Meilenbrock: „Lockerheit des Publikums kommt in nächsten vier Jahren nicht zurück“
Veranstalter bangen um ihre Existenz

Kreis Höxter (WB). Abgesagte Volksfeste, Konzerte und Messen, kaum Theater, und dabei wenig finanzielle Unterstützung: Die Veranstaltungsbranche fühlt sich im Stich gelassen und wird auch im Kreis Höxter von der Corona-Krise hart getroffen. Die hohen Kosten für Löhne, Versicherungen, Altersvorsorge und Gewerbesteuer belasten die Firmen. Und die Einnahmen fallen 2020 fast alle weg.

Mittwoch, 09.09.2020, 07:30 Uhr
Elmar Meilenbrock aus Vinsebeck gehört zu den Großen der Veranstaltungsbranche im Kreis Höxter. Er ist Festwirt der Warburger Oktoberwoche und des Brakeler Annentages. Derzeit bleiben seine Zelte leer. Er setzt auf den Getränkehandel. Foto: Frank Spiegel/Archiv

Alarmstufe Rot

Das bundesweite Bündnis „Alarmstufe Rot“ will an diesem Mittwoch in Berlin gegen die drohende Insolvenzwelle in der Branche demonstrieren und hat erneut einen Austausch mit der Politik und mehr finanzielle Staatshilfen gefordert. Die heimischen Betriebe unterstützen den Protest; einige wollen in die Hauptstadt fahren. „Seit März befindet sich die Veranstaltungswirtschaft im permanenten Lockdown. Die Umsätze liegen nahe bei null, eine Besserung scheint nicht in Sicht“, sagt Holger Sielemann (Event- und Entertainment-Agentur Fee in Höxter). Fee Höxter und der große Festveranstalter Meilenbrock in Vinsebeck unterstützen den Hygiene-Kurs der Bundesregierung, sagen aber auch, dass ein Kahlschlag in Deutschlands sechstgrößtem Wirtschaftszweig drohe, der 130 Milliarden Euro erwirtschafte und einer Million Menschen Arbeit als Festangestellte und Aushilfen sichere. Die Lage sei für viele Unternehmen existenzbedrohend, da Umsätze bei den Firmen nun das ganze Jahr ausfielen. Nette Online-Angebote wie Live-Streams erhöhten zwar kurzfristig die Sichtbarkeit der Kultur- und Kreativbranche, seien aber selten kostendeckend.

Zweites Standbein

Festwirt Elmar Meilenbrock ist froh, dass er mit dem Getränkehandel noch ein zweites Standbein hat. „Dieses Jahr habe ich komplett abgeschrieben. Umsatz gab es 2020, außer auf einigen Hochzeiten und Geburtstagen, die mit je 150 Gästen gefeiert wurden, wenig. Und dann: keine Volksfeste wie die Warburger Oktoberwoche oder Annentag, in diesem Herbst keine Oktoberfeste, keine Firmenfeiern, Rockkonzerte, Partys oder Vereinsfeste“, beklagt Elmar Meilenbrock, der gut 70 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder sie zu Renovierungen und anderen Einsätzen einsetzen musste. In den Gaststätten sei der Umsatz überwiegend zusammengebrochen. Nur der Getränkehandel floriere.

Bruch erwartet

Meilenbrock wagt eine Prognose: „Ich sage, dass die Lockerheit des Publikums, Feste zu feiern, in den nächsten vier Jahren in altbekannter Form nicht mehr zurückkehrt“. Der Veranstalter sieht eine sehr große Vorsicht bei Besuchern, sich unbefangen unter die Leute zu begeben. Da habe es einen richtigen Bruch gegeben.

Und seit das Land das Verbot von Großveranstaltungen nochmals bis Ende des Jahres ausgeweitet hat, fürchten viele die kommenden Herbst- und Wintermonate sowie die weitere Entwöhnung des Publikums vom Feiern.

Elmar Meilenbrock berichtet dann noch von den staatlichen Hilfen für die Angestellten in der Eventbranche, die im Juni über Steuerbüros hätten beantragt werden müssen und Anfang September noch nicht geflossen seien. Das tue vielen Messebauern, Caterern und Gastronomen weh.

Flammender Appell

Die Demonstration in Berlin sei ein flammender Appell, ein letzter Hilferuf der Branche, sagen die Fee-Mitarbeiter in Höxter. „Ohne uns wird es leise“, meint Holger Sielemann. Fee-Geschäftsführer Sascha Knipping berichtet, dass man mit dem Bundestagsabgeordneten Christian Haase kürzlich gesprochen habe und auf die Not der Event-Branche, der Bands, Künstler und Messebauer hingewiesen habe. Fee habe durch die Absage der Messen in Deutschland oder des Autosalons in Genf massive Einbußen erlitten. „Ich erinnere mich noch an das Frühjahr, als wir schon auf dem Weg mit dem Messestand nach Genf waren und die Corona-bedingte Absage des Salons auf der Autobahn ohne Vorwarnung entgegen nehmen mussten. Das tat weh“, sagt Knipping. Die Branche sehe kein Licht am Ende des Tunnels. Für Fee stelle sich zum Glück die Existenzfrage noch nicht, weil man auf andere Projekte, neue Arbeitsfelder im PR-Bereich und Vorarbeiten für 2021 ausweiche. Aber sechs Leute brauchen auch genug Arbeit und man hoffe, dass es 2021 wieder Konzertaufträge für Honky Tonk oder die Wirtschaftsschauen gebe. Elmar Meilenbrock berichtet, dass 2021 fast schon überbucht sei, weil alle alles nachholen wollten.

Vorsichtige Planungen

Der Vinsebecker und auch die Höxteraner sind ganz vorsichtig, was Eventplanungen mit Blick auf die Corona-Pandemie angeht. Erstaunt schaut die Branche auf den Flickenteppich der Corona-Regelungen in den Bundesländern: Sarah Connors Konzert in Nordrhein-Westfalen werde verschoben, Roland Kaiser in Berlin dürfe spielen. Beide Firmen trägt zurzeit nur das Prinzip Hoffnung. Überall ist Zurückhaltung zu sehen, was viele auch nachvollziehen können. Aber: Die Branche erreicht bald knallrote Linien.

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