Deutsche Einheit: Siegfried Bärwald verlässt DDR 1957 mit 17 und findet sein Glück
Entschlossen nach Westen

Bosseborn  (WB). „Es ist so, als wäre das Telefonat mit meinen Verwandten in Ost-Berlin gerade gewesen.“ Den Abend des 9. November 1989 hat Maria Bärwald noch in bester Erinnerung. Maria und ihr Ehemann Siegfried Bärwald aus Bosseborn sind 31 Jahre später noch voller Emotionen.

Samstag, 03.10.2020, 00:05 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 00:10 Uhr

Der 9. November 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands war für die Frau aus dem Westen und den Mann aus dem Osten ein „unvergleichlicher Höhepunkt“ in den inzwischen 58 Ehejahren. Am 30. Jahrestag der Deutschen Einheit blicken die Bärwalds gerne zurück: „Am 13. August 1961 ist die Mauer hochgezogen worden. Am 9. November 1989 ist sie durch die friedlichen Revolution der Bürger der DDR abgerissen worden“, wartet Siegfried Bärwald in einem Satz mit zwei historischen Daten auf und hat Tränen in den Augen.

1962 geheiratet

Im Oktober 1962 haben die gebürtige Ottbergerin Maria Kirchhoff und der gebürtige Altenburger Siegfried Bärwald aus Thüringen geheiratet. „Vielleicht war unser Hochzeitstag im Oktober 1962 ein gutes Omen für den ersten Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990“, schmunzelt der ehemalige Bauingenieur. Der heutige Rentner leidet seit einigen Jahren an Parkinson.

Verwandte aus Ost-Berlin

 

Der Blick zurück werde an diesem Samstag zunächst auf den 9. November 1989 gerichtet sein: „Am anderen Ende der Telefonleitung forderte mich meine Verwandte aus Ost-Berlin damals auf, das Fernsehen einzuschalten“, erinnert sich Maria Bärwald. „Danach wollten wir nicht glauben, was wir zu sehen bekamen. Es waren Bilder der puren Freude und Emotionen. Die Menschen in Ost-Berlin stürmten an den Grenzübergang Bornholmer Straße. Sie wollten rüber nach West-Berlin“, schildert die ehemalige Buchhalterin Maria Bärwald das Geschehen vor 31 Jahren. „Mein Mann war so ergriffen, wie ich ihn vorher so noch nicht erlebt hatte.“ Die legendäre Pressekonferenz in Ost-Berlin von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski mit der unglaublichen Antwort „sofort, ohne Einschränkungen“ auf die Frage eines Journalisten in Bezug auf das Reisegesetz war der Auslöser für die Szenen gewesen, welche die Bärwalds und Millionen von Menschen in Ost und West damals ungläubig verfolgten. „Am Abend des 9. November 1989 habe ich unsere Verwandten im Osten zur Geburtstagsfeier meines Mannes eingeladen. Am 10. Dezember haben wir dann im damaligen Landhaus Grawe in Bosseborn den 50. Geburtstag gefeiert. Es war gleichzeitig eine Wiedervereinigungsparty erster Klasse“, ist Maria Bärwald noch heute begeistert.

Vier Tage mit dem Rad

Mit gerade einmal 14 Jahren hatte sich Siegfried Bärwald 1954 mit dem Fahrrad in den Westen aufgemacht. „Für die 594 Kilometer von Altenburg nach Konstanz am Bodensee habe ich vier Tage gebraucht. Ich wollte den Westen kennenlernen. In Konstanz und der angrenzenden Schweiz hatte ich Verwandte. Es waren für mich beeindruckende Bilder und Begegnungen“, stellt der heute 80-Jährige heraus. „Zurück in Altenburg wollte ich nur noch für immer in den Westen“, setzte der Jugendliche sein großes Ziel entschlossen um. „Den Plan durfte ich noch nicht einmal meinen Eltern verraten, denn Spione gab es überall.“ Drüben besuchte Bärwald weiter die Berufsschule und schloss seine Lehre zum Zimmerer ab. In der DDR war ihm das Studium trotz bester Noten nicht gestattet worden. „Da ich nicht dem kommunistischen Jugendverband Freie Deutsche Jugend, kurz FDJ, angehörte und als nicht linientreu galt.“ Nach erfolgreicher Gesellenprüfung erfolgte 1957 der Schritt in die Bundesrepu­blik. Siegfried Bärwald studierte von 1958 bis 1961 an der Bauingenieur-Schule in Holzminden. Nach dem Studium fand er eine Arbeitsstelle als Statiker bei der Firma Wolff in Ottbergen. Hier lernte der 21-Jährige Maria Kirchhoff kennen. „Im Oktober 1962 haben wir geheiratet. 1971 ist unsere Tochter Chris­tiana geboren.“ Besuche in der DDR seien in all den Jahren bis zum Mauerfall etwas Besonderes gewesen.

Großes Glück

„Die Einheit ist ein großes Glück“, sind die Bärwalds überzeugt. Siegfried Bärwald hat sein Leben im Osten und Westen unter dem Titel „Nach Westen“ in einem roten ­Dina 4-Ordner auf 511 Seiten festgehalten. „Im Westen bin ich glücklich geworden. Den Osten vergesse ich niemals“, sagt er.

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