Biologe Dr. Burkhard Beinlich empfiehlt das Füttern von Vögeln Nahrungssuche wird immer schwerer

Warburg (WB). Ist die Fütterung von Vögeln sinnvoll oder nicht? Dieses Thema wird unter Tierfreunden häufig diskutiert. Dr. Burkhard Beinlich, wissenschaftlicher Leiter der Landschaftsstation des Kreises Höxter, gibt im Interview Antwort auf diese und weitere Fragen rund um die Vogelwelt.

Von Michaela Weiße
Ein Rotkehlchen sucht eine Futterstelle auf. In einem harten Winter rät Biologe Dr. Burkhard Beinlich den Vögeln fettreiches Futter, wie beispielsweise Meisenknödel oder Sonnenblumenkerne im selbst ausgelassenen Talg, anzubieten.
Ein Rotkehlchen sucht eine Futterstelle auf. In einem harten Winter rät Biologe Dr. Burkhard Beinlich den Vögeln fettreiches Futter, wie beispielsweise Meisenknödel oder Sonnenblumenkerne im selbst ausgelassenen Talg, anzubieten. Foto: dpa

Ist die Fütterung von Vögeln im Winter sinnvoll oder finden die Tiere bei den milden Temperaturen ohnehin genügend Futter?

Dr. Burkhard Beinlich: Wenn der Winter hart ist und vor allem, wenn eine Schneedecke liegt, macht die Fütterung von Vögeln auf jeden Fall Sinn. Denn dann ist den Vögeln der Zugang zu Futterquellen zum Beispiel am Boden unter Laub etc. verwehrt. Aber diese Situation tritt ja nur noch selten ein. Bis vor wenigen Jahren war man der Ansicht, dass man Vögel bei milder Witterung nicht füttern solle, da auf diese Art und Weise die Arten, die nicht in den Süden ziehen, bevorteilt werden. Sie kommen gut durch den Winter und können – wohlgenährt – frühzeitig Nisthabitate besetzen. Die aus dem Süden zurückkehrenden Vögel sind bei Ankunft hier bei uns zunächst völlig erschöpft, so dass sie in der Konkurrenz mit den hiergebliebenen Vögeln dann häufig den kürzeren ziehen.

Warum wird dies heute von namhaften Ornithologen durchaus auch anders gesehen?

Dr. Burkhard Beinlich: Aufgrund des mangelhaften Nahrungsangebotes in der Feldflur und auch in den modernen Gärten haben die hier überwinternden Vögel zunehmend Probleme, sich noch ausreichend zu ernähren. Da macht eine Fütterung dann doch durchaus Sinn. Sinn macht eine moderate Fütterung aber auch noch aus einem anderen Grunde. Die Vögel an der Futterstelle bieten dem Menschen Einblicke in deren Verhalten und bringen die Tiere dem Menschen näher. Dies fördert das Naturverständnis, was insbesondere für die Jüngeren unter uns wichtig ist.

In welchem Zeitraum sollten Vögel gefüttert werden?

Dr. Beinlich: Wie schon oben erwähnt, kann es heute durchaus Sinn machen, Vögel das ganze Jahr über zu füttern. Dies gilt insbesondere in Landschaften, die nicht mehr so viel zu bieten haben (also großflächig ackerbaulich genutzte Bereiche, wo Säume, Altgrasbestände, Hecken oder Wälder fehlen). Dies auch vor dem Hintergrund des Rückgangs an Insekten. Allerdings hilft das spezialisierten Insektenfressern wie zum Beispiel den Schwalben nicht weiter.

Welches Futter eignet sich am besten?

Dr. Beinlich: In einem harten Winter ist fettreiches Futter angezeigt (zum Beispiel Meisenknödel oder Sonnenblumenkerne im selbst ausgelassenen Talg). Bei gekauften Knödeln etc. sollte man nicht das Billigste nehmen – die Vögel sind da durchaus wählerisch. Ansonsten bieten sich diverse Körnermischungen an, die man im Fachhandel lose kaufen kann und sich so auch selbst zusammenstellen kann. Waldvogelmischungen sind bei Vögeln besonders beliebt. Insbesondere für Amseln bietet es sich an, halbierte Äpfel auszulegen. Diese werden, selbst wenn sie schon verschrumpelt sind, gerne angenommen.

