Abteikirche Corvey: Tischler Georg Pietsch entwirft intelligentes Gestell auf Rollen Bildwechsel in schwindelnderHöhe

Höxter (WB). Wenn der Kirchenvorstand zu den großen Festen jeweils die Ölgemälde des Hochaltars der ehemaligen Abteikirche Corvey austauscht, müssen neuerdings nicht wie sonst mehrere Helfer mit anfassen. Zwei Hände genügen, obwohl die barocken Kunstwerke 4,50 mal 3,10 Meter groß sind. Tischler Georg Pietsch macht es möglich. Seine selbst entworfene Wechselhilfe erleichtert den Austausch der Bilder mit neutestamentlichen Schlüsselszenen des Glaubens immens.

Von Sabine Robrecht
Der Bildwechsel gewährt spektakuläre Blicke in die Kirche.
Der Bildwechsel gewährt spektakuläre Blicke in die Kirche. Foto: Sabine Robrecht

Weihnachten, Fastenzeit, Pfingsten, Mariä Himmelfahrt: Viermal im Jahr legen tatkräftige Mitglieder des Kirchenvorstandes in der Sakristei der Abteikirche die Leiter an, um für den Bildwechsel auf die bühnenartige Empore rückseitig des Hochaltars zu steigen. Wenn sie das den Menschen zugewandte Gemälde aus dem Klemmrahmen lösen, eröffnet sich ein spektakulärer Blick über den Tabernakel hinