Einblick in die Arbeit von Sicherheitskräften in der Corona-Zeit
Ein Tag vor dem Baumarkt

Holzminden (WB). „Sie brauchen bitte beide einen Einkaufswagen“, erklärt Per Stahl einem Vater, der gemeinsam mit seinem Sohn den Eingang zum Baumarkt passieren möchte. Ein gereizter Blick folgt. „Ach komm, dann gehen wir wieder. Denen geben wir nicht unser Geld“, ist unter dem Mundschutz des Kunden zu vernehmen.

Donnerstag, 07.05.2020, 05:20 Uhr
Auch für die Sicherheitskräfte Per und Jessica Stahl hat sich der Arbeitsalltag grundlegend verändert. Seit einer Woche ist das Ehepaar vor einem Holzmindener Baumarkt im Einsatz. Der gestaltet sich nicht immer einfach. Foto: Greta Wiedemeier

Die Grundstimmung ist gereizt, die Menschen angespannt. Doch vom nächsten Kunden folgt ein freundlicher Blick: „Dankeschön“, sagt er laut und deutlich, nachdem sein Einkaufswagen desinfiziert wurde.

Spannender Beruf

Per Stahl ist Fachkraft eines Sicherheitsdienstes – und damit eines von zahlreichen Gesichtern, die man aktuell vor Supermärkten, Baumärkten und weiteren Geschäften erblickt.

Sein Job? Dafür sorgen, dass die aktuellen Verordnungen eingehalten werden. Für den Baumarkt in Holzminden, vor dem er seit einer Woche gemeinsam mit seiner Frau Jessica Stahl Stellung bezogen hat, heißt das: Mundschutz, Mindestabstand und pro Person ein Einkaufswagen, damit die Kundenanzahl im Markt reguliert werden kann.

Normalerweise steht der 44-Jährige seit mehr als 20 Jahren vor Clubs und Diskotheken, betreibt Gebäude- und Personenschutz oder ist als Ladendetektiv unterwegs. „Es ist genau diese Abwechslung, die den Beruf so spannend macht“, sagt er. Für eine Lieblingsaufgabe kann er sich kaum entscheiden. Nur eins steht fest: „Das hier ist nicht unbedingt meine erste Wahl“.

Uneinheitliche Regelungen

Die Kunden, die an diesem Samstagmittag zahlreich in den Markt strömen, reagieren gemischt auf die Regularien vor dem Zutritt: Als „Spießrutenlauf“ bezeichnet einer von ihnen das Einkaufen in Corona-Zeiten – und hat damit sicherlich nicht ganz Unrecht, wie eine Stippvisite in verschiedenen Geschäften in der Region offenbart.

Die Gepflogenheiten sind nicht einheitlich, die Verbraucher verunsichert. An jedem Ort der Einkaufstour müssen sie sich auf neue Regularien einstellen: Beim ersten weisen lediglich Hinweisschilder an der Eingangstür auf die Verpflichtungen hin, beim zweiten steht ein Mitarbeiter mit mechanischem Handzähler bereit und beim dritten werden all jene wieder weggeschickt, die mit mehr als einer Person pro Auto das Geschäft betreten möchten.

Deshalb steht am Einsatzort der Rothenburger Sicherheitskräfte zusätzlich ein großes Aufstell-Schild bereit, auf dem alles detailliert erklärt wird. „Die meisten sind schon das erste Mal genervt, wenn sie lesen, dass jeder einen Einkaufswagen braucht. Und bei schlechterem Wetter sind die Menschen von Grund auf unentspannt“, sagt Jessica Stahl. Sie habe aber durchaus Verständnis.

Das Ehepaar weiß auf die Verunsicherung mit Humor zu reagieren: „Ich will ihnen den Wagen nicht klauen, ich mach’ ihn bloß einmal sauber“, lässt es sich beispielsweise regelmäßig unter Jessica Stahls gepunkteter Maske vernehmen, wenn ein verwirrter Kunde sich von seinem gerade erst ergatterten Einkaufswagen nicht trennen möchte. Sie und ihr Mann haben sich bewusst direkt am Anfang des provisorischen Ganges, der seit Neustem durch einen Hintereingang in den Baumarkt führt, platziert. Auf diese Weise bleibt zumindest die zusätzliche Suche nach dem Eingang aus.

Humor hilft

„Das bringt doch gar nichts, wenn Sie den hier desinfizieren. Ich hab ihn doch jetzt eh schon angepackt“, meint eine Kundin, während Per Stahl sich ein Tuch schnappt, Desinfektionsmittel darauf sprüht und die Griffe ihres Einkaufswagens gründlich säubert. „Sie haben dort an der Säule die Möglichkeit, sich ihre Hände zu desinfizieren“, erwidert der muskulöse Mann ruhig – einer der Sätze, die er in diesen Tagen am häufigsten wiederholt.

Das Desinfektionsmittel, das er Tag für Tag auf den Einkaufswagen verteilt, ist deutlich aggressiver als jenes, das die Kunden zum Händereinigen angeboten bekommen. Wie seine Hände das mitmachen? „Sie werden schon sehr rissig. Aber man kann sie ja nach Feierabend entsprechend pflegen“, sagt Stahl.

Diskussionsbedarf ist hoch

Als seine Frau kurz darauf die Reklamationsartikel eines jungen Manns fein säuberlich notiert, bevor er sie mit zum Informationsstand nehmen darf, folgt die nächste Beschwerde: „So ein Blödsinn, das ist ja nicht mehr normal“. Der Diskussionsbedarf ist in dieser Zeit hoch. Sogar Konflikte unter den wartenden Kunden müssen hin und wieder im Keim erstickt werden. „Es gibt aber auch viele wirklich nette Leute. Einzelne unterstützen uns sogar, wenn zum Beispiel jemand keine Maske aufsetzen will“, berichtet die 34-Jährige von ihren Erfahrungen.

Kreative Kunden

Nebenbei begutachtet sie auch gerne die Kreativität unter den hunderten Kunden: „Man sieht hier richtig tolle selbst genähte Masken. Von Kung-Fu-Panda bis zum Glitzer-Einhorn war schon alles dabei.“

An diesem Tag gibt es kaum Probleme mit Masken-Verweigerern an der Eingangskontrolle, doch die beiden Sicherheitskräfte wissen: Einige Kunden nehmen die Masken drinnen einfach wieder ab. Deshalb geht regelmäßig einer von ihnen auf Streifzug durch den Laden. Der junge Mann im Rollstuhl, die alte Dame mit Rollator oder der Herr, der gerne einen Rasenmäher kaufen möchte, der nicht auf den Einkaufswagen passt – für all diese Fälle müssen die Sicherheitskräfte eine passende Lösung parat haben und dabei immer ruhig und höflich, aber auch bestimmt bleiben.

Selbstbewusstes Auftreten

„Sicherheitskraft ist eine Lebenseinstellung“, meint Per Stahl. Man brauche ein selbstbewusstes Auftreten und dürfe sich nicht einschüchtern lassen. Aggressivität habe er an seinem aktuellen Einsatzort bisher nicht erleben müssen. Die Erfahrung der Sicherheitskräfte kommt den Kunden sicherlich zugute: „Achten Sie auf Ihre Handtasche, dass Sie die ein bisschen zu machen. Auch Taschendiebe gehen einkaufen“, empfiehlt Per Stahl während seiner Desinfektions-Tätigkeit einer Kundin. Ihre Augen lächeln Stahl freundlich und dankbar an – dass der Mund es ebenso tut, ist unter der Maske nur zu erahnen.

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