Ausbildungsbörse am Warburger Berufskolleg bietet Schülern und Unternehmen Chancen »25 Prozent brechen Ausbildung ab«

Warburg (WB). Etwa 300 Schüler, die im Jahr 2018 oder 2019 ihren Abschluss am Johann-Conrad-Schlaun-Berufskolleg in Warburg machen, informieren sich morgen, Freitag, bei der schulinternen Ausbildungsbörse über das aktuelle Berufeangebot. Lehrerin Christiane Ellermann (50) organisiert diese Veranstaltung. Im Gespräch mit WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Michaela Weiße berichtet sie, warum die Ausbildungsbörse so wichtig für Schüler und Unternehmen ist.

Lehrerin Christiane Ellermann organisiert die Ausbildungsbörse am Johann-Conrad-Schlaun-Berufskolleg.
Lehrerin Christiane Ellermann organisiert die Ausbildungsbörse am Johann-Conrad-Schlaun-Berufskolleg. Foto: Michaela Weiße

Wie lange gibt es die Ausbildungsbörse am Johann-Conrad-Schlaun-Berufskolleg schon und wie hat sich diese im Laufe der Jahre verändert?

Christiane Ellermann: Nachdem bis 2012 insgesamt drei Ausbildungsbörsen, unter anderem organisiert durch die Stadt Warburg, für alle Schüler der Schulen in und rund um Warburg in der Warburger Stadthalle stattgefunden haben, aber keine Neuauflage erfahren haben, hat sich das Johann-Conrad-Schlaun-Berufskolleg dazu entschlossen, schulintern eine eigene Ausbildungsbörse zu organisieren. Seit dem Schuljahr 12/13 finden pro Schuljahr zwei schulinterne Ausbildungsbörsen statt. Immer mehr Unternehmen der Region äußern den Wunsch, ihre Praktikums-, Ausbildungs- und Studienangebote den Schülern direkt vor Ort vorstellen zu können. Das Thema der Fachkräftegewinnung besitzt ganz besonders im Kreis Höxter mit seiner Randlage eine hohe Bedeutung.

Berufs- und Studienwahl ist häufig mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden

Wie sieht es mit den Berufswünschen der Schüler aus? Stehen diese schon früh fest oder fällt die Berufswahl schwer?

Christiane Ellermann: Schülern fällt es nicht immer leicht, die richtige Berufs- beziehungsweise Studienwahlentscheidung zu treffen. Gerade der Schritt aus dem Vollzeitschulsystem heraus ist häufig mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Mit dieser Veranstaltung möchte das Warburger Berufskolleg somit nicht nur die Betriebe unterstützen, sondern auch den Schülern direkte Informationen vor Ort und erste persönliche Kontakte ermöglichen und so zu einem erfolgreichen Schritt ins Berufs- beziehungsweise Studienleben beitragen. Es gibt Schüler, deren Berufs- oder Studienwunsch schon sehr lange feststeht, viele haben hingegen Probleme, sich entsprechend zu orientieren. Diese Unsicherheit nimmt trotz immer besserer digitaler Informationsmöglichkeiten und Praktikumszeiten, die im Rahmen von Schulpflichtpraktika abgeleistet werden müssen, zu.

Welchen Einfluss hat die Ausbildungsbörse auf die Schüler? Ist sie eine große Orientierungshilfe?

Christiane Ellermann: Wir hoffen, Schüler schon früh zu sensibilisieren, dass ein frühzeitiges, eigenes Kümmern notwendig ist. Hier ist die Eigeninitiative der Lernenden gefragt und das nicht erst kurz vor Schluss der Schulzeit. Mit dem Präsentationsangebot erreichen wir leider nicht jeden Schüler. Wer Infos aus den Unternehmensangeboten ziehen will, hat hier vor Ort die optimale Gelegenheit dazu. Bis hin zu einem möglichen Speed-Dating am Ende der Ausbildungsbörse.

Wie erfolgreich ist die Ausbildungsbörse? Finden Schüler und Unternehmen oft zusammen?

Christiane Ellermann: Alle Teilnehmer sind nach den Abfragen zufrieden mit dem Veranstaltungsprogramm. Die Teilnahme ist für die Schüler verbindlich. Jeder muss drei Unternehmen pro Börse besuchen. Wie viele Ausbildungsverhältnisse direkt aus unseren Börsen entstanden sind, lässt sich schwer nachhalten, da die Betriebe neben der Teilnahme an unseren Börsen diverse weitere Möglichkeiten nutzen, um potenzielle Fachkräfte zu gewinnen.

