Gisbert Gemke aus Steinheim-Vinsebeck kämpft sich nach künstlichem Koma und völliger Entkräftung zurück
Corona-Virus hätte ihn fast das Leben gekostet

Steinheim-Vinsebeck (WB). Lebensbedrohlich wird es nur für Hochbetagte um die 80 mit Vorerkrankungen? Von wegen! Covid-19 kann auch vollkommen gesunde Menschen in größte Gefahr bringen. Gisbert Gemke aus Steinheim-Vinsebeck hat diese Heimtücke am eigenen Leib erfahren. Das Corona-Virus hätte ihn fast das Leben gekostet.

Mittwoch, 01.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 06:17 Uhr
Gisbert Gemke hat aus der Reha Hausaufgaben mitgebracht. Der Weg zurück in sein altes Leben ist lang. Der 69-Jährige hofft, dass die Menschen besonnen bleiben, weil die Gefahr durch das Virus nicht vorüber ist. Foto: Sabine Robrecht

Dabei war der 69-Jährige, wie er sagt, „nie im Krankenhaus gewesen und fit wie ein Turnschuh“. Diese Vitalität fand im März ein jähes Ende. Gisbert Gemke war der erste schwere Fall im St.-Ansgar-Krankenhaus Höxter. Inzwischen kämpft er sich nach Intensivstation, künstlichem Koma, beidseitiger Lungenembolie, Luftröhrenschnitt, Bluttransfusion, vollkommener Entkräftung und intensiver stationärer Reha in sein altes Leben zurück. Mehr als ein viertel Jahr war er weg von zuhause.

Der Weg zurück ist lang und erfordert Geduld und Willensstärke. Beides hat Gisbert Gemke zum Glück. Er weiß, dass es Monate dauern wird, bis er sich vollkommen erholt hat – bis die Luft nicht mehr knapp ist und er nicht mehr so schnell ermüdet, wenn er auf den Beinen ist.

Ausnahmezustand

Hinter dem Patienten und seinen Angehörigen liegt ein drei Monate währender Ausnahmezustand, der wie ein Albtraum anmutet. In der Rückschau empfinden Gisbert Gemke und seine Ehefrau Sabine (58) aber tiefe Dankbarkeit, die zu betonen ihnen am Herzen liegt: „Wir danken den Ärzten und dem Pflegepersonal im St.-Ansgar-Krankenhaus. Sie sind die stillen Helden der Corona-Pandemie“, betont Sabine Gemke. Dem Pflegepersonal der Pflegestation der Marcus-Klinik in Bad Driburg und den Therapeuten – besonders der Physiotherapeutin – sind die Eheleute ebenfalls für ihre fachkundige und aufmunternde Betreuung in der Reha dankbar. Hier wurde es Gisbert Gemke ermöglicht, den Rollstuhl wieder zu verlassen und sich mittlerweile mit zwischenzeitlicher Hilfe eines Rollators wieder selbstständig zu bewegen. Und schließlich sind da noch die vielen Freunde, Bekannten und ehemaligen Arbeitskollegen des heutigen Ruheständlers. „Ihre Anteilnahme war groß. Sie zeigte mir, wie beliebt mein Mann ist.“ Nicht nur bei Gemkes selbst, sondern auch in vielen anderen Häusern brannten für den Patienten Kerzen. „Wir danken für die vielen Lichter und die platt gedrückten Daumen.“

Eine große Stütze sind dem Ehepaar die beiden Söhne Alexander (29) und Lucas (26) mit seiner Freundin Anna-Lena (26). Obwohl sie schon seit einigen Jahren beruflich in Hamburg und Mannheim tätig sind, ist der Kontakt in die Heimat und der Bezug zu den Eltern nie abgerissen. Sie kommen trotz der Entfernung regelmäßig an den Wochenenden nach Hause. Gerade in den letzten Wochen und Monaten konnten trotz der schweren Erkrankung des Vaters so zu Hause der Alltag und die Pflege des großen Grundstücks gewährleistet werden.

Zusammenhalt

Der Zusammenhalt in der Familie tut Gisbert Gemke gut – sowohl jetzt, als auch vor Wochen, als er noch im Krankenhaus in Höxter um sein Leben kämpfte. Damals durften die Angehörigen ihn nicht besuchen. Ein Familienfoto, das im Dezember auf Sylt entstanden war, symbolisierte auf seinem Nachtschrank Nähe.

Gisbert und Sabine Gemke haben die schwere Zeit durchgestanden und schauen zuversichtlich nach vorne.

