Theater: Weltklassiker »Madame Bovary« bewegt Besucher im Pädagogischen Zentrum
Der Tristesse davontanzen

Warburg(WB). Emma liest. Das ist die erste Szene von »Madame Bovary« in der Inszenierung des Künstler- und Theaterkollektivs Theater Wahlverwandte, die am Dienstag im Pädagogischen Zentrum im Rahmen der Warburger Theaterreihe aufgeführt wurde.

Donnerstag, 07.02.2019, 09:00 Uhr
Das Ensemble des Künstler- und Theaterkollektivs Theater Wahlverwandte hat das Publikum im PZ begeistert. Foto: Mark Noormann

Die junge Emma versinkt in einem Roman, rollt sorgenfrei auf dem Boden herum, während Stimmen aus dem Off Sequenzen aus den Büchern wiedergeben wie Leitfäden oder Inspirationen für das Leben.

Brennende Leidenschaft nach mehr

Vor 160 Jahren erschuf Gustave Flaubert seine Romanheldin, zerrissen zwischen den Pflichten als Ehefrau und Mutter, deren Erfüllung von ihr erwartet werden, und der Sehnsucht und brennenden Leidenschaft nach mehr, die sie zuerst in die Arme diverser Liebhaber und schließlich in den Abgrund treiben.

1856 erschien die Geschichte als Mehrteiler im Feuilleton der Zeitschrift Rue de Paris. Ein Jahr später kam »Madame Bovary« als Buch auf den Markt, begründete die moderne objektive Erzählungskunst und leitete damit eine neue Epoche in der Geschichte des Romans ein, wie Jürgen Seul im Legal Tribune Online 2011 schrieb. Die Freizügigkeit seiner Protagonistin brachte Flaubert einen Prozess wegen Verstoßes gegen Moral, Religion und gute Sitten ein, bei dem er jedoch freigesprochen wurde.

Das Leben ist kein Schundroman

Madame Bovary ist vom Leben enttäuscht. Die Wirklichkeit kann mit ihrer Phantasie nicht standhalten. Und nicht ganz unschuldig an ihrer Unzufriedenheit sind die Bücher – die »Schundromane«, wie die Schwiegermutter sie nennt – die Emma Bovarys Verständnis von Wirklichkeit und Illusion ebenso verzerren, wie die Ego-Shooter-Spiele, denen heutige Jugendliche bis hin zum Realitätsverlust verfallen können. »Emma Bovary konstruiert sich ihre Weltsicht aus der Lektüre von Romanen, sehnt sich nach der Leidenschaft und den dramatischen Schicksalswendungen, die ihr dort begegnen«, formuliert es Wolfgang Seidenberg für das Programmheft.

Lisa Wildmann führt als feengleiche Emma Bovary durch die tragische Lebensgeschichte der Titelheldin. An ihrer Seite Ehemann Charles (Christian Kaiser), ein Landarzt, der seine Frau zwar abgöttisch liebt, sie jedoch nicht zufriedenstellen kann, weil er ihren Ansprüchen nicht genügen kann und diese auch nicht erkennt. Emma sucht zuerst noch platonisch die Zuneigung des Studenten Léon (Sebastian Strehler), der ihre Liebe zur Literatur teilt, jedoch zum Studium nach Paris geschickt wird. Ein Schicksal, dass er mit Autor Flaubert teilt, der ebenfalls in der Hauptstadt Jura auf Wunsch seiner Familie studieren musste.

In die falschen Männer verliebt

Ihre Liebe zu den falschen Männern wie dem Landadligen Rodolphe (Hans Piespergen), ihre Verschwendungssucht und auch ihr Egoismus treiben Emma schließlich in den Suizid und ihre Familie in den Ruin. »Der Realismus berührt das Herz nicht«, zitiert Léon in Emmas Gegenwart und sie selbst kann nur empört schnauben, als der Abbé ihr bei der Beichte rät, der Armen und der Flüchtlinge zu gedenken. Sie fühlt sich von dem Geistlichen im Stich gelassen.

Der oft verfilmte Stoff kommt in der Inszenierung der Wahlverwandten mit einer Handvoll Schauspieler aus, die in verschiedene Rollen schlüpfen und abwechselnd als Erzähler fungieren. Herausstechend dabei die rauchige Stimme von Ursula Berlinghof als Apotheker Homais oder als giftige Schwiegermutter.

Drei weiße Drehtüren bilden geschlossen eine Wand im Hintergrund der Kulisse, verwandeln sich im Spiel jedoch in ein Karussell, in dem die Protagonisten durch das Stück wirbeln. Mal schnell, mal in Zeitlupe, was die Trivialität der ländlichen Gesellschaft betont. Hofnarren gleich amüsieren sie das Publikum, während Lisa Wildmann als Emma einer Primaballerina gleich anfangs leichtfüßig, später immer abgehackter und schwermütiger ihrem Ende entgegen tanzt.

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