MdL Matthias Goeken besucht in Steinheim Innungsmeister Carsten Lödige – Dumping-Preise sind Teil des Problems
„Friseurbetriebe schnell wieder öffnen“

Steinheim -

Warum ist der Aufschrei der Friseurbranche nach nur wenigen Wochen Lockdown so groß? Das haben sich sicher schon viele gefragt. Carsten Lödige ist Inhaber des traditionellen Friseurgeschäftes Stenner in Steinheim und Obermeister der Friseur-Innung Höxter-Warburg.

Dienstag, 09.02.2021, 22:00 Uhr
Über die schwierige Lage der Friseurbetriebe unterhalten sich Innungs-Obermeister Carsten Lödige (links) und MdL Matthias Goeken (CDU). Nicht Corona-Hilfen, sondern nur eine grundsätzliche Neustrukturierung dieses Handwerks könne die Lösung sein.Foto: Foto: Privat

Warum ist der Aufschrei der Friseurbranche nach nur wenigen Wochen Lockdown so groß? Das haben sich sicher schon viele gefragt. Carsten Lödige ist Inhaber des traditionellen Friseurgeschäftes Stenner in Steinheim und Obermeister der Friseur-Innung Höxter-Warburg. Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT erklärt Lödige, warum die Branche jetzt Alarm gibt: Das Preisdumping einiger Betriebe und die nur sehr geringe Gewinnmarge bei den meisten Friseuren führe dazu, dass Reserven, so sie denn überhaupt vorhanden waren, schnell aufgebraucht wurden.

Carsten Lödige: „Durch unfairen Wettbewerb sind die Friseurmargen seit Jahren schon gering. Durch die Coronaauflagen waren die Gewinne zuletzt schon reduziert und jetzt im Lockdown kam zwei Monate gar kein Geld mehr.“ Deshalb hatte Lödige unterschiedlich Politiker aus der Region angeschrieben, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Am Montag kam es dann bei Friseur Stenner zu einem informativen Treffen vom Landtagsabgeordneten Matthias Goeken mit dem Innungs-Obermeister. Über das Ergebnis der Unterredung freut sich Carsten Lödige: Matthias Goeken plädiert für eine schnelle Öffnung der Friseurbetriebe,“ und weiter: „Mir war es sehr wichtig, dass die Friseure nicht als Preis für eine schnelle Öffnung noch weitere Auflagen bekommen, wie etwa FFP2-Masken Pflicht oder verpflichtende Schnelltests. Das würde die Friseure nur in eine moralische Zwickmühle bringen: An die Regeln halten und keinen auskömmlichen Umsatz generieren können oder die Auflagen ‚nicht so genau‘ nehmen.“ Aus Lödiges Sicht hätten die Friseure bewiesen, dass ihre bisherigen Hygienekonzepte funktionierten. Bundesweit habe es nur acht Coronainfektionen im Zusammenhang mit Friseursalons gegeben. Die florierende Schwarzarbeit sei der Pandemiebekämpfung sicher nicht förderlicher, als Friseurdienstleistungen in einem kontrollierten Umfeld, in den Salons, meint Lödige. Matthias Goeken brachte bei dem Treffen am Montag eine Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für Friseure ins Gespräch. Goeken: „Diese Diskussionen muss man jetzt führen.“

Carsten Lödige geht es für seine Innung um die grundsätzlich dünnen Finanzlage der Friseure. In der Öffentlichkeit werde jedoch wahrgenommen, dass die Überbrückungshilfen aufgestockt wurden und, wenn die Auszahlung erst erfolgt, die Probleme gelöst seien. Das sei für den Friseur nicht der Fall. Im Raum stehe bisher nur eine Fixkostenübernahme von bis zu 90 Prozent. „Die Unternehmer selbst gehen noch komplett leer aus. Kranken- und Rentenversicherung müssen beglichen werden, Gehälter für Azubis (die nicht unter die Kurzarbeiterregelung fallen) weitergezahlt werden“, rechnet Carsten Lödige vor.

Der Obermeister der Friseur-Innung Höxter-Warburg sieht die Problematik unabhängig von Corona viel tiefer liegen. Ohne große Qualifikation oder den Meisterbrief werde in Deutschland seit Jahren Menschen der Marktzutritt ermöglicht, die dann durch Preisdumping hervorstechen und ihre Friseurdienstleistungen für zehn Euro und weniger anbieten. Lödige: „Wer ein wenig rechnen kann, erkennt, dass hier bei drei Haarschnitten in der Stunde 30 Euro Bruttoumsatz erwirtschaftet werden kann.“ Bei solchen Dumping-Preisen liege der Gewinn am Ende des Monats bei knapp über 1000 Euro, hat Carsten Lödige ermittelt. Und davon müssten nach Entnahme für Rücklagen und Investitionen noch die Versicherungen des Betreibers beglichen werden. Steuern, so Lödige, fielen bei diesem „Gewinn“ dann nicht an. Seine Schlussfolgerung: „Diese Geschäftsmodelle sind von vornherein nicht auf ehrliche Gewinnerzielung, sondern nur auf Steuervermeidung aufgebaut.“ Dieser Zustand werde seit Jahren von allen Verbänden aufs Schärfste kritisiert. Solche Geschäftsmodelle müssten durch Finanzbehörden, Gewerbeaufsicht und Zoll überprüft und die offensichtlichen Missstände durch Strafverfolgung beenden werden, fordert die Innung.

Carsten Lödige sieht hier eine überfällige gesellschaftliche Debatte: „Wer diese Angebote nach dem Motto ‚Geiz ist geil‘ annimmt, muss wissen, dass er sich mitschuldig an Steuer- und Sozialbetrug oder gar der Geldwäsche macht.“ Anders seien diese Geschäftsmodelle nicht erklärbar. Er fordert: „Bitte achten Sie endlich den Zehn-Euro-Haarschnitt, er ist legal nicht zu erstellen.“

30 Prozent der Friseurbetriebe gehörten inzwischen zum so genannten Kleingewerbe, erwirtschafteten also einen Jahresumsatz von unter 22.000 Euro. Der Verdacht: Die meisten dieser Betriebe erwirtschaften deutlich höhere, als die steuerfreien Umsätze zu erwirtschaften. Diese „Steuervermeider“ erzielen ihre ordentlichen Gewinne zum großen Teil schwarz.

Viele kleine Friseurbetriebe würden mittlerweile durch diese unfaire Konkurrenz schier erdrückt. Diese nächsten 43 Prozent der Salons erwirtschaften einen Jahresumsatz von bis zu 125.000 Euro. Bei einem angenommenen Gewinn in Höhe von 15 Prozent ein Erlös in Höhe von 1562,50 Euro im Monat. „Wer faire und auskömmliche Löhne will, muss bereit sein, für seine Friseurdienstleistung einen handwerksüblichen Stundensatz zu bezahlen. Hier sind auch die Gewerkschaften gefordert“, findet Carsten Lödige. Denn: „Geiz ist nicht geil, sondern für unsere Gesellschaft sozialschädlich.“ Wenn es gelänge, den unfairen Wettbewerb zu beenden, sodass sich am Markt wieder realistische Preise bilden können, dann sei auch eine solche Krise für Friseure leichter zu überstehen. Nun müsse gemeinsam diesen wichtige gesellschaftlichen Diskurs geführt werden damit das traditionelle Handwerk eine Zukunft hat.

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