Margot Flügel-Anhalt fährt 18.000 Kilometer durch Asien
»Abbrechen kam mir nicht in den Sinn«

Warburg (WB). Mit 64 Jahren setzt sich Margot Flügel-Anhalt zum ersten Mal auf ein Motorrad – und fährt einfach los: Von ihrem kleinen Dorf Thurnhosbach in Nordhessen aus 117 Tage und 18.046 Kilometer lang mit der 125er-Reiseenduro durch Zen­tralasien. Ab dem 12. September ist der Film »Über Grenzen«, der ihre Reise dokumentiert, auch im Warburger »Cineplex« zu sehen. Vor dem Filmstart sprach sie mit Alice Koch über bewegende Momente, Mut und neue Reisepläne.

Dienstag, 03.09.2019, 10:00 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 11:40 Uhr
Mit 64 Jahren begibt sich Margot Flügel-Anhalt mit einer 125er-Reiseenduro auf eine abenteuerliche Reise durch Osteuropa und Zentralasien. Das Filmteam, Paul Hartmann und Johannes Meier, hat die Nordhessin im Pamir-Gebirge in Tadschikistan begleitet.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Reise zu machen?

Margot Flügel-Anhalt: 2009, auf einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Ulan Batar erlebte ich zum ersten Mal diese geheimnisvolle Mongolei. Auf dem Rückflug über das Altaigebirge schwor ich mir wieder nach Zentralasien zurückzukommen. Eigentlich wollte ich mit einem Muli wandern… Diese Story ist ausführlich in meinem Buch »Über Grenzen« beschrieben, das im DuMont-Verlag herausgegeben wird. Mein Sohn besorgte mir schließlich ein kleines Motorrad. Eine 125er, mit der ich dann die Tour über den Pamir Highway plante.

 

Wie und wie lange haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Flügel-Anhalt: Über zwei Jahre habe ich die Tour geplant mit Impfungen, Visa, Reiseroute, Sammeln von Infos über die Länder, durch die ich reisen wollte. Ich versuchte, mit dem Motorrad klarzukommen, besorgte Ersatzteile und tourte durch die schottischen Highlands, um Fahrpraxis zu bekommen. Ich hatte keinen Motorrad-Führerschein, sondern fuhr mit meinem alten, grauen Lappen…

Welches war der schönste Moment?

Flügel-Anhalt: Der schönste Augenblick war der Moment, als ich oben auf über 4000 Metern Höhe die Grenze nach Tadschikistan überschritt und in dieser traumhaft faszinierenden Bergwelt des Pamir entlang der chinesischen Grenze entlang fuhr.

Und welches war der schlimmste Moment?

Flügel-Anhalt: Die schwierigsten Momente erlebte ich auf der Strecke davor: der Auffahrt am Kyzyl-Art-Pass von Kirgistan nach Tadschikistan. Es hatte tagelang zuvor geschneit. Die Piste war eine einzige Schlammhölle. Ich stürzte… Dieses Inferno auf 4000 Metern Höhe ist eindrucksvoll im Film »Über Grenzen« zu erleben, der ab dem 12. September bundesweit in die Kinos kommt.

Die Bergwelt entlang des Pamir gehörte für die Nordhessin zu den faszinierendsten Eindrücken ihrer Reise.

Die Bergwelt entlang des Pamir gehörte für die Nordhessin zu den faszinierendsten Eindrücken ihrer Reise. Foto: Streetsfilm

Haben Sie unterwegs mal daran gedacht, die Reise abzubrechen und den nächsten Flieger nach Hause zu nehmen?

Flügel-Anhalt: Abbrechen kam mir zu keinem Zeitpunkt in den Sinn. Es gab ja immer Menschen, die mir weiter geholfen haben. Und die kleine Honda hatte keine unbehebbaren technischen Probleme.

Was hatten Sie alles in Ihren Packtaschen?

