Chancen und Risiken: Interview mit Agentur-Chef Rüdiger Matisz
„Diese Krise ist unglaublich hart“

Paderborn/Höxter (WB). Mal strahlender Sonnenschein, mal tiefdunkle Wolken, mal Silberstreif am Horizont: Der Arbeitsmarkt im Hochstift gleicht in den vergangenen 30 Jahren mit seinen Höhen und Tiefen einem Wetterbericht. Mit Rüdiger Matisz, langjähriger Chef der Agentur für Arbeit, hat WV-Redakteur Ingo Schmitz über Krisen und Chancen gesprochen.

Mittwoch, 05.08.2020, 08:27 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 08:50 Uhr
Fast 35 Jahre war Rüdiger Matisz für die Agentur für Arbeit tätig. Nach elf Jahren als Vorsitzender der Geschäftsführung im Hochstift geht der Diplom-Volkswirt im Alter von 63 Jahren in Ruhestand. Paderborn ist seine Heimat geworden.                       Foto: Ingo Schmitz

Sie haben 1990 als Abteilungsleiter beim Arbeitsamt in Paderborn angefangen. Welche Probleme gab es damals?

Rüdiger Matisz: 1990 war eine Zeit, in der die Arbeitslosigkeit relativ hoch war. Nixdorf hatte 11.000 Beschäftigte rund um Paderborn. 5000 Jobs gingen verloren. Das bedeutete für die Region auch einen massenhaften Kaufkraftverlust.

 

Was für Programme gab es, um das aufzufangen?

Matisz: Wir haben, so wie heute, Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt und Arbeitgebern den Einstieg von Arbeitslosen durch Lohnkosten-Zuschüsse versüßt. Viele sind damals über diese Zuschüsse zu anderen Arbeitgebern gegangen. Einige etwas Ältere haben Frühverrentungs-Programme durchlaufen. Das hat vielen geholfen.

Möbelkrise zog sich bis nach Steinheim

 

Welche Krise kam dann? Die Möbelkrise?

Matisz: Die Möbelkrise fing schon in den 80ern an und ging bis Ende der 90er. Nolte, Thielemeier, Welle – es gab viele, die Kurzarbeit machten oder Leute entließen. Das zog sich auch nach Steinheim herüber. Das Ende der Firma Welle 2018/19 in Bad Lippspringe war ja nur die Nachwirkung mit 400 Beschäftigten.

 

Wie sind die verlorenen Jobs in der Möbelbranche aufgefangen worden?

Matisz: Unser Glück bis heute ist, dass wir über einen breiten Branchenmix verfügen. Wir haben wenig strukturbestimmende Unternehmen. Es gibt wichtige Unternehmen wie Claas, Stute, D‘space, große Bauunternehmen und viele mittelständische Betriebe mit ein paar hundert Beschäftigten. Es gibt im gesamten Hochstift außer Benteler keinen strukturbestimmenden Konzern.

 

Von Arbeitslosigkeit betroffene Bürger gehen nicht gern zur Agentur. Es ist ein ungutes Gefühl. Was hat sich für die „Kunden“ in den vergangenen 30 Jahren geändert? Ist der Umgang ein anderer geworden?

Matisz: Wir versuchen heute die Menschen nicht als Bittsteller, sondern als diejenigen zu betrachten, die eine schwere Phase durchleben, aber in Zukunft wieder einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft erbringen können. Wir wollen helfen, wieder den Einstieg zu finden. Wir sind Brückenbauer für die, die Hilfe brauchen. Wir versuchen heute die Stärken herauszukitzeln anstatt nach den Schwächen zu suchen.

 

Sie sind von Haus aus Industriekaufmann und Di­plom-Volkswirt. Haben Sie nie damit gehadert, dass Sie nicht in die Wirtschaft gegangen sind?

Matisz: Nach dem Studium hatte ich zunächst einen Vertrag bei der Firma Fresenius in Bad Homburg unterschrieben, habe mich dann aber für die Bundesagentur entschieden. Ich habe tatsächlich schon ein paarmal darüber nachgedacht, weil Fresenius ein riesiges Unternehmen geworden ist. Wenn man beim Aufbau mit dabei gewesen wäre, hätte man einiges erreichen können. Mich hat es anfangs gestört, dass die BA eine Bundesbehörde ist und eine bundesweite Mobilität erwartet. Ich habe es aber geschafft, nicht bundesweit eingesetzt zu werden, sondern 30 Jahre meines Berufslebens hier zu bleiben. Karrieren kann man sicher besser in Nürnberg in der Zentrale machen. Heute würde ich sagen, Nürnberg ist auch eine tolle Stadt. Ich mag Franken und bin dort häufiger mit dem Motorrad unterwegs. Aber ich bin hier heimisch. Paderborn hat eine hohe Lebensqualität, hier sind unsere Freunde und es gibt genügend kulturelle und landschaftliche Highlights.

Höffner kann bundesweit mitspielen

Eines Ihrer letzten Kapitel waren die dramatischen Veränderungen im Unternehmen Finke. Wie sehen Sie die Ansiedlung von Höffner?

