Pastor Jürgen Bischoff aus Marienmünster-Bredenborn setzt weiter auf Seelsorge und Betreuung
„Wir müssen beten und innehalten“

Marienmünster/Nieheim (WB). Jürgen Bischoff, ein Mann wie ein Baum und überzeugter Optimist, hat den Tag um 7.30 Uhr mit einem Gebet begonnen – in aller Stille vor dem Kreuz.

Donnerstag, 19.03.2020, 10:07 Uhr
Gottesdienste fallen wegen der Corona-Gefahr aktuell aus. Der Geistliche Jürgen Bischoff (hier in der Kirche von Marienmünster-Bredenborn) möchte alle ermutigen, füreinander da zu sein. „Wir Seelsorger stehen den Bürgern weiter zur Seite.“ Foto: Harald Iding

Der 52-jährige Pastor gehört zum Team der Geistlichen im „Pastoralen Raum Steinheim-Marienmünster-Nieheim“ – und dürfte sich eigentlich auf ein schönes Jahr 2020 mit vielen besonderen Terminen freuen. So steht in der Osterzeit der Umzug von Bredenborn in das renovierte Pfarrhaus in Nieheim (Poststraße) an, wo er zukünftig als ­Pastor wirken und leben wird.

Der gebürtige Höxteraner, der in Borgholz aufgewachsen ist, kann an Pfingsten sein „Silbernes Priesterjubiläum“ feiern. Doch das ist weit weg – jetzt zählt allein die Gegenwart. Und die ist „absolut surreal“, wie Jürgen Bischoff am Mittwoch im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT betonte. Der Alltag werde auf den Kopf gestellt.

Seine Gedanken seien bei der Gemeinde und allen Bürgern. Und wie viele Familien in der Region, so macht sich auch Bischoff als Sohn Sorgen um seine Eltern, die im hohen Alter von 81 und 78 Jahren sind – und noch selbstständig in Borgholz leben. „Wir telefonieren täglich miteinander. Das ist uns wichtig.“

Solidarität und Hilfsbereitschaft

Genau so eine Aufmerksamkeit für seine Mitmenschen wünscht sich Bischoff als Seelsorger auch in dieser schwierigen Zeit, die voller Herausforderung steckt.„Lassen Sie uns nicht die Hoffnung verlieren, sondern uns mit Solidarität und Hilfsbereitschaft im Miteinander begegnen“, hat Erzbischof Hans-­Josef Becker in einer Video-Botschaft verkündet.

Um mögliche Infektionsketten zu vermeiden und krankheitsanfällige Menschen zu schützen, hat der Pastorale Raum Steinheim-Marienmünster-Nieheim am vergangenen Wochenende entschieden, alle öffentlichen Gottesdienste sowie Tauftermine bis auf Weiteres ausfallen zu lassen (diese Zeitung berichtete).

Alle seien nun eingeladen, so das Erzbistum Paderborn, Gottesdienste von daheim aus mitzufeiern, die in Radio, TV und Internet übertragen werden. Gestern Abend wurde beispielsweise die Heilige Messe aus der Krypta des Hohen Doms mit Domvikar Nils Petrat auf der Internetseite des Bistums live ausgestrahlt.

Beerdigung ohne Kapelle

Geht die Seelsorge jetzt verloren durch die vielen Corona-Auflagen und bleibt der Einzelne mit seinen Ängsten allein? Darauf hat Jürgen Bischoff eine klare Antwort: „Seelsorge lebt doch von Nähe und Vertrauen. Das ist momentan zwar ein echter Spagat. Die Beziehungen zueinander finden jetzt aber auf einer anderen Ebene statt. Es gibt mehr Telefongespräche und einen regen Email-Austausch. Natürlich muss man in der direkten Begegnung einen Sicherheitsabstand und die Vorsichtsmaßnahmen einhalten, an die sich jeder zu halten hat – auch wir.“ Die ganzen Regelungen wiegen jedoch schwer – zum Beispiel für Angehörige, die einen Menschen verloren haben.

Auf Bischoffs Terminkalender stand gestern eine Beerdigung in Steinheim. „Ich habe mit der Familie der Verstorbenen vorab natürlich direkt gesprochen – die Informationen über Lebensstationen wollte ich nicht per Telefon abrufen. Es ist schon schwer genug für die Angehörigen.“ Die Friedhofskapelle in Steinheim (geschlossener Raum) durften sie nicht nutzen. Auch der gebuchte Saal mit rund 100 Personen nach der Beerdigung für den Leichenschmaus musste abgesagt werden. Auf diese Weise Abschied nehmen zu müssen, nur am Grab, im allerengsten Kreis, mit Abstand zueinander – das fällt nicht leicht.

Kranksalbung bleibt weiter möglich

Wenn sich ein Patient nun in einer lebensbedrohlichen Situation befindet und um eine Krankensalbung bittet, dann würden Bischoff und seine Kollegen (unter Beachtung der besonderen Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern) in der schweren Stunde für sie da sein. „Alles andere wäre doch fatal“, findet der Geistliche.

Jeder trage allerdings sein Risiko selbst. „Natürlich unter Maßgabe der Sicherheitsregeln. Aber wir waren ja schon früher auf Intensivstationen und standen den Patienten zur Seite.“ Die Krankensalbung als Sakrament – sie geht vor allem zurück auf die Aufforderung Jesu an seine Jünger: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!“ (Matthäus, Kapitel 10)

Auf das Wesentliche konzentrieren

Was ist in diesen Tagen wichtig? Bischoff: „Man sollte an seine Mitmenschen denken, auch im stellvertretenden Gebet.“ Kirche mache sich wegen des Ausfalls der Gottesdienste nicht überflüssig. „Wir stehen zu unseren Aufgaben. Nur müssen wir jetzt neue Wege gehen, beten und innehalten.“ In der Gesellschaft galt bislang: immer höher, schneller, weiter. „Wir sollten uns auf das Wesentliche konzentrieren. Wir haben Zeit, die wir anderen schenken können.“ Bischoff ist überzeugt, dass in jeder Krise eine Chance liegt. „Gott will uns damit vielleicht wach rütteln.“ Die sozialen Kontakte, die könne man derzeit richtig schätzen lernen. In den nächsten Tagen will er eine „Einzelzelebration“ in der Kirche feiern – ohne Teilnehmer, aber für die Gemeinde.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7333852?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2851045%2F
„Big Brother Award“ für Tesla
Cockpit eines Tesla S: Der US-Konzern erhält den Big Brother-Award, weil der Autobauer reichlich Daten über seine Fahrer sammelt. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker