauten dieser beiden Häuser waren am späten Abend des 14. November 1858 abgebrannt. Im nächsten Jahr wurde neu gebaut. Beide Häuser weisen in der Baustruktur und in der Gestaltung große Ähnlichkeiten auf. Das Fachwerk stimmt überein, die Anzahl der Fenster stimmt im Wesentlichen überein und beide haben ein gemeinsames Dach.

Metzgerei und Speisewirtschaft

Im linken Haus betrieb zum Zeitpunkt der Aufnahme Simon Heidt seine Metzgerei und Speisewirtschaft. In diesem Hause lebte 16 Jahre lang Emil Herz, der später als Programmverantwortlicher des Berliner Ullstein-Verlages eine der prägenden Persönlichkeiten des deutschen Verlagswesens werden sollte. Seine verwitwete Mutter Amalie war 1880 mit dem damals dreijährigen Sohn nach Warburg gezogen.

In seinen Lebenserinnerungen, verfasst im Exil in den USA, setzte Emil Herz der jüdischen Gemeinde der Stadt ein Denkmal und ließ das Leben in Warburg zu seiner Kinder- und Jugendzeit wieder lebendig werden.

Zwei Töchter des Metzgers Heidt heirateten 1921 nach Geldern, die Tochter Helene, Ehefrau von Willi Voos, emigrierte im November mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern nach Cincinnati in die USA und entkam so der Vernichtung. Simon Heidts Sohn Ernst, geboren 1901, soll nach örtlicher Überlieferung in die Fremdenlegion gegangen sein und Warburg später als französischer Offizier besucht haben. Wer die Frauen sind, die im Hauseingang und am Fenster im ersten Stock des Hauses zu sehen sind, darüber kann man nur mutmaßen.

Geschichte der Familie Lehmann endet mit Deportation

Neben dem Heidtschen Haus ist das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Lehmann zu sehen. Die Geschichte der Familie Lehmann in Warburg beginnt mit der Zuwanderung eines jüdischen Kaufmanns aus Hannover am Ende des 18. Jahrhunderts, sie endet für Warburg in der vierten Generation mit der todbringenden Deportation von Johanna und Julchen Lehmann 1942.

An der Fassade ist zu lesen, dass das Geschäft S. E. Lehmann Manufaktur- und Modewaren und Herrenkonfektion anbot. Seckel Eduard Lehmann war zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme bereits verstorben, den Betrieb führte sein Sohn Jacob weiter. Er beschäftigte 1892 einen Zuschneider, sieben Hausschneider und einen Reisenden bei einem Betriebskapital von 30.000 Mark und einem Jahresertrag von 5.000 Mark.

Zur Serie

Gemeinsam mit dem Warburger Stadtarchiv im „Stern“ bietet das WESTFALEN-BLATT die Serie „Ein Foto – und seine Geschichte“. Wir haben interessante Motive und selten erzählte Geschichten entdeckt, die wir in loser Reihenfolge in dieser Zeitung aufbereiten sowie auf unseren Online-Kanälen präsentieren. Die bald 1000-jährige Stadtgeschichte bietet eine Fülle an Themen.

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Aus der Ehe von Jacob Lehmann mit Amalie May gingen acht Kinder hervor: Julie, geboren 1869, wurde deportiert und starb 1942 in Theresienstadt; Bertha, geboren 1870, starb 1940 in Warburg; Joseph, der letzte Rabbiner der Berliner Reformgemeinde, starb 1933 in Berlin; Johanna, geboren 1875, Waisenhausdirektorin in Wien und ab 1938 wieder in Warburg, wurde zuerst nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet; Thekla, geboren 1876, heiratete den Berliner Philosophen und Lehrer Benzion Kellermann, konnte nach Großbritannien emigrieren und starb 1951 in Manchester; Julius, geboren 1879 und im Versicherungswesen tätig, wurde mit seiner Frau aus dem scheinbar sicheren Frankreich deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet; Emma, geboren 1881, heiratete einen Nürnberger Fabrikanten und starb 1938 in Berlin; Eduard, geboren 1882 und verstorben 1964, Rechtsanwalt in Saarbrücken, musste nach Frankreich emigrieren, war nach seiner Rückkehr wieder als Anwalt tätig und wurde 1962 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde im Saarland.

Nachkommen von Kindern des 1921 verstorbenen Kaufmanns Jacob Lehmann leben heute im Saarland, in Großbritannien und in den USA.

Rosenmeyersches Haus ist eine Sehenswürdigkeit

Im Foto rechts angeschnitten ist das Haus der Familie Oebike. Bei Küster Andreas Oebike war Familie Lehmann nach dem Brand 1858 für ein Jahr untergekommen. Im Jahr 1909 gehörte das Haus zweien seiner Söhne, dem Pastor Richard Oebike in Frohnhausen und dem Rendanten a.D. Franz Oebike. Es wurde von Heinrich Sievering bewohnt. Als Rosenmeyersches Haus gehört es, 1746 erbaut, heute zu den Sehenswürdigkeiten in der Altstadt.

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