Erstes Via-Nova-Wochenende geht mit einem faszinierenden Abend zu Ende
Traurigkeit im starren Puppengesicht

Höxter (WB). Das erste Via Nova Kunstfest-Wochenende in Corvey ging mit einem faszinierenden Abend zu Ende, der lange im Gedächtnis bleiben wird. Niemand stand auf, niemand verließ vorzeitig den Saal. Alle dankten der herausragenden „Musicbanda Franui“ und vor allem dem Puppenspieler Nikolaus Habjan, der das Publikum verzaubert hatte.

Mittwoch, 09.09.2020, 06:46 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 06:50 Uhr

Puppe nimmt Zuschauer mit

Am Anfang stand nur ein kleiner Tisch auf der Bühne, und dann kam der Puppenspieler und setzte sich. In seiner Begleitung ist ein etwa 70 Zentimeter großer alter Mann. Ein hässlicher Glatzkopf mit großen, rot schimmernden Augen. Doch dann gewinnt die Puppe an Leben, sie beginnt zu sprechen und nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das Leben. Man nimmt kaum noch wahr, dass die poetischen Texte von Robert Walser und Jürg Amann so eindringlich und berührend vom Puppenspieler Nikolaus Habjan gesprochen werden.

Die Texte nehmen das Thema der Romantik; der Wanderer, der unstet unterwegs ist, der nirgends Wurzeln schlägt, wieder auf. Ein Bild für die Lebensreise des Menschen. Dann kommt der Tod – kunstvoll durch einen zweiten Puppenkopf dargestellt – und spricht von der Bedeutungslosigkeit des Daseins. Erst wenn der Alte alle irdischen Dinge los lässt, kann ihn der Tod in seine Arme nehmen.

Die manuelle Fertigkeit, mit der Nikolaus Habjan seine Puppen bewegt, ist fast unglaublich. Den Kopf der Puppe hat er über eine Hand gestülpt, und er bewegt die Finger so, dass er den Zuschauer glauben lässt, die Puppe bewege den Mund und könne sprechen. Obwohl es ein starres Puppengesicht ist, glaubt man, Mimik und Gefühle wie etwa Traurigkeit zu erkennen.

Traumhafte Technik

Begleitend zu dieser grandiosen Kunst das nicht minder beeindruckende Spiel der Musicbanda Franui. Zehn Musiker spielen Blas-, Streich- und Zupfinstrumente. Seit mehr als 20 Jahren sind sie schon ein Ensemble, sie spielen eigene Kompositionen, aber auch, wie in Corvey, Bearbeitungen von Schubert-, Schumann-, Brahms- oder Mahler-Liedern. Es sind ganz neue zum Teil sehr dynamische Werke entstanden, aber doch werden Schubert und Mahler immer wieder hörbar. Allenthalben brannten die Musiker ein Feuerwerk traumhafter Technik ab und zelebrierten herrlich einen prägnanten, präzisen Klang. Mit professioneller Spiellaune musizierten sie im Kaisersaal, und man konnte nur begeistert sein. Große formelle Dimensionen eröffneten sich in ebenso selbstverständlicher Klarheit wie die Ohr schmeichelnden Momente. Ein unvergessener Abend in Corvey.

Das Programm in Corvey hatte am Nachmittag mit Lesung, Vortrag Gespräch und Konzert begonnen. Der Schauspieler Hanns Zischler, vielen wahrscheinlich aus der Fernsehserie Kommissar Beck bekannt, las Texte des amerikanischen Schriftstellers Henry D. Thoreau. Thoreau war ein rebellischer Geist, der von den Ideen des Jean-Jaques Rousseau beeinflusst war. Er propagierte das einfache Leben im Einklang mit der Natur. So beschreibt er in seiner Schrift „Lob der Wildnis” wild wachsende Früchte und Pflanzen, deren Geheimnis und Schönheit der Mensch nur durch große Empathie und Sensibilität erkennen kann. Mit dem wilden Apfelbaum zieht er einen Vergleich, in seinen Früchten unterschiedlich in Größe, Farbe, Reifungsgrad entwirft er ein Bild zur Geschichte des Menschen.

Mythos deutscher Wald

Zum Thema des Via Nova Kunstfestes „Wild, Wald, Welt“ gehörte auch der informative und launige Vortrag von Professor Hansjörg Küster „Mythos deutscher Wald“. Die lange Natur- und Kulturgeschichte des Waldes fächerte er in seinem Vortrag unterhaltsam auf. Von der fernen Zeit, als Menschen begannen, aus dem Holz des Waldes Hütten zu bauen, weiterzogen und der Wald sein Terrain zurück eroberte, bis zur dauerhaften und nicht dauerhaften Besiedlung, deren Grenze der Limes war, von dem schon Tacitus in seinen Schriften schreibt. Erst viel später, im 18. Jahrhundert, entstand die Idee, den Wald zu erhalten, so darf man nur so viel Holz entnehmen, als man Zuwachs hat. Auch in Grimms Märchen spielt der Wald eine große, oft bedrohliche Rolle. Der Mythos deutscher Wald wurde zu einem feststehenden Begriff, der manchmal kuriose Blüten trieb. War man doch während der Kriege mit Frankreich davon überzeugt „Wir müssen Wälder gegen die Franzosen pflanzen, damit sie sich darin verlaufen.“ Auch die Nazis stilisierten den deutschen Wald.

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