Gisbert und Sabine Gemke haben die schwere Zeit durchgestanden und schauen zuversichtlich nach vorne. Foto: Sabine Robrecht

Dass diese Nähe wegen des allgemeinen Besuchsverbots nur auf Distanz und nach dem Koma zunächst lediglich via „FaceTime“ möglich war, erschwerte die Situation für Sabine Gemke und ihre Söhne. „Ich habe meinen Mann fünf Wochen nicht gesehen.“ Geholfen hat ihr in dieser schweren Zeit das Vertrauen in die Ärzte, Pfleger und Schwestern, die auch auf Nachfragen am Telefon immer einfühlsam und ausführlich antworteten. Und schließlich gab ihr auch der Glaube Zuversicht. „Natürlich kam man immer mal ins Grübeln. Das habe ich dann zugelassen. Nach einem Tief muss man den Kopf aber auch wieder heben und nach vorne schauen.“ So haben es Sabine Gemke und ihr Mann beide gehalten.

Filmriss

Aus der Koma-Zeit weiß der 69-Jährige kaum noch etwas. Der Filmriss begann, nachdem er am 15. März zuerst ins Krankenhaus nach Steinheim gebracht worden war. Später – nach der schrittweisen Aufwachphase – musste er erleben und verkraften, dass er selbst zum Zähneputzen zu schwach war. Beim Waschen und Anziehen brauchte er Hilfe. „Ich war bei null – wie ein Kleinkind, das laufen lernt.“ Der Weg von der Isolierstation zurück auf die normale Station, wo er endlich wieder Menschen ohne Schutzanzügen begegnete, war ein Segen. Gisbert Gemke sieht trotz der Strapazen in allem das Gute. „Das Wort Dankbarkeit hat eine andere Dimension.“ Er ist heilfroh, dass seine Gedächtnisleistung einwandfrei funktioniert. „Das ist nicht selbstverständlich. Andere Covid-Patienten haben Gedächtnisprobleme.“

Currywurst mit Pommes

Wenn er und seine Frau sich zurück erinnern, können sie auch wieder herzlich lachen – über Momente wie den, als sie ihm im April erzählte, dass er zuhause nicht viel verpasst, weil die Freunde sich nicht wie gewohnt in der Stammkneipe bei Müllers zum Klönabend treffen und das Gasthaus geschlossen ist. Gisbert Gemke wunderte sich – „wollen Müllers nichts mehr machen?“ Er hatte den Lockdown nicht bewusst miterlebt und deshalb im ersten Moment geglaubt, dass die Wirtsleute ihre Kneipe aufgeben. Kurz vor dem Himmelfahrtstag telefonierte er aus der Reha mit Freunden, mit denen er sonst zum Vatertagsausflug loszog, und erzählte ihnen, dass er Appetit auf Currywurst mit Pommes hat. Am Feiertag brachten sie dieses Menü mit einem kühlen alkoholfreien Weizenbier zur Rezeption der Klinik. „Ich war gerührt“, strahlt Gisbert Gemke – und erzählt ebenso bewegt und glücklich vom Geburtstagsständchen, das Freunde ihm draußen vor der Reha-Klinik gebracht haben.

Unterschiedliche Verläufe

Begonnen hatte die Corona-Tragödie vermutlich mit einem Kratzen im Hals nach dem Besuch eines Fußballspiels des FC Bayern in München. Das war am 21. Februar. Gisbert Gemke, der bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand jahrzehntelang bei der Stadt Steinheim beschäftigt gewesen war, dachte sich erstmal nichts dabei und griff zum Kräuterbonbon. Sein Zustand verschlechterte sich mehr und mehr. Arztbesuche endeten mit der Einschätzung „schwere Grippe“. Am 15. März ging nichts mehr. Ehefrau Sabine rief den Krankenwagen. Dass es Corona war, erfuhr sie zwei Tage später. Sie selbst, ihre beiden Söhne und die Freundin des Jüngsten erkrankten auch – und erlebten die unterschiedlichen Verläufe: „Bei mir war es eine leichte Erkältung: Ich hatte Schnupfen und zwei, drei Tage erhöhte Temperatur. Unser jüngster Sohn Lucas empfand die Erkrankung ebenfalls wie eine normale Erkältung, seine Freundin hatte zeitweise mit dem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns zu kämpfen. Der Älteste, Alexander, lag drei, vier Tage völlig platt. Er hatte trockenen Husten und extremes Erbrechen“, erzählt die 58-Jährige.

Tagebuch geschrieben

Das Corona-Virus betraf also die ganze Familie – und hob ihr Leben nachhaltig aus den Angeln. Sabine Gemke hatte Angst um ihren schwerstkranken Mann, den sie nicht sehen durfte, war selbst in Quarantäne, musste Kontaktlisten und Formalitäten erledigen, nach der eigenen Genesung den Berufsalltag wieder meistern und stark sein. Das ist sie bis heute. Um das Erlebte zu verarbeiten, hat sie ein Tagebuch geschrieben. Und immer offen über alles gesprochen. „Auch das hilft.“

Langer Weg zurück

Ihr Ehemann ist von Covid-19 genesen, steht aber am Anfang eines langen Weges. Aus der Reha hat er Atemübungen und andere „Hausaufgaben“ mitgebracht. Er hat 15 Kilogramm verloren und muss wieder zu Kräften kommen.

Angesichts der Wucht, mit der das Virus zuschlagen kann, hoffen Gisbert und Sabine Gemke, dass die Menschen besonnen bleiben. Für Leichtsinn oder gar Demos gegen Corona-Regeln fehlt ihnen jegliches Verständnis. Denn aus der Welt ist die Gefahr noch lange nicht, wie aktuelle Ausbrüche zeigen.

Chronologie

Nach einem harmlosen Kratzen im Hals spitzte der Krankheitsverlauf sich mehr und mehr zu. Lesen Sie hier eine Chronologie der Ereignisse:

21. Februar 2020: Gisbert Gemke besucht das Spiel des FC Bayern gegen den SC Paderborn in der Allianz-Arena in München.

Nach der Tour verspürt er ein Kratzen im Hals.

28. Februar: Das Ehepaar Gemke fährt zum Peter-Maffay-Konzert nach Hamburg.

Erste Märzwoche: Gisbert Gemke fühlt sich kränklich, aber noch agil.

9. März und 12. März: Besuch beim Arzt, der geht jeweils von einer „richtig dicken Grippe“ aus, die Lunge ist frei. Das Ehepaar Gemke hat Corona im Hinterkopf und verweist auf die Tour nach München. Getestet wird der Patient jedoch nicht, weil er weder in Österreich war noch Kontakt zu Corona-Patienten hatte (das waren zu der Zeit die Test-Kriterien). Der Zustand verschlechtert sich.

15. März: Es geht nicht mehr. Sabine Gemke ruft den RTW. Die Rettungskräfte bringen Gisbert Gemke nach Steinheim ins Krankenhaus. Ab da weiß er nichts mehr. Seine Frau darf noch zu ihm.

16. März: Gisbert Gemke wird aus Sicherheitsgründen auf die Intensivstation verlegt. Seine Ehefrau erfährt, dass noch immer kein begründeter Verdacht auf Corona bestehe. Sie könne ruhig zur Arbeit fahren. Das Besuchsverbot in Krankenhäusern beginnt.

17. März: Sabine Gemke erfährt, dass ihr Mann Corona hat. In der Nacht zu Montag habe man im Krankenhaus den Test gemacht, wird ihr gesagt. Am Abend ruft das Krankenhaus an und teilt ihr mit, dass ihr Mann ins Koma gelegt wurde.

18. März: Gisbert Gemke wird nach Höxter verlegt. Es geht ihm sehr schlecht. Seine Ehefrau kann sich am Abend telefonisch erkundigen. Das Gesundheitsamt teilt Sabine Gemke mit, dass sie und ihr ältester Sohn Alexander sich testen lassen und die Röhrchen beim Hausarzt abholen sollen. 24 Stunden später erfährt sie, dass sie positiv ist. Kontaktlisten gilt es zu erstellen. Von Alexander geht das beim Arzt abgegebene Röhrchen verloren. Die Familie muss ein neues besorgen, darf das aber nicht mehr selbst tun. Bei Alexander fällt der Test positiv aus. Das gilt auch für Lucas, den Jüngeren, und seine Freundin. Sie leben in Mannheim und waren an dem Wochenende zuvor in Vinsebeck gewesen. Das Gesundheitsamt kündigt tägliche Anrufe oder E-Mails an. „Es kam aber nichts“, sagt Sabine Gemke.

20. März: Sabine Gemke steht zweimal täglich in Telefonkontakt mit dem St.-Ansgar-Krankenhaus. Die Oberärztin sagt, der Zustand ihres Mannes sei stabil. Er sei aber schwerstkrank und liege im Koma.

Ostern: Über „FaceTime“ hat die Familie zum ersten Mal die Gelegenheit mit dem Patienten Kontakt aufzunehmen.

23. April: Es geht langsam aufwärts. Gisbert Gemke benötigt keine Intensivmedizin mehr. Er wird auf die Isolierstation verlegt, weil der Bluttest trotz gebildeter Antikörper immer noch positiv ist.

24. April: Sabine Gemke darf ihren Mann besuchen. Sie hat ihn (außer über „FaceTime“) fünf Wochen nicht gesehen.

1. Mai: Endlich dürfen auch die Söhne zu ihrem Vater. Er liegt inzwischen auf der normalen Station.

6. Mai: Gisbert Gemke tritt seine sechseinhalbwöchige Reha in der Marcus-Klinik in Bad Driburg an. Auf der Fahrt erfreut er sich am frischen Grün der Natur.

20. Juni: Gisbert Gemke kehrt nach Hause zurück – nach mehr als drei Monaten.

 

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