Matisz: Höffner ist ein Konzern, der auf Dauer in der Branche bundesweit mitspielen wird. Der Standort Paderborn ist für einen solchen großen Möbelhändler prädestiniert. Die Auflösung der Verwaltung war ein konsequenter Schritt. Durch die Situation am Arbeitsmarkt haben die allermeisten Finke-Mitarbeiter etwas Neues gefunden. Für viele der neuen Mitarbeiter bei Höffner haben wir Qualifizierungsmaßnahmen angeboten. Bislang gibt es keine Klagen. Höffner besitzt auch das Logistikzentrum. Der Ausbau wird meiner Meinung nach noch folgen. Also perspektivisch wird Höffner ein wichtiger Arbeitgeber in Paderborn.

 

Welche Risiken ergeben sich für Beschäftigte durch die Corona-Krise?

Matisz: Die rasend schnellen Veränderungsprozesse können dazu führen, dass viele Menschen nicht mehr mitkommen. Denen müssen wir Brücken ins digitale Zeitalter bauen. Das setzt aber Lernbereitschaft voraus. Auch die, die seit 30 Jahren in den Betrieben sind, müssen mitgenommen werden. Es wird den ein oder anderen Arbeitsplatz kosten, weil sich die Effizienz verbessert, wenn man z.B. Videokonferenzen macht, anstatt zum Kunden raus zu fahren.

 

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Matisz: Es gibt mehrere Anzeichen für eine Stabilisierung der Arbeitslosenzahlen auf hohem Niveau. Ein Anzeichen für eine Stabilisierung ist für mich auch, dass die Betriebe die jungen Menschen nicht auf die Straße oder zu uns schicken. Die Betriebe halten die Jugendlichen, was sich daran zeigt, dass es keine überproportionale Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr gibt. Die jungen Fachkräfte werden gebraucht, wenn die Arbeit wieder losgeht. Wir haben in den Monaten April, Mai und Juni deutliche Rückgänge bei den Stellenmeldungen registriert. In der Spitze waren es sogar 48 Prozent. Da war eine enorme Zurückhaltung spürbar, neue Mitarbeiter an Bord zu holen. Das hat sich im Juli gesetzt. Wir hatten nur noch sieben Prozent weniger Stellen als im Vorjahr bekommen.

Probleme in der Zeitarbeit

Wie sieht es bei der Zeitarbeit aus? Welche Branchen sind am schwersten betroffen?

Matisz: Die Arbeitnehmerüberlassungsfirmen haben enorme Probleme. Im Moment braucht die Industrie deutlich weniger Leiharbeiter. Und auch die Schausteller sind schwer getroffen. Weiter gibt es ganz große Probleme bei der Hotellerie, in der Reisebranche – vom Busunternehmen bis zum Reisebüro sowie in der Werbung, beim Marketing und beim Messebau, sowie in großen Teilen des stationären Handels.

 

Wo läuft es denn gut?

Matisz: Im Gesundheitswesen. Da haben wir sogar positive Stellenzugänge – also mehr als vorher. Das gilt auch für den Bau und im Baunebengewerbe. Es gibt also nicht nur Schatten.

 

Wie sieht Ihre Prognose aus?

Matisz: Wir hatten 2019 von Januar bis Juli 663 Insolvenzen. Bislang sind es in diesem Jahr nur 499. Was im Oktober passiert, müssen wir abwarten. Daher bin ich sehr vorsichtig mit positiven Prognosen. Auch die Liquiditätshilfe für kleine Unternehmen wird bisher viele davor bewahrt haben, den Betrieb schließen zu müssen. Die Kurzarbeit bleibt weiterhin auf einem hohen Niveau. 60.000 Arbeitnehmer sind potenziell betroffen. Ende September kennen wir die genauen Zahlen. Was wir nicht wissen ist, wie lange die „Solo-Selbstständigen“ durchhalten.

 

Wie lange sind denn die Kassen gefüllt?

Matisz: In der Finanzkrise 2008/09 hatten wir 10.000 Kurzarbeiter. Die hatten wir bei der Corona-Krise schon im März. Angesichts dessen sind 26,5 Milliarden Euro nicht viel. Pro Woche zahlen wir im Hochstift fünf Millionen Euro für Kurzarbeitergeld aus. Damit wird aber viel stabilisiert. 60 Prozent Kurzarbeitergeld sind für die Betroffenen kein Zuckerschlecken, aber eine bessere Perspektive als Arbeitslosigkeit. Alles hängt vom weiteren Infektionsgeschehen ab. Wir sind ein Hochtechnologiestandort mit weltweiten Verflechtungen. Die Grundlagen in Paderborn für weiteres Wachstum sind hervorragend. Dazu zählen die Zukunftsmeile, Phönix Contact, Weidmüller, D’space, die Uni. Es passiert hier einiges.

Mitte August mit Termin geöffnet

 

Ebenso wie die anderen Verwaltungen hat die Agentur für Arbeit geschlossen. Wie geht es da weiter?

