Professor Julian Nida-Rümelin stellt bei Impulsvortrag Vorzüge der beruflichen Bildung heraus »Die USA darf kein Vorbild sein«

Nieheim (WB/nf). Professor Julian Nida-Rümelin hat bei seinem Auftritt in Nieheim den Akademisierungswahn gegeißelt und sich zu den Vorzügen der beruflichen Bildung mit dem bewährten dualen System bekannt: »Länder mit einem fundierten System von beruflicher Bildung fahren besser, auch wenn selbst ernannte Bildungsexperten das anders sehen.«

Über den Vortrag von Julian Nida-Rümelin (Mitte) freuen sich (von links) Heiko Böddeker (Region plus X), Carl-Otto Künnecke (Weserpulsar), Petra Spier (Verein Natur und Technik), Jürgen Spier (Wirtschaftsinitiative).
Über den Vortrag von Julian Nida-Rümelin (Mitte) freuen sich (von links) Heiko Böddeker (Region plus X), Carl-Otto Künnecke (Weserpulsar), Petra Spier (Verein Natur und Technik), Jürgen Spier (Wirtschaftsinitiative). Foto: Heinz Wilfert

Während Absolventen der Universitäten oft nur schwer Arbeit fänden, werden Facharbeiter und Handwerker heute schon händedringend gesucht. Der Professor, der an der Münchner Ludwigs-Maximilian-Universität Philosophie lehrt, ist auf Einladung des Vereins Natur und Technik, der Wirtschaftsinitiative Höxter, des Vereins Weserpulsar und der Region plus X zu einem Impulsvortrag nach Nieheim gekommen.

Fakten zur beruflichen und akademischen Bildung

Seine Position untermauert er mit Fakten zur beruflichen und akademischen Bildung. »Wenn es um Jugendarbeitslosigkeit geht, stehen Länder mit beruflicher Bildung besser da, wie es die Zahlen für Österreich, Deutschland und die Schweiz beweisen. Trotz hoher Akademisierungsquote und gewaltigen Investitionen in Bildung erreiche die Jugendarbeitslosigkeit in Schweden 20 Prozent. »In solchen Ländern ist die Passung zwischen Bildungs- und Erwerbsphase einfach nicht gegeben.«

Fest gefahrene Ideologien aufbrechen

Auch in Deutschland habe die berufliche Bildung seit 2006 auf ein Drittel abgenommen, während die Zahlen der Studienanfänger »durch die Decke gingen« – verbunden allerdings mit hohen Abbrecherquoten bis zu 50 Prozent in manchen Studiengängen. Nida-Rümelin, der den Preis des bayerischen Handwerks trägt, kritisiert eine hochgradige Ideologisierung in der Bildungspolitik. Fest gefahrene Ideologien aufzubrechen, sei aber nicht einfach. In Frankreich, einem Land praktisch ohne berufliche Bildung, sollen 80 Prozent zur Hochschulberechtigung geführt werden, was aber zu einem Auseinanderdriften der tatsächlichen Bedarfe führe. Wenig hilfreich sei auch, sich an anderen Ländern wie den USA und entsprechenden Abschlüssen wie dem Bachelor zu orientieren. Das dortige College bewege sich nicht einmal auf dem Niveau der Fachhochschule, es liege bestenfalls auf dem Niveau einer dreijährigen Oberstufe. »Wir sind gut beraten, nicht solchen Vorbildern zu folgen, deren Konzepte unter den deutschen Bedingungen nicht gelingen können«, führte Nida-Rümelin aus. Als treibende Kraft hinter dem Akademisierungswahn sieht er die »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD), die noch mehr Uniabschlüsse fordere, die Bildungstradition in Deutschland aber nicht zur Kenntnis nehme. In der Wissenschaft gebe es keine einzige Studie, die für den Erfolg der von der OECD geforderten hohen Quote bei Akademikern spreche.

Elterliche Vernunft ist gefragt

Eine wissenschaftliche Qualifikation sei zwar wichtig, aber nicht für jeden Beruf erforderlich. Deshalb dürfe die Vielfalt der beruflichen Bildung nicht abgewertet werden. Hier sei auch elterliche Vernunft gefragt – Kinder sollten beruflich das machen, was ihnen guttue. »Die berufliche Bildung ist ein Kleinod. Warum ist das so schwer zu begreifen?«, fragte Nida-Rümelin und lieferte dafür die »ideologische Verbohrtheit« als Antwort. Nida-Rümelin fürchtet, dass bald mehrere Millionen frei werdende Stellen in der Wirtschaft nicht mehr besetzt werden könnten. Gerade der hohe Anteil des verarbeitenden Gewerbes habe Deutschland aber gut durch die Weltwirtschaftskrise gebracht. Sein Appell richtet sich auch an die Unternehmer und deren moralischer Pflicht zur Ausbildung. Es könne nichts sein, dass nur ein Teil ausbilde und andere dann davon profitierten.

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