Stadt Steinheim ist deutschlandweit Vorreiter – Bericht mit Auditor besprochen
Gemeinwohl steht im Fokus

Steinheim (WB). „Sozial, gerecht, solidarisch und nachhaltig.“ So versteht sich die Idee der von Christian Felber erdachten Gemeinwohlökonomie. Als erste Stadt in Deutschland hat sich Steinheim mit einem wertebasierten Orientierungsrahmen nach fast zweijähriger Arbeit mit Unterstützung von Professor Oliver Bierhoff und Studenten der Fachhochschule Bielefeld auf den Weg gemacht und am 28. Mai seine Gemeinwohlbilanz zur Zertifizierung eingereicht.

Samstag, 04.07.2020, 06:42 Uhr aktualisiert: 04.07.2020, 07:01 Uhr
Steinheim hat seine Bilanz der Gemeinwohlökonomie eingereicht. Auditor Bernhard Oberrauch (vorne links/mit Bürgermeister Carsten Torke) hielt sich mehrere Tage zu Gesprächen in der Emmerstadt auf, um sich ein authentisches Bild vor Ort zu machen. Ein Arbeitskreis hat den Prozess intensiv begleitet. Foto: Heinz Wilfert

Es ging darum, Anregungen auf eine Rückbesinnung zu den Verfassungswerten einzuholen, Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit zu geben und zur Lösung auch Visionen zu entwickeln, in denen nicht der wirtschaftliche Aspekt, sondern das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht. Zur Besprechung des Berichts hielt sich jetzt als Auditor Bernhard Oberrauch aus Bozen in Steinheim auf – um sich ein authentisches Bild von der Situation zu machen, den Bericht aber auch mit einem Arbeitskreis zu diskutieren, mit den Menschen vor Ort zu sprechen und konkrete zusätzliche Anregungen zu geben. Oberrauch, der sich selbst zertifizieren lassen hat, ist nämlich überzeugt, dass ein Erfolg auf dem Verständnis und der Akzeptanz möglichst aller Beteiligten fußt.

Entwicklung

„Der Bericht soll nicht nur gut und verständlich geschrieben sein, sich gut anhören – er muss auch gelebt werden“, stellte der Auditor fest. Bei der Bilanzierung gehe es vor allem darum, wohin die Stadt gehen und wohin sie sich entwickeln wolle. Angesichts des Klimawandels und der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft wachsen die Zweifel an der Wirtschaftsweise und dem Konsumverhalten der Menschen. Deshalb gelte es auch in den Kommunen, mit einem wertebasierten Orientierungsrahmen alternative Wege zu suchen und Strategien zu entwickeln. „Der Bericht übernimmt die Funktion eines Leuchtturms, von dem Orientierung ausgehen muss“, so Oberrauch, der als Architekt in Südtirol arbeitet.

Mit dem Bericht zur Gemeinwohlökonomiebilanz hat Steinheim absolutes Neuland betreten, kann sich aber auf die UN-Entwicklungsziele berufen, in denen sich der Mensch zu seiner sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung bekennt. Es gibt zwar schon Unternehmen, die solche Bilanzen aufgestellt haben (in Steinheim sind es vier, auch die Grundschule will sich anschließen), aber noch keine Stadt. Man konnte deshalb auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen. „Wir leisten damit Pionierarbeit und betreten Neuland,“ war sich Bürgermeister Carsten Torke sicher, weil sich mittlerweile eine ganze Gemeinwohlregion bilden soll.

Möglichkeiten

Der Auditor wies auf die besonderen Möglichkeiten hin, die durch die Festlegung von Rahmenbedingungen erreicht werden könnten, um Orientierung zu geben, Prozesse anzustoßen und gemeinwohlprägendes Handeln zu fördern. Dieser Aspekt hat dem Auditor besonders gefallen. „Steinheim sieht darin einen strategischen Aspekt, und weiß, wo man in den kommenden Jahren hin möchte.“ Das drehe sich um die Frage der Lebensqualität, eine Wende zu mehr biologischer Landwirtschaft sowie bessere Luft und Gesundheit: weniger Autoverkehr, mehr Fahrradverkehr, eine bessere Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten. Dass es in Steinheim dazu bereits gute Ansätze gibt, erlebte Oberrauch in Sandebeck, wo ein Besuchstermin mit den jüngst angeschafften E-Bikes war. Dennoch sei dies nicht immer ganz einfach, weil – wie beim Vergaberecht – oft die gesetzlichen Vorschriften dazu im Widerspruch stünden.

Auf dem Besuchsprogramm des Auditors stand das Möbelmuseum, das Industriegebiet Steinheim, die Besichtigung der Emmer-Auen sowie Besuche im Helene-Schweitzer-Zentrum und bei den Graf-Metternich-Quellen. In Ottenhausen wurden Infos zum IKEK-Prozess gegeben. Der weitere Fahrplan sieht vor, dass am 2. September in einem Festakt die Zertifizierung erfolgen kann. Dazu wird Christian Felber, der vor zwei Jahren mit der Reiner-Reineccius-Medaille ausgezeichnet wurde, persönlich nach Steinheim kommen. Die Zertifizierung gilt für jeweils zwei Jahre und muss dann erneuert werden.

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