Wie und wo ist das Futter am besten zu platzieren?

Dr. Beinlich: Das Futterangebot sollte an einem trockenen Platz und sicher vor Katzen etc. angeboten werden. Weiterhin sollte die Futterstelle gut einsehbar sein, damit die umweltpädagogische Zielsetzungen (zum Beispiel Datenerhebungen im Rahmen der »Stunde der Gartenvögel« = citizien sciene) erreicht werden. Gut geeignet sind spezielle Futterspender, die die Entnahme des Futters durch die Vögel ermöglichen, ohne dass die Futterquelle durch Kot etc. verunreinigt wird. Wird ein Futterhäuschen verwandt, in dem die Vögel im Futter herumlaufen, ist dieses regelmäßig mit heißem Wasser zu reinigen. Weiterhin sollte immer nur wenig Futter angeboten werden und statt dessen öfters nachgelegt werden.

Trägt die Vogelfütterung zum Artenschutz bei oder profitieren ohnehin nur Vögel, deren Art nicht bedroht ist?

Dr. Beinlich: Es profitieren eher die Vogelarten, die aktuell nicht bedroht sind. Da heute aber fast bei alle Arten Bestandsrückgänge zu verzeichnen sind, trägt die Fütterung dann letztendlich doch zum Artenschutz bei.

Wie kann darüber hinaus der Garten vogelfreundlich gestaltet werden?

Dr. Beinlich: Vielfalt und etwas Unordnung im Garten helfen den Vögeln. Statt oderzusätzlich zu einem Scherrasen oder den modernen »Steinwüsten« sollte der Garten Kräuter und Stauden aufweisen, die zum einen mit ihren Blüten das Insektenangebot fördern, zum anderen aber auch Samen zum Beispiel für Finkenvögel bereitstellen. Denken Sie da nur an die Sonnenblume, die mit ihren Kernen eine beliebte Futterquelle für Vögel darstellt. Auch beerentragende Gebüsche und Obstbäume (mit ihrem Fallobst) fördern Vögel. Und im Herbstlaub finden Insekten und Spinnentiere winterliche Verstecke – und stehen so als Nahrungsquelle für die Vögel zur Verfügung. Deshalb in einigen Bereichen des Gartens abgestorbene Pflanzen und Falllaub bis zum Frühjahr belassen.

Gibt es einen Rückgang bei den Vogelpopulationen? Und was sind die Gründe dafür?

Dr. Beinlich: Ja, es gibt Rückgänge sowohl bei den Arten als auch bei deren Häufigkeit. Besonders betroffen sind die Vögel der Agrarlandschaft wie Goldammer, Feldlerche, Wiesenpieper, Rebhuhn oder Kiebitz – um nur einige zu nennen. Sie finden in der überwiegend intensiv genutzten Feldflur nicht mehr ausreichend Nahrung (seien es Insekten oder Samen von Wildpflanzen), Nist- oder Versteckmöglichkeiten. Und unsere modernen, »pflegeleichten« Gärten bieten den typischen Gartenvögeln ebenfalls immer weniger Lebensraum.

Hat der Rückgang der Insekten Auswirkungen auf die Vogelwelt im Warburger Land?

Dr. Beinlich: Davon ist auszugehen! Es ist aber nicht nur der Rückgang der größeren Insekten und Spinnentiere, der hier eine Rolle spielt. Es sind auch die fehlenden Fruchtstände von Wildkräutern und beerentragenden Hecken, die monotonen, hochwüchsigen und somit viel zu dichten Grünlandbeständen und/oder die fehlenden Brachen und Säume, die für den Rückgang der Vogelarten verantwortlich sind.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.