Wie ist das Interesse der Unternehmen an der Ausbildungsbörse?

Christiane Ellermann: Die erste Ausbildungsbörse hat vor sechs Jahren mit sieben Unternehmen angefangen. In den letzten drei Jahren haben wir an beiden Terminen immer 20 bis 25 Unternehmen als Teilnehmer gehabt. Die Unternehmen kommen nicht umhin, verschiedenste Veranstaltungen dieser Art zu besuchen, um sich immer wieder in Erinnerung zu rufen und letztendlich gute Bewerber zu erhalten.

Fachkräftemangel gefährdet Wachstum der heimischen Betriebe

Hat sich der Ausbildungsmarkt aufgrund des Fachkräftemangels zugunsten der Schüler gedreht? Wie ist Ihre Einschätzung?

Christiane Ellermann: Der Fachkräftemangel ist schon in vielen Branchen zu verzeichnen und wird letztendlich das Wachstum der heimischen Betriebe gefährden. Es fehlen nicht nur gute, leistungsfähige Bewerber, sondern es werden zusätzlich in den nächsten Jahren viele Erwerbstätige in den Ruhestand gehen. Insofern haben Schüler, die mit entsprechenden Noten und Interesse für bestimmte Berufsbereiche die Schulen verlassen, gute Einstellungschancen. Mitzubringen ist von Seiten der Bewerber auch Flexibilität und Mobilität, wenn es um die Wahl des richtigen Ausbildungsberufes und der dazugehörigen Ausbildungsstelle geht. Des Weiteren ist natürlich auch Durchhalten während der Ausbildung angesagt. Die Quote der Ausbildungsabbrecher liegt immerhin bei circa 25 Prozent.

Sollten die Schüler jetzt die  Chance auf dem arbeitnehmerfreundlichen Ausbildungsmarkt ergreifen oder sich schulisch weiterqualifizieren?

Christiane Ellermann: Das kommt ganz auf den Schüler, seine Ausgangskonstellation und die Berufsrichtung, die er ergreifen möchte, an. Das Berufskolleg sieht sich nicht als Konkurrent zu Industrie und Handwerk, sondern ergänzt das weiterführende Angebot nach Klasse 9 beziehungsweise 10, da sich nicht alle Schulabsolventen der Sekundarstufe I um einen Ausbildungsplatz bemühen, eventuell trotz Bemühen keine Ausbildungsstelle bekommen oder aber für ihren weiteren beruflichen Weg erst eine höhere schulische Weiterqualifizierung benötigen.

Duale Ausbildung ist immer noch ein Vorzeigemodell

Welchen Stellenwert hat die duale Ausbildung im internationalen Vergleich?

Die duale Ausbildung in Deutschland ist immer noch ein Vorzeigemodell für andere Länder, welche diese Form der beruflichen Erstausbildung nicht haben. An der dualen Ausbildung führt im deutschen System kein Weg vorbei. Berufsschule und Ausbildungsbetrieb arbeiten hier eng zusammen, um nach zwei bis dreieinhalb Jahren eine gut ausgebildete Fachkraft zu haben, welche die entsprechende berufliche Abschlussprüfung der Kammer erfolgreich bestanden hat.

Welche Qualifikationen – über die schulischen Leistungen hinaus – sollten die Schüler auf jeden Fall für eine Ausbildung mitbringen?

Christiane Ellermann: Es gibt zahlreiche Kriterien, die für die so genannte Ausbildungsreife notwendig sind. Dazu gehören unter anderem Texte verstehen, wirtschaftliche Grundkenntnisse, Daueraufmerksamkeit, Kommunikationsfähigkeit, Umgangsformen und Verantwortungsbewusstsein. Bei diesen Merkmalen handelt es sich ausschließlich um grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten, die berufsunspezifisch sind. Ist eine Person ausbildungsreif, gilt als nächstes zu klären, für welchen Beruf sie geeignet ist. Um eine Lehrstelle zu erhalten, müssen neben der Ausbildungsreife und der Berufseignung spezifische Bedingungen der Vermittelbarkeit gegeben sein: Diese werden auf der Ausbildungsplatzangebotsseite zum Beispiel definiert über spezielle betriebliche Einstellungskriterien oder die regionale Marktsituation. Auch Aspekte wie das Erscheinungsbild des Jugendlichen und sein Auftreten spielen eine Rolle. Oder auch eine schlechte Verkehrsanbindung des Wohnortes. Dies ist im Kreis Höxter ein besonders großes Problem.

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