Landgericht setzt psychiatrische Unterbringung zur Bewährung aus – ambulante Therapie für Höxteraner als Auflage
Angreifer hat Borderline-Störung

Höxter/Paderborn (WB). Ist er gefährlich für die Allgemeinheit – oder war es nur eine Episode? Der 8. Großen Strafkammer des Landgerichts Paderborn haben zwei Ausraster eines jungen Höxteraners eine harte Nuss zu knacken gegeben. Am Ende kam eine salomonische Entscheidung heraus: Der 25-Jährige, der mehrere Menschen angegriffen hatte, bleibt frei – aber unter Aufsicht.

Montag, 06.07.2020, 12:01 Uhr aktualisiert: 06.07.2020, 14:32 Uhr
Am Bahnhof in Höxter gab es einen Angriff auf Personen – die Tat hat Konsequenzen.

Der junge Mann hatte wie berichtet ziemlich genau vor zwei Jahren in Höxter Angst und Schrecken verbreitet. Einmal hatte er – blutüberströmt, nachdem er sich mit einem Küchenmesser selbst verletzt hatte – die Insassen eines Autos mit demselben Messer bedroht, damit sie wegfuhren und ihn in Ruhe ließen.

Am Bahnhof griff er 14 Tage später – auf der Rückreise von der psychiatrischen Klinik, in die er wegen des anderen Vorfalls eingewiesen worden war – einen Fahrgast und einen Passanten an. Verletzt wurde niemand, außer dem 25-Jährigen selbst: Er bekam eins auf die Nase von dem Passanten, den er für einen Drogendealer hielt und ihm seinen „Stoff“ aus der Umhängetasche fischen wollte.

„Er konnte nie einen normalen Lebensweg einschlagen“

Jeweils deutlich mehr als zwei Promille Alkohol hatte der Höxteraner bei beiden Taten im Blut. Das sei aber nicht die alleinige Ursache für die Ausraster gewesen, stellte ein psychiatrischer Gutachter im Prozess vor dem Landgericht fest: Der junge Mann leide seit seiner späten Jugend an einer psychischen Störung – dem Borderline-Syndrom. „Er konnte nie einen normalen Lebensweg einschlagen.“ Alkohol- und Drogenkonsum seien vor dem Hintergrund der Erkrankung zu sehen, es scheine, als ob der 25-Jährige damit versuche, eine Selbstmedikation zu betreiben – was natürlich nicht funktionieren könne.

Der Genuss von Alkohol verstärke das Störungsbild, das allein für sich betrachtet schon schwerwiegend sei. Jedoch, das betonte der Psychiater, sei der Angeklagte bisher nüchtern nie aufgefallen – er sei aber auch aufgrund seiner Erkrankung „nicht abstinenzfähig“. Zum Zeitpunkt der beiden angeklagten Taten sei er zumindest vermindert schuldfähig gewesen, wenn nicht sogar gänzlich schuldunfähig.

Was die ganze Sache für die Strafkammer kompliziert machte: Der Gutachter sah eine dringende Behandlungsbedürftigkeit der psychischen Störung, um eine Wiederholungsgefahr von gewalttätigen Übergriffen zu unterbinden.

Eine solche Therapie werde jedoch in der betreuten Wohngruppe in Marsberg, in der der 25-Jährige derzeit untergebracht ist, nicht angeboten – er sehe die Voraussetzungen für eine gerichtliche Einweisung in die Psychiatrie als erfüllt an.

Schuldunfähigkeit beantragt

Dem wollten weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung folgen: Beide beantragten wegen der Schuldunfähigkeit einen Freispruch, hielten eine Einweisung wegen der unbestimmten Dauer des Eingriffs in die persönliche Freiheit des 25-Jährigen aber auch für zu heftig.

Die Kammer hingegen hielt insbesondere den Messer-Vorfall für schwerwiegend genug, eine Unterbringung in Betracht zu ziehen. Die Richter fanden nach eingehender Beratung eine Lösung: Damit der 25-Jährige seine Krankheit angehen kann, soll er sich einer Therapie unterziehen – das Gericht setzte die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt jedoch zur Bewährung aus.

Der Höxteraner soll stattdessen in der LWL-Wohngruppe bleiben und mit Betreuung von dort aus eine ambulante Therapie machen. Damit das alles klappt, wird er für zwei Jahre der Führungsaufsicht unterstellt.

Kommentare

Walter Neuschitzer  wrote: 08.07.2020 12:02
Die klassische Psychiatrie war wie immer nutzlos
Laut dem Artikel war der Täter schon in psychiatrischer Behandlung, und es hat offensichtlich nichts genützt. Angesichts dessen, dass einige Psychopharmaka die Neigung zum Mord (und Selbstmord) erhöhen, kann sogar Schaden gestiftet worden sein. Wie dem Artikel weiter deutlich zu entnehmen ist, ist der Täter ohne Einfluss von Alkohol und sonstigen Drogen noch nie straffällig geworden. Ein normaler Mensch würde meinen, dass ein Entzug die richtige Maßnahme wäre; einem klassischen Psychiater fällt so etwas natürlich nicht ein. Für ihn sind Drogen eine Behandlungsmethode.
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