Nach einem Fall im Lügder Missbrauchsskandal werden in Höxter neue Verfahren eingeführt
Jugendamt räumt Fehler ein

Höxter -

Landrat Michael Stickeln hält das Jugendamt des Kreises für organisatorisch und personell gut aufgestellt. Das hat er am Donnerstagabend im Jugendhilfeausschuss deutlich gemacht. Dort standen mögliche Versäumnisse der Behörde im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall in Lügde auf der Tagesordnung. Stickeln stellte sich demonstrativ vor seine Mitarbeiter.

Samstag, 06.03.2021, 05:46 Uhr aktualisiert: 06.03.2021, 05:50 Uhr
Der Soziale Dienst ist in der Außenstelle des Jugendamtes in Höxter an der Corveyer Allee untergebracht. Foto: Marius Thöne

Nach Anhörungen von Mitarbeitern des Jugendamtes und der Kreispolizeibehörde waren Abgeordnete im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag zu der Überzeugung gelangt, dass der Missbrauch auf dem Campingplatz eher hätte aufgedeckt werden können, wenn das Jugendamt Höxter nach Hinweisen in den Jahren 2015 und 2017 engagierter eingegriffen hätte.

Stickeln räumte in diesem Zusammenhang ein, dass auch beim Jugendamt Menschen arbeiteten, und dass dort „grundsätzlich und generell etwas schieflaufen kann und Fehler passieren“. Konkreter wurde der Landrat allerdings nicht. Jugendamtsleiter Klaus Brune hatte bereits 2019 gesagt, dass „zweifelsohne Fehler“ gemacht worden seien, die zukünftig durch „geeignete Steuerungsmaßnahmen“ ausgeschlossen werden sollten. Brune betonte am Donnerstag, dass sich dieser Passus im Protokoll einer Ausschusssitzung ausdrücklich nicht auf den Vorwurf einer nachträglichen Aktenveränderung beziehe, den Mitglieder des Untersuchungsausschusses im Landtag geäußert hatten. Dazu hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet. Brune äußerte sich dazu deshalb am Donnerstag nicht weiter. Das Ergebnis der Ermittlungen bleibe abzuwarten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sei mit Ergebnissen frühestens in der kommenden Woche zu rechnen.

Dennoch hat das Höxteraner Jugendamt aus dem Lügder Missbrauchsfall Konsequenzen gezogen und seine Arbeitsweisen bei Kindeswohlgefährdungen neu konzipiert. Noch in diesem Monat sollen die neuen Abläufe angewendet werden. Derzeit werden die Mitarbeiter entsprechend geschult. Die zuständige Abteilungsleiterin Inga Ribbentrup wies darüber hinaus darauf hin, dass zwei zusätzliche Stellen geschaffen werden sollen. Damit soll der Bereich Kinderschutz und frühe Hilfen ausgebaut werden. Angestoßen wurden bereits im vergangenen Jahr Schulungen von Lehrern an Grundschulen, der Abschluss von Kinderschutzvereinbarungen mit allen Kommunen, der Polizei, den weiterführenden Schulen und dem Arbeitsamt.

Bereits im vergangenen Jahr wurden die Teamleitungen des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Höxter, Warburg und Brakel von der Sachbearbeitertätigkeit freigestellt, um mehr Zeit dafür zu haben, Entscheidungen ihrer Mitarbeiter zu prüfen. Darüber hinaus wurden Vertretungsregelungen konkretisiert. Die Stellenanzahl im Sozialen Dienst, der beispielsweise für die Inobhutnahmen von Kindern zuständig ist, sei bereits 2019 um vier erhöht worden, wie Ribbentrup erläuterte. Sie betonte, dass man bei der gesamten Hilfeplanung im Jugendamt immer das Thema Kindeswohlgefährdung im Hinterkopf habe.

Um künftig auf mögliche Verdachtsmomente schneller reagieren zu können, sei im Kreis Höxter im vergangenen Jahr der so genannte Hilfeplan-Rhythmus verkürzt worden. Statt wie bisher halbjährlich, kommen die Mitarbeiter nun alle drei Monate zu ihren Schützlingen in die Familien oder Heime. Neben dem üblichen Hilfeplangespräch seien alle drei Monate so genannte Statusgespräche eingeführt worden. Dazu spreche ein Jugendamtsmitarbeiter mit der betroffenen Familie und beispielsweise im Falle von Familienhilfe mit dem zuständigen Mitarbeiter eines damit beauftragten freien Trägers wie AWO oder Caritas. „Das ist mehr als es der rechtliche Rahmen vorschreibt“, sagte Ribbentrup. Auch das Landesjugendamt habe dieses Vorgehen gelobt.

Hintergrund

2015 bekam das Jugendamt Höxter offenbar einen Hinweis darauf, dass Mario S., einer der später verurteilten Lügde-Täter, ein Mädchen missbrauchen könnte, dass in den Akten mit dem Pseudonym Daniela auftaucht. Eine Lehrerin wusste, dass Daniela bei ihrem angeblichen Patenonkel Mario S. auf dem Campingplatz „Eichwald“ übernachten durfte.

Sie teilte dem Jugendamt mit, nach solchen Übernachtungen sei das Mädchen, das sonst ein „Sonnenschein“ sei, wie ausgewechselt. Es habe einen starren Blick, klage über Schmerzen am Po und weigere sich, sich für den Schwimmunterricht auszuziehen. Daniela habe gesagt, ihr Onkel solle sie nicht kitzeln. Das Jugendamt ließ das Mädchen daraufhin untersuchen.

2017 meldete sich dann eine vom Familiengericht bestellte Umgangspflegerin mit einem weiteren Missbrauchsverdacht beim Jugendamt. Sie sagte, Daniela schlafe auf dem Campingplatz mit Mario S. in einem Bett, und er küsse sie auf den Mund. Daraufhin soll das Amt der alleinerziehenden Mutter geraten haben, Daniela nicht mehr dort übernachten zu lassen – offenbar aber, ohne das zu kontrollieren.

Eine Jugendamtsmitarbeiterin sagte vor dem Untersuchungsausschuss in Düsseldorf, man sei nach den Vorschriften vorgegangen. Das Vorgehen sei damals in Teambesprechungen so festgelegt worden.

 

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