Corona und die Folgen: Höxteraner starb ohne Vorerkrankung
Kampf nach 189 Tagen verloren

Höxter/Paderborn (WB). Bis März war Johannes Mellwig (66) aus Höxter kerngesund. Dann erkrankte er an Corona. 189 Tage später ist er nach einem langen Leidensweg tot. Den Krankheitsverlauf hat sein Bruder, ein Mediziner aus Paderborn, hautnah miterlebt. „Die Krankheit war aktuell nicht beherrschbar“, zieht er ein bitteres Fazit.

Samstag, 17.10.2020, 03:05 Uhr aktualisiert: 19.10.2020, 07:02 Uhr
Johannes Mellwig setzte sich für die Restarurierung der Corveyer Barockorgel ein: (von links) Hermann Doninger, Franz-Josef Beine, Johannes Mellwig, Jörg Kraemer, Pfarrdechant Hans-Bernd Krismanek, Albert Henne und Josef Kowalski. Archiv-

Vor dem Hintergrund macht ihm die Leichtfertigkeit einiger Mitmenschen im Umgang mit der potentiellen Ansteckungsgefahr große Sorge. „Es gibt junge Menschen, die Corona überlebt haben. Es gibt aber etliche, auch gesunde, die in der Folge sterben. Ich möchte dafür das Bewusstsein schärfen“, sagt Dr. Klaus-Peter Mellwig, Oberarzt im Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

Johannes Mellwig war in Höxter allseits bekannt. Der pensionierte Bankkaufmann war in der Weserstadt unter anderem einige Jahre als erster Vorsitzender des größten Sportvereins aktiv (HLC) und bekleidete das Amt des Schatzmeisters im Förderverein Chorus zur Rettung der weithin bekannten Corveyer Barockorgel.

Grippeähnliche Symptome

Im März, als in Deutschland kaum jemand ahnte, wie das Virus die Welt verändern würde, bekamen Johannes Mellwig und seine Frau Hedwig grippeähnliche Symptome. Nach kurzer Zeit verschwand bei den Eheleuten das Fieber, doch der Höxteraner litt weiter unter extremer Luftnot. Am 31. März sei er im Höxteraner St.-Ansgar-Krankenhaus aufgenommen und untersucht worden. „Ich habe meinen Bruder einen Tag später nach Bad Oeynhausen verlegen lassen. Hier wurden bereits auf einer speziell eingerichteten Intensivstation schwerst betroffene Covid-Patienten behandelt“, sagt Dr. Klaus-Peter Mellwig.

Eine Lungenaufnahme im Computertomographen offenbarte das Problem: „Das CT-Bild sah so dramatisch aus, dass es eigentlich mit dem Leben nicht vereinbar war.“ Alle Bereiche der Lunge zeigten entzündliche Veränderungen. Dies erklärte die verminderte Sauerstoffaufnahme und die notwendige Einleitung der künstlichen Beatmung.

Künstlich beatmet

Vier Wochen lang wurde der 66-Jährige in Bad Oeynhausen künstlich beatmet und überwiegend über Infusionen ernährt. Als Johannes Mellwig trotz zwischenzeitlicher Komplikationen wieder selbstständig atmen konnte, war er ein Schatten seiner selbst. Er hatte keine Kraft mehr in seinen Muskeln und musste das Laufen zunächst am Rollator erlernen. Doch die Luftnot sei vorbei gewesen. „Er hat sich sehr schnell wieder erholt. Allerdings traten Geschmacks- und Gefühlsstörungen auf. Erstmalig wurde eine Gallengangsentzündung festgestellt“.

In der Reha-Klinik in Bad Driburg konnte eine weitere Verbesserung der körperlichen Belastbarkeit erzielt werden. Die Entzündung der Gallengänge setzte sich aber kontinuierlich fort.

Der 66-Jährige wurde in der Medizinischen Hochschule Hannover in der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie aufgenommen. Erstmalig wurde eine Lebertransplantation in Erwägung gezogen. Es sah zunächst alles sehr gut für den Höxteraner aus. Er erschien als perfekter Patient für eine Transplantation, weil er sich bis dahin von der Corona-Erkrankung gut erholt hatte. Auch mental habe er alles gut weggesteckt, berichtet der Bruder.

Große Trauer

Nach zwei Aufenthalten in Hannover sowie einer kurzen Zeit zuhause, wo er medizinisch weiter betreut wurde, verschlechterte sich der Zustand dramatisch schnell durch eine erneute Infektion. „Sein Zustand wurde so schlecht, dass an der Medizinischen Hochschule die Entscheidung getroffen werden musste, ihn von der Transplantationsliste zu streichen. Es kam noch ein Nierenversagen dazu. Auch die Sauerstoffversorgung war extrem kritisch.“ Obwohl der Höxteraner zunächst noch sehr optimistisch gewesen sei: Er erholte sich nicht mehr, wurde immer schläfriger und nahm schließlich das Umfeld nicht mehr wahr. Johannes Mellwig starb am 6. Oktober in Hannover.

Die Trauer in der Familie, die einen lieben Menschen verloren hat, sei groß. Für Dr. Klaus-Peter Mellwig, steht fest, dass die Corona-Infektion verantwortlich für den dramatisch schnellen Verlauf der Leberfunktionsstörung bei seinem Bruder ist.

„Daher ist es mir wichtig, in der Bevölkerung das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen und sie für die gesundheitlichen Gefahren und Spätfolgen zu sensibilisieren. Wir haben derzeit keine andere Möglichkeit, als die AHA-Regeln strikt zu befolgen. Auch wenn jetzt die Restriktionen verschärft werden, sollten die Menschen die Maßnahmen, die umgesetzt werden, befolgen. Das sollten auch diejenigen beherzigen, die die Maßnahmen in Frage stellen.“

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