Jugenddorf sucht liebevolle und flexible Menschen – Teil 2: Bereitschaftspflegefamilie Schutz und Sicherheit schenken

Warburg (WB). Verwahrlosung und Misshandlung: Zuhause ist nicht für alle Kinder ein Ort, an dem sie Liebe und Geborgenheit finden. Wenn Eltern ihren eigenen Kindern schaden, müssen die Kleinen aus ihrer Notsituation befreit werden. Was sie dann brauchen, sind liebe Menschen, die sie in Obhut nehmen und ihnen Schutz bieten. Das Jugenddorf Petrus Damian in Warburg sucht dringend Bereitschaftspflegefamilien.

Von Michaela Weiße
Kinder sind im eigenen Zuhause nicht immer sicher: Einige werden zu Opfern von Verwahrlosung und Misshandlung.
Kinder sind im eigenen Zuhause nicht immer sicher: Einige werden zu Opfern von Verwahrlosung und Misshandlung. Foto: dpa

Ein Zuhause auf Zeit schenken

»Denn der Bedarf ist groß«, erklärt Peter Meier-Laqua, Fachbereichsleiter für familienanaloge Betreuungsformen im Jugenddorf. Derzeit verfüge die Einrichtung über 17 Bereitschaftspflegefamilien. Zu einer von ihnen gehört auch Petra Müller (Name geändert) aus dem Kreis Höxter.

Die 49-Jährige hat vor viereinhalb Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern entschieden, Kindern ein Zuhause auf Zeit zu schenken. »Ich möchte nichts anderes mehr machen«, sagt die Bereitschaftspflegemutter, die sich gerne der Herausforderung stellt, die diese Aufgabe mit sich bringt. Mehr als zehn Kinder haben in ihrer Familie bereits Zuflucht gefunden.

Opfer von Verwahrlosung und Misshandlung

Seit einem Jahr leben nun vierjährige Zwillinge bei Familie Müller. Welch schlimmem Schicksal die beiden Jungen in ihren ersten drei Lebensjahren ausgesetzt waren, lasse sich zum Teil nur erahnen. »Sie kannten kein draußen«, berichtet die Pflegemutter von der damaligen Situation. Autos, Vögel und die Außenwelt allgemein habe die beiden Brüder in Panik versetzt. Dass die Kinder bei den Mahlzeiten das Essen maßlos in sich hineinstopften, zeigte der Familie auch, dass die Kinder auch kein regelmäßiges Essen kannten.

Zudem ließ das Wühlen im Müll auf der Suche nach Essensresten ebenfalls Rückschlüsse auf das bisherige Leben der Kinder schließen, erzählt die 49-Jährige. »Im Laufe des Jahres haben die beiden große Fortschritte gemacht«, freut sich die Pflegemutter. Nicht nur was das Verhalten betrifft, sondern auch sprachlich und motorisch hätten die Jungen bereits viel gelernt.

»Ganz wichtig ist ein strukturierter Tagesablauf«, sagt Petra Müller. Das gebe den Kindern Sicherheit. Sicherheit, die sie vorher nicht kannten und nun unbedingt bräuchten, weiß auch Isolde Obermann, die im Jugenddorf Petrus Damian für die familienanalogen Betreuungsformen zuständig ist.

Bereitschaftspflegefamilien müssen flexibel und spontan sein

Wie lange die Kinder bei Familie Müller bleiben, steht derzeit noch nicht fest. »Die Unterbringung eines Kindes in der Bereitschaftspflegefamilie sollte so kurz wie möglich und so lange wie nötig sein, um eine angemessene, geeignete Perspektive zu entwickeln«, sagt Peter Meier-Laqua. Zurück in die Herkunftsfamilie oder die Unterbringung in einer Dauerpflegefamilie? Diese Frage gelte es immer zum Wohl des Kinder zu klären. Gutachten werden erstellt, manchmal stünden auch Gerichtsverhandlungen an, erklärt Isolde Obermann das Prozedere. Daher sei die Dauer, die die Kinder in der Bereitschaftspflegefamilie bleiben, von Fall zu Fall sehr verschieden.

Peter Meier-Laqua und Isolde Obermann im Gespräch mit der Pflegemutter. Foto: Weiße

Bereitschaftspflegefamilien sollten über Lebens- und Erziehungserfahrung verfügen, berichtet Peter Meier-Laqua von den Anforderungen. Vor der Aufnahme eines Kindes werden die Pflegefamilien durch die Mitarbeiter des Jugenddorfes intensiv darauf vorbereitet. »Die Familien sollten ein hohes Maß an Flexibilität und Spontanität mitbringen«, erklärt Isolde Obermann. Nicht selten erhalten Bereitschaftspflegeeltern die Anfrage, ob sie sofort an diesem Tag ein Kind bei sich aufnehmen können, so die Mitarbeiterin des Jugenddorfes. Denn: Holt das Jugendamt ein Kind aus einer Familie, dann muss alles ganz schnell gehen.

»Zudem sollte ein Elternteil nicht berufstätig sein«, zählt Isolde Obermann eine weitere Voraussetzung auf. Viele Termine, wie unter anderem Treffen zwischen den Kindern und ihren Herkunftsfamilien im Beisein der Mitarbeiter des Jugenddorfes, stünden auf dem Programm. Die Bereitschaftspflegefamilien erhalten dabei stets die Unterstützung des Warburger Jugenddorfes. Die Erreichbarkeit des Beraters ist auch außerhalb der üblichen Dienstzeiten gegeben, erklärt Isolde Obermann.

Neue Perspektive für das Kind finden

Ist eine Lösung für das Kind gefunden, dann verlässt es die Bereitschaftspflegefamilie. Doch kann man das liebgewonnene Kind dann einfach so gehen lassen? »Man weiß vorher, dass das Kind nicht für immer bleibt. Der Bezug wird dann nicht so stark wie bei einem eigenen Kind aufgebaut«, erklärt die Pflegemutter.

Auch die Kinder werden darauf vorbereitet, dass es sich bei der Bereitschaftspflegefamilie nur um einen temporären Aufenthalt handelt. Ist dann beispielsweise eine liebevolle Dauerpflegefamilie gefunden, dann freut sich das Kind auch auf das neue, dauerhafte Zuhause, weiß Petra Müller aus eigener Erfahrung. Und bei ihr und ihrer Familie bliebe ein gutes Gefühl zurück, dass sie das Kind auf seinem schweren Weg begleitet haben und nun in eine glückliche Zukunft verabschieden können.

Interessierte können sich am Dienstag, 29. Mai, um 19 Uhr bei einer Infoveranstaltung im Jugenddorf über die familienanalogen Betreuungsformen informieren. Weitere Informationen gibt es auch unter Telefon 05641/7730. Das WESTFALEN-BLATT stellt in der nächsten Folge das »Betreute Wohnen in Gastfamilien« vor.

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