Johannes Waldhoff aus Steinheim erinnert an Geschichte der Historischen Schützenvereine während NS-Zeit
Nur die Schützenkette war erlaubt

Steinheim (WB). Schon kurz nach ihrer Machtergreifung nahmen die Nationalsozialisten ab 1934 die Gleichschaltung der Schützen ins Visier – sie wollten damit gleichzeitig den Kampf im katholisch geprägten Paderborner Land gegen den Einfluss der Kirchen aufnehmen. Der Zerschlagung der Historischen Schützenvereine im „Amt Steinheim“ zwischen 1934 und 1939 widmet sich Heimatforscher Johannes Waldhoff im aktuellen Heft der Mitteilungen des Kulturausschusses.

Samstag, 01.08.2020, 02:53 Uhr aktualisiert: 01.08.2020, 14:00 Uhr
In Steinheim wurde 1939 ein Schützenfest mit dem Königspaar Franz Hörning und Sophie Steinwart gefeiert. Wegen des Krieges blieb das Königspaar lange im Amt – bis zum Fest in 1948. Foto: Privat

1933 hofierten die neuen Machthaber zunächst neben den Kirchen auch Schützenvereine. Kaum war ihre Position gefestigt, zeigte sich schnell, dass sie die Schützengesellschaften historischer Prägung ausschalten wollten. Waldhoff zeichnet auf spannende Weise die Ereignisse nach, die mit der Einführung des Führerprinzips beginnen: Aus dem Vereinsvorsitzenden wurden die Vereinsführer. Am 1. Juni 1934 sprach der Reichssportführer allen Historischen Schützenvereinen die Existenzberechtigung und das Recht ab, ein Schützenfest zu feiern. Sie sollten Mitglied im Deutschen Schützenverband werden oder als Heimatverein dem „Westfälischen Heimatbund“ beitreten.

Das Durcheinander vergrößerte eine Neuorganisation auf Reichsebene, als der bisherige Deutsche Schützenbund in den NS-Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert wurde. Vereinen, die sich weigerten, wurde ein Betätigungsverbot angedroht, das aber vorläufig nur in wenigen Fällen durchgesetzt wurde.

Keine Schützenfeste mehr

In einer Veröffentlichung vom 24. April 1937 wurden die neuen Vorschriften präzisiert. „Sämtliche Schützenvereine müssen Mitglied des Deutschen Schützenverbandes werden. Eine Ausnahme für das laufende Jahr bilden 70 Vereine im Kreis Höxter, die sich dem Westfälischen Heimatbund angeschlossen hatten und im gleichen Jahr noch ein Schützenfest feiern durften,“ hieß es. Vereinen, die ihre Pflicht nicht erfüllten, sollten die Konsequenzen zu tragen haben, mahnte man in scharfem Ton.

Auch die Uniformen der Schützen und sämtliche Abzeichen sollten verboten werden – nur die Schützenkette war statthaft. Im „Amt Steinheim“ blieben nur die Vereine Steinheim, Rolfzen, Sande­beck und die Jungschützen Vinsebeck Mitglieder im Heimatbund. Diese Vereine sollten nur stiefmütterlich geduldet werden. Sie durften keine Schützenfeste, sondern Heimatfeste feiern, was sie aber nicht hinderte, ihre Feste kirchennah zu begehen. Beim Versuch, die Schützenvereine zu zerschlagen, blieb es in der Praxis bis 1939 weitgehend beim Versuch.

Waldhoff: „Die Wirklichkeit sah anders aus, weil die Bestimmungen großzügig gehandhabt wurden, was auch an der Kampagne, aus den Kirchen auszutreten, abzulesen war.“ Von Mitte 1937 bis Ende 1939 traten im örtlichen Gerichtsbezirk (Steinheim, Lügde, Nieheim sowie 20 Dörfern) nur zwölf Protestanten und vier Katholiken aus der Kirche aus.

Nur wenige Kirchenaustritte

In seiner Schrift zeichnet Johannes Waldhoff viele bis heute nicht bekannte Zusammenhänge auf das Schützenwesen in den Ortschaften nach. In Steinheim hatte sich der Bürgerschützenverein in Heimatschutzverein Steinheim umbenannt – und sich unter den Schutz des Westfälischen Heimatbundes gestellt. Das letzte Schützenfest vor dem Krieg wurde 1939 mit dem Königspaar Franz Hörning und Sophie Steinwart gefeiert, das bis 1948 im Amt blieb.

Eine Parallele gibt es zum aktuellen Corona-Jahr: Wegen der Maul- und Klauenseuche (MKS) fielen 1938 im Bezirk fast alle Schützen- oder Heimatfeste aus. In Hagedorn gab es um 1925 einen Schützenverein mit dem Ziel, ein Ehrenmal für die Gefallenen des „Ersten Weltkrieges“ zu errichten.

Am wenigsten berührt von der NS-Ideologie zeigte sich Ottenhausen, wo die Schützenfeste in althergebrachter Weise begangen wurden. Beide Schützenvereine in Sandebeck schlossen sich dem Westfälischen Heimatbund an.

1949 knüpften die Alten Schützen als „St. Dionysius Bruderschaft“ an die alten Traditionen von 1609 an. Vinsebeck hatte die Alt-Schützen, die jungen Schützen und einen Kriegerverein.

Streit eskalierte

In Bergheim verliefen die heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Kriegerverein und den jungen Schützen. Denn die Jungschützen wollten den Kriegerverein austricksen, der sein 50-jähriges Bestehen feiern wollte. Der Streit eskalierte und beschäftigte sogar den Landrat. Die Jungschützen sollten nach dem Wunsch des Bürgermeisters Busse nie mehr mit der Genehmigung für ein Schützenfestes rechnen dürfen – 1939 feierten sie dennoch.

Das Heft ist kostenlos in den beiden Steinheimer Buchhandlungen und bei „Lotto Lohre“ erhältlich.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7516764?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2851055%2F
Bisher kaum corona-infizierte Lehrer und Schüler in NRW
Wie hier in Bayern sollen Schüler in NRW zunächst bis Ende August im Unterricht eine Maske tragen müssen – obwohl in Nordrhein-Westfalen bisher kaum Schüler und Lehrer positiv auf das Virus getestet worden sind, wie eine Abfrage des Landes ergab. Foto: Sven Hoppe/dpa
Nachrichten-Ticker