Matisz: Wir öffnen wieder am 17. August für Kunden mit Termin. Schon jetzt vergeben wir diese Termine. Wenn sich Menschen arbeitslos melden, dann müssen sie hierher kommen und sich ausweisen. Seit März läuft das telefonisch. Die Ausweiskontrolle muss jetzt leider nachgeholt werden, weil es der Gesetzgeber vorschreibt. Das ist für alle unglücklich. Aber es gibt auch einen anderen Weg. Es ist eine Handy-App entwickelt worden, die mit einer Gesichtserkennung arbeitet. Wenn viele Kunden hiervon Gebrauch machen, brauchen wir nicht so viele persönlich einladen. Alle Kunden werden deshalb angeschrieben. Ich hoffe, dass diese Krise der Beginn einer Endbürokratisierungswelle sein wird.

 

Welche Veränderungen stehen der Agentur bevor?

Matisz: Wir bekommen ein neues Team, das sich um die Qualifizierung von Beschäftigten kümmern wird. Angesichts der Demografie werden wir weiter Fachkräfte benötigen. Grundlage ist das Qualifizierungs-Chancengesetz, mit dem wir Betriebe fördern können, wenn sie ihre Mitarbeiter qualifizieren lassen. Das 20-köpfige Team wird zum großen Teil in Paderborn angesiedelt sein, arbeitet aber für ganz OWL.

 

Was ist heute besser als noch vor 30 Jahren?

Matisz: Wir haben heute eine ganz andere Arbeitsstruktur. Damals kannte man die vollen Flure. Damals gab es eine Meldestelle, wo auf Karteikarten geschrieben wurde. Dann gab es die Vermittler, die versucht haben, den Arbeitslosen wieder in den Arbeitsmarkt zu bekommen. Heute haben wir so etwas wie ein Bürgerbüro, wo Termine vergeben werden. Volle Flure gibt es nicht mehr oder zumindest nur in Ausnahmefällen. Das gilt auch für die Vermittlung und die Abgabe Leistungsanträge. Letztere können mittlerweile auch elektronisch abgegeben werden. Das Arbeitsamt hatte damals das Arbeitslosengeld und die Arbeitslosenhilfe auszuzahlen. Anfang der 2000er Jahre hatte man die gute Idee, die Empfänger von Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammenzulegen. Daraus entstanden die Jobcenter. Die meisten Menschen, die in die Arbeitsagentur kommen, haben nur kurz mit uns zu tun. 90 Prozent der Arbeitslosen kommen nach kurzer Zeit wieder in Beschäftigung. Nur zehn Prozent müssen nach einem Jahr weiter zum Jobcenter gehen.

Handwerk bietet Chanchen

 

Mal angenommen, Sie hätten Kinder im Alter von 15 Jahren. Zu welchem Beruf würden Sie denen raten?

Matisz: Handwerk auf jeden Fall. Ebenfalls sicher sind Lehrtätigkeiten, Beratung und technische Bereiche, wie Ingenieurwesen und Informatik. Künstliche Intelligenz wird unser Leben weiter beeinflussen, daher wird es Verwaltungsaufgaben nur noch auf einem gewissen reduzierterem Niveau geben. Das ganze Gesundheitswesen und die Gastronomie sind ebenfalls zukunftssicher. Allerdings müsste in der Kranken- und Altenpflege besser bezahlt werden. Noch wichtiger ist aber, dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Auch die Erzieher in den Kitas sind aus meiner Sicht unterbezahlt, wenn man überlegt, dass dort die Grundlagen für die Entwicklung gelegt wird.

 

Wie sehen Ihre letzten Arbeitstage aus?

Matisz: Auf dem Terminkalender stehen unter anderem Gespräche mit den Wirtschaftsförderern und Kreishandwerkerschaften, der IHK, den Landräten, einigen Bürgermeistern und verschiedenen Betrieben. Außerdem werden Vorbereitungen für die Ausbildungsmessen Connect im Kreis Paderborn und Step One im Kreis Höxter getroffen, die wir mit den Kreishandwerkerschaften und der IHK organisieren. Es soll dieses Jahr eine digitale Variante geben, bei der sich Schüler und Betriebe vernetzen können.

 

Was machen Sie demnächst im Ruhestand?

Matisz: Nichts! Für mich ist die Zeit ein Geschenk, keine Termine zu haben. Und wenn ich zu irgendetwas Lust habe, dann mache ich es. Dann gibt es noch eine Familie und Haus und Hof. Außerdem fahre ich gerne Motorrad – mit einer BMW, die übrigens sehr leise ist – und E-Bike. Ich spiele Tennis und gehe tanzen. Alles was schön hier in der Region ist, das werde ich besuchen. Ich habe kein Ehrenamt und das brauche ich im Moment auch nicht. Ich hoffe, dass ich demnächst wieder ein Fußballspiel im Stadion sehen kann. Auch in der zweiten Liga kann es sehr schöne Spiele geben. Gerade die Höhen und Tiefen sind spannend.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7521911?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2516020%2F
Stornierte Klassenfahrten: NRW zahlt mehr als 25 Millionen
Symbolbild. Foto: Tom Mihalek/dpa
Nachrichten-Ticker