Flügel-Anhalt: In meinen Packtaschen waren die übliche kleine Menge an Bekleidung für Minusgrade im Pamir und für die über 40 Grad Celsius im Iran. Zelt, Schlafsack, Feldküche, Ersatzteile und Werkzeug für die Enduro, Karten, Handy, Ersatzbrille, Medikamente.

Haben Sie Ihre Tagesrouten immer so geplant, dass Sie an einem sicheren Ort übernachten konnten?

Flügel-Anhalt: Ich konnte mit dem Motorrad immer in festen Häusern übernachten.

Übernachten, Essen, Benzin – hatten Sie das gesamte Reisebudget mit dabei? Auf Ihrer Route gab es ja sicher nicht an jeder Ecke einen Geldautomaten...

Flügel-Anhalt: Außer im Iran kann man, zumindest theoretisch, Geld vom Automaten abheben.

Sie haben keinen Motorradführerschein und sind auch keine »Schrauberin«. Hatten Sie keine Bedenken, dass Ihre 125er-Enduro auf einer einsamen Wüstenpiste den Geist aufgibt?

Flügel-Anhalt: Bedenken schon. Aber ich glaubte daran, dass mir jemand helfen würde, wenn ich eine technische Panne hätte. Und so war es dann auch.

Eine Frau, alleine auf dem Motorrad unterwegs im Iran. Hatten Sie keine Angst?

Flügel-Anhalt: Nirgendwo als im Iran ist man als Frau sicherer unterwegs. Man ist dort eine solche Attraktion, dass niemand einen Übergriff wagen würde. Ich übe seit vielen Jahren die Kampfkunst WingTsun aus. Ich bin nicht wirklich ein Opfer.

Vier Rad-Touristen sind in Tadschikistan auf der Pamir-Route nahe der Grenze zu Afghanistan von Terroristen getötet worden, auf einer Strecke, die Sie wenige Tage zuvor selbst gefahren sind. Hat dieser Anschlag Ihre Reisepläne verändert?

Flügel-Anhalt: Es waren Fahrradfahrer aus USA, der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden. Sie hatten sich als Gruppe zusammengeschlossen, um die Gegend nahe des Wakhan Corridors gemeinsam zu fahren – wie das Auswärtige Amt empfiehlt. Das kann ihnen zum Verhängnis geworden sein. Ich war allein unterwegs und daher weniger interessant als ­Opfer. Ich bin, mit dem Gefühl großer Traurigkeit, weiter gefahren.

Wie kam der Kontakt zum Filmteam zustande?

Flügel-Anhalt: Ich kenne Johannes Meier und Paul Hartmann seit vielen Jahren aus der Zusammenarbeit beim Jungen Theater Eschwege. Sie erfuhren von meinen Reiseplänen und entschlossen sich kurzfristig, mich insgesamt zwölf Tage von 117 Reisetagen zu begleiten.

Inwiefern hat diese Reise Sie als Mensch verändert?

Flügel-Anhalt: Ich bin noch dankbarer geworden für das saubere Wasser, das ich in Deutschland trinken kann. Für die Demokratie, in der ich lebe, und den Frieden in unserem Land.

Sie beschreiben die Heimreise zurück nach Deutschland als einen schweren Schritt. Haben Sie schon Pläne für einen weiteren Road-Trip?

Flügel-Anhalt: Ich werde im Oktober wieder aufbrechen und mit meinem alten Benz durch den Iran, Pakistan, Indien, Myanmar und Thailand reisen. Dort miete ich mir ein Motorrad und fahre weiter durch Laos.

Trip im Kino

Die Kinotour des Dokumentarfilms »Über Grenzen« macht in Warburg Station. Protagonistin Margot Flügel-Anhalt und Regisseur Johannes Meier werden am Mittwoch, 4. September, um 19.30 Uhr im Rahmen ihrer Kinotour ihren Dokumentationsfilm dem Warburger Publikum vorstellen. Sowohl Protagonistin als auch der Filmemacher sind im Cineplex Warburg zu Gast und stehen dem Publikum für ein Filmgespräch sehr gerne zur Verfügung. Ab 12. September kommt der Film dann regulär ins Kino, so auch in Warburg.

 

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