Gemeinwohl-Zertifizierung: Städte, Kreis und Firmen machen beim Pilotprojekt mit
Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit

Steinheim(WB). Der Kreis Höxter ist auf dem Weg, die erste zertifizierte „Gemeinwohl-Region“ Deutschlands zu werden. Steinheim steht dabei als Kommune in der vordersten Reihe und kann als „Leuchtturmprojekt“ ein Vorbild für alle Städte sein.

Mittwoch, 03.06.2020, 23:13 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 23:20 Uhr
Die Bildungsreferenten Christian Einsiedel (links) und Christoph Harrach betreuen das Projekt im Kreis Höxter. In diesem Sommer sollen auch alle Bürgermeisterkandidaten der Region zum Thema „Gemeinwohl“ per Fragenkatalog angeschrieben werden.   Foto: Harald Iding

Bereits vor drei Jahren verlieh die Emmerstadt an Christian Felber aus Österreich (Autor und politischer Aktivist), den Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die „Reineccius-Medaille“ als Anerkennung für seinen Pioniergeist und das „Querdenken“.

Felber wird erneut in Steinheim erwartet – und zwar am 31. August. Dann soll mit ihm laut Bürgermeister Carsten Torke die offizielle Übergabe der Zertifizierung Steinheims als erste Gemeinwohlökonomie-Kommune erfolgen – wenn alles so gut läuft wie bisher.

Steinheim ist nämlich die erste Gemeinde in Deutschland, die unter dem Gemeinwohl-Aspekt bilanziert wird (siehe Infoblock). Das gemeinsame Ziel sei, „das Wohlergehen der Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt des ökonomischen Handelns zu rücken und die Verbesserung der Lebensqualität und insbesondere die Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit aktiv anzugehen“.

Bis Ende 2020 läuft auch das zweijährige Projekt, an dem Kommunen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Bürger im Kreis Höxter mitmachen können (wir berichteten). Diese beiden Experten stehen den Prozessbeteiligten zur Seite: die Bildungsreferenten Christoph Harrach und Christian Einsiedel von der „Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie NRW“. Sie betonen: „Wir ermutigen Organisationen zur Bilanzierung und unterstützen diesen Prozess durch Netzwerkarbeit und konkrete Hilfestellung!“

Ende 2017 gründeten die vier Stifter Annegret und Albrecht Binder aus Steinheim sowie Camilla Pfaffhausen und Reinhard Raffenberg die weltweit erste Stiftung, die den GWÖ-Begriff im Namen trägt: die „Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie NRW“.

Harrach: „Die Stiftung ist als gemeinnützig anerkannt sowie wirtschaftlich und parteipolitisch unabhängig. 2019 konnten wir Leader-Fördermittel der EU und des Landes NRW für unser erstes größeres Projekt akquirieren: die Arbeit an der Gemeinwohlregion Kreis Höxter.“ Drei Säulen der Nachhaltigkeit sollen damit gestärkt werden: Mensch, Umwelt und Wirtschaft.

Christian Einsiedel: „Zentrales Werkzeug in dem Projekt ist die Gemeinwohl-Bilanz. Dieses Berichtsformat ergänzt die Finanz-Bilanz von Organisationen und unterstützt sie dabei, ihr Handeln systematischer als bisher auf Gemeinwohl-Werte wie Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung auszurichten.“

Nachhaltige Firmen gefragt

Durch bisher acht laufende und fünf weitere geplante Bilanzierungen entstehe im Kreis Höxter ein deutschlandweit einmaliger Zusammenschluss (Cluster) von gemeinwohlbilanzierenden Städten und Unternehmen, deren Pionierarbeit eine Leuchtturmwirkung auch für andere Regionen entfalten soll. Ergänzt wird dieses Projekt durch direkte Bildungsarbeit.

Zu den fünf Unternehmen, die aktuell in den Prozess eingebunden sind, zählen „Chemical Check“ (Steinheim), „Petersilchen/Sanchon“ (Steinheim), „Graf Metternich-Quellen (Vinsebeck), die „Lebenshilfe Brakel“ und der „Biolandhof Engelmann (Willebadessen). Auf Seiten der Kommunen stellen sich die Verwaltungen in Steinheim, Brakel und Willebadessen dem Zukunftsthema.

Fragen an alle Kandidaten

Für den Monat Juni steht nun ein spezieller Fragenkatalog an, mit dem alle Bürgermeisterkandidaten der Städte im Kreis Höxter konkret Stellung beziehen können zur „Gemeinwohl-Ökonomie“. Es geht um ihre Position zu diesem gesellschaftlichen Themenkomplex. Einsiedel: „Wir wollen konkret nachfragen, wie sie zu Fragen der Nachhaltigkeit, Solidarität, Transparenz und Mitbestimmung stehen.“ Alle Fragen und Antworten der Kandidaten sollen später auch veröffentlicht werden, um damit vielen Bürgern einen vergleichbaren Überblick zu geben.

Übrigens: Das Thema „Nachhaltigkeit“ bewegt immer mehr Menschen, auch in der Arbeitswelt. So hat eine Institut-Studie der deutschen Wirtschaft ergeben, das bereits 49 Prozent junger Menschen im Alter von 21 bis 34 Jahren es bevorzugen, für ein „nachhaltiges Unternehmen“ zu arbeiten.

Bei 26 Prozent liegt die Zahl der 35 bis 49 Jahre alten Arbeitnehmer, die so denken – und 13 Prozent bei den 50- bis 64-Jährigen.

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