Steinheimer Flüchtlingshelferinnen Stephanie Flake und Ulrike Czorny im Interview
„Nach fünf Jahren nicht vorbei“

Steinheim (WB). Sie sind zuständig für 250 in Steinheim gemeldete Flüchtlinge, ihre nachgezogenen Familienmitglieder und weitere zugezogene Migranten. Es ist eine große Verantwortung, die Stephanie Flake (55, gelernte Erzieherin) und Ulrike Czorny (51, gelernte Krankenschwester) tragen. Seit 2016 sind beide als Flüchtlingshelferinnen in der Emmerstadt tätig.

Montag, 05.10.2020, 06:00 Uhr
Hier steht die Tür immer offen: An ihrem Arbeitsplatz im Friedrich-Wilhelm-Weber-Forum herrscht ein stetiges Kommen und Gehen. Um zehn bis 15 Kunden kümmern sich Ulrike Czorny (links) und Stephanie Flake jeden Tag. Foto: Greta Wiedemeier

Im Interview mit Greta Wiedemeier berichten die beiden beim Caritasverband angestellten Frauen, warum die Flüchtlinge sie auch nach fünf Jahren immer noch dringend brauchen, was genau eigentlich ihren Berufsalltag ausmacht und wo sie an Grenzen kommen.

 

Wie sind Sie zum Beruf der hauptamtlichen Flüchtlingshelferin gekommen?

Ulrike Czorny: Durch das Ehrenamt. 2015, als die große Welle kam, habe ich mich engagiert und bin dann darauf angesprochen worden, dass hier noch eine zweite Stelle frei wird.

Stephanie Flake: Bei mir war es ähnlich. Ich war zuvor schon in Erstaufnahmeinrichtungen in Nieheim, Driburg und Borgentreich tätig. Dann sind die Kommunen dazu übergegangen, eigene Flüchtlingsberater einzustellen. Da bin ich dann auch angesprochen worden und habe die Stelle bekommen, die zu dem Zeitpunkt erst geschaffen wurde.

Was ist Ihre Motivation, warum gerade dieser Beruf?

Czorny : Wir haben beide soziale Berufe gelernt, haben soziale Ambitionen und ein Helfer-Syndrom. Wenn wir es nicht machen, macht es keiner.

Flake: Ich war schon vor 30 Jahren mit meinem Mann in der Entwicklungshilfe tätig. Da war es für mich genau das, was ich möchte: Wieder mit Menschen aus fremden Kulturen arbeiten.

Was sind Ihre größten Herausforderungen im Job?

Czorny: Schwierig ist immer der ganze Papierkrieg bei den Ämtern, der auch für uns manchmal sehr undurchsichtig ist.

Flake: Die Bürokratie in Deutschland ist eine schiere Katastrophe. Für mich sind auch die Frauenschicksale und die Fluchtgeschichten immer wieder eine Herausforderung. Viele kommen und haben wirklich nichts. Nicht einmal die 80 Cent, um einen Brief zum Jobcenter zu schicken. Außerdem ist es herausfordernd, negative Dinge wie Abschiebungen zu vermitteln.

Und was waren die prägendsten Ereignisse in den vergangenen fünf Jahren?

Flake: Es gibt viele positive: Wir begleiten einige junge Männer, die jetzt eine abgeschlossene Ausbildung haben. Das ist toll. Genauso wie die Entwicklung vom emotionalen und sozialen Zustand bei der Ankunft bis hin zur heutigen, gut integrierten Situation. Es gibt aber natürlich auch genau das Gegenteil: Ein junger Nigerianer, den wir betreut haben, und der hier eine Arbeit und sogar eine deutsche Freundin gefunden hatte, wurde abgeschoben. Da die Leute untereinander noch immer in Kontakt sind, wissen wir, dass er heute – wenn er denn noch lebt – als verrückter Obdachloser haust. Das nennt man Retraumatisierung: Die Menschen sind jahrelang hier und schöpfen Hoffnung. Gerade in afrikanischen Ländern wird dann nicht verstanden: Warum kommt er jetzt wieder? Der war doch in Europa, wo es alles gibt. Diejenigen, die wieder zurückkehren, sind dort absolut nichts mehr. Er wird auch in seiner Familie nicht mehr aufgenommen. Wenn man so etwas hört und die Person dann persönlich kennt oder gekannt hat, kriegt man schon eine Gänsehaut.

Nun sind viele der Flüchtlinge schon seit einigen Jahren in Steinheim. Mit welchen Anliegen kommen sie auch heute noch zu Ihnen?

Czorny : Das große Problem ist es immer noch, auch für Familien mit drei oder vier Kindern bezahlbare Wohnungen zu finden.

Flake: Wir sagen immer: Wir machen hier alles von Geburt bis Bahre. Die Leute kommen, sind schwanger und wissen nicht „Was ist jetzt?“. Und selbstverständlich wird auch gestorben und wir müssen schauen, wie man dann damit umgeht.

Was hätte es denn für die hier lebenden Flüchtlinge bedeutet, wenn der Rat sich vor kurzem nicht für sondern gegen eine Verlängerung Ihrer Stellen entschieden hätte?

Czorny : Dann würden sie mit allem alleine da stehen. Mit jedem Formular, mit jedem Problem. In vielen Behörden werden die Formulare rübergeschoben und fertig. Da ist niemand, der hilft.

Flake: Es gibt natürlich auch einige Ehrenamtliche, die sich engagieren. Deren Zahl hat sich allerdings von rund 50 im Jahr 2015 auf heute zehn reduziert. Damals war es „en vogue“, dass jeder einen Syrer betreut. Das hat dann leider sehr schnell nachgelassen.

Wie ergeht es den Flüchtlingen bei uns in Steinheim aus Ihrer Sicht?

Flake : Ein Nachteil ist tatsächlich die Wohnsituation, die ist in großen Städten aber nicht besser. Außerdem hat man sich in Steinheim zwar mittlerweile an arabisch aussehende Menschen gewöhnt, schwarze Menschen sind aber immer noch eine Rarität. Da wird schon eher noch mal geguckt. In einer Stadt wie Köln oder Essen kann man sich freier bewegen. Das betrifft aber nicht speziell Steinheim, sondern den ländlichen Raum im Allgemeinen.

Czorny : Je ländlicher, desto schneller aber die Integration.

Flake: Das stimmt. Es sind auch schon einige weggezogen in größere Städte, kommen aber trotzdem zu uns zur Beratung. Da gibt es eben keine Frau Ulli oder eine Frau Stephie. Und wenn, dann mit drei bis sechs Wochen Wartezeit.

Was wünschen Sie sich für Ihre Schützlinge?

Flake : Eine höhere Akzeptanz. Dass mehr der Mensch gesehen wird. Und dass nicht erwartet wird, dass die Flüchtlinge, nachdem sie fünf Jahre hier sind, alleine klar kommen. Das kann gar nicht gehen, wenn man aus einem anderen Kulturkreis kommt. Auch ein guter und vor allem bezahlbarer Nahverkehr wäre enorm wichtig – zu Sprachkursen nach Höxter vermitteln wir aufgrund der schlechten Verbindung gar nicht.

Czorny: Als ich mit der Stelle hier angefangen bin, hat jemand aus Steinheim zu mir gesagt: Mensch toll, dass du das jetzt hauptamtlich machst. Was ist denn da deine Aufgabe: Du integrierst die jetzt hier? Da habe ich gedacht: Das wäre schön, wenn ich das alleine könnte. Aber da brauchen wir alle zu.

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