Heimatverein Nieheim präsentiert Sonderheft – spannende Geschichten rund um das „Forsthaus Kirchgrund“
Als der Förster plötzlich ein „General“ ist

Nieheim (WB). Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Und so dürfen sich alle Heimatfreunde und Interessierte in der Region auf ein besonderes Sonderheft des Nieheimer Heimatvereins freuen. Auf fast 80 Seiten mit vielen historischen Bildern dreht sich alles um die Geschichte und die Geschichten des früheren „Forsthauses Kirchgrund“ – einst mitten in einem dichten Waldgebiet zwischen Erwitzen und Pömbsen gelegen.

Samstag, 17.10.2020, 11:32 Uhr aktualisiert: 17.10.2020, 11:40 Uhr
So hat der Landschaftsmaler Kurt Matern im Jahre 1942 das „Forsthaus Kirchgrund“ in Ölfarbe festgehalten. Foto: Privat/Familie Schellhove

Ulrich Pieper (81), Stadtheimatpfleger und Vorsitzender des Heimatvereins Nieheim, hat mit Harald Gläser (59, Ortsheimatpfleger von Erwitzen) dem WESTFALEN-BLATT das erste Exemplar des neuen kulturhistorischen Beitrages präsentiert. Pieper: „Nach unserem ersten Heft vor zwei Jahren, das sich mit der Plattdeutschen Sprache befasst hat, dem Beitrag in Heft II (2019) über die Ziegelhütten in Nieheim, Driburg und Brakel , freuen wir uns heute, auf einen weiteren Mosaikstein der Heimatgeschichte eingehen zu können.“ Zudem würden sich aus solchen Veröffentlichungen manchmal wieder neue Ansätze ergeben, wie das Beispiel „Dachbodenfund eines Ziegels von 1844“ zeige.

Autor Karl Prinz (81) aus Münster habe sich großem Engagement in den vergangenen Jahren intensiv in die vorhandenen Aufzeichnungen und Schriften (unter anderem im NRW-Landesarchiv und Fundus des Heimatvereins) eingelesen, erforscht und alles aufgeschrieben. Zudem fließen in das Werk persönliche Erinnerungen des heute 81-Jährigen ein – denn Prinz verbrachte als Verwandter des Försters Bernhard Schellhove einen Teil seiner Jugend (1948 bis 1955) in dem Forsthaus: Prinz: „Dieses Forsthaus Kirchgrund, etwa dreieinhalb Kilometer südlich von Nieheim mitten im Wald gelegen, ist mir also aus eigener Anschauung noch bekannt.“ Das mächtige Gebäude steht dort schon lange nicht mehr, seit genau 60 Jahren ist es Geschichte.

Abriss vor sechs Jahrzehnten

Als damals die fortschreitende Technisierung Personaleinsparungen auch in der Forstwirtschaft ermöglichte, wurde es nicht mehr gebraucht und kurz nach 1960 komplett abgerissen.

Prinz hat seine Erlebnisse von dort aufgeschrieben und durch neue Informationen sowie fleißige Recherche ergänzt. „Die Zusammenstellung in dem Sonderheft ist also keine nüchterne, systematische Abhandlung. Sie ähnelt eher dem Blick durch ein Kaleidoskop, der eine bunte Folge von Bildern vor Augen führt.“

Wissen nicht verloren gehen lassen

Diese Bilder stehen alle irgendwie in Verbindung mit dem „Forsthaus Kirchgrund“, das heute noch einigen älteren Bürgern aus der Region bekannt sei. Dazu zählt Ulrich Pieper aus Nieheim, der sich freut, dass dieses dritte Heft (von der Sparkasse finanziell gefördert) mit dazu beitragen kann, dass die Erinnerungen an das Forsthaus nicht verblassen. Und Harald Gläser lobt: „Die Wegbegleiter, die uns noch aus eigener Anschauung davon erzählen können, werden immer weniger. So erhalten auch die nachfolgenden Generationen die Chance, etwas über die Geschichte der eigenen Heimat zu erfahren. Ansonsten würde dieses Wissen verloren gehen – für immer.“

Rückblick: Das „Forsthaus Kirchgrund“ bei Erwitzen

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  • Rückblick: Das „Forsthaus Kirchgrund“ bei Erwitzen
Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Harald Iding
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Heimatverein Nieheim/Privat
  • Foto: Harald Iding

Zum imposanten Ensemble der Försterei gehörte unter anderem ein Viehweide für den Eigenbedarf (Kühe, Schweine und Hühner) und eine Flößwiese neben dem Teich, dessen Wasser auch für die Stromgewinnung genutzt wurde.

Im Heft wird auf den Förster Bernhard Schellhove näher eingegangen, forstliche wie jagdliche Aspekte werden aufgegriffen. Forst-Exzesse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden beschrieben, ebenso werden Seiten dem Pastor Sommer („...ein Denkmal“) und dem überzeugten Forsthaus-Fan, Landschaftsmaler Kurt Matern, gewidmet. Die Familie um Paul Kröning (ein leidenschaftlicher Imker), die von 1949 bis 1953 im Forsthaus Kirchgrund gelebt hat, wird ebenfalls erwähnt. Überhaupt: Das neue Heft ist so bunt wie das Leben und präsentiert sich als kurzweilige Lektüre, die ab sofort für fünf Euro unter anderem im Sackmuseum und im Zeitschriftengeschäft „Bei Bea“ (Marktstraße) erhältlich ist.

Nicht unerwähnt bleiben muss der Vorfall kurz nach dem Kriegsende: Förster Bernhard Schellhove war gerade in seiner Dienstuniform auf den Weg nach Erwitzen, als ihn eine Militärstreife mit drei amerikanischen Soldaten anhielt und gleich mitnahm. Ein Offizier hielt ihm vor: „Du nix Forester, Du General!“ In der Station der Amerikaner in Nieheim angekommen, entpuppte sich dann der große Fang als großer Irrtum. Das Gelächter war groß: Deutsche Mitarbeiter erkannten den „General“ sofort als ihren Förster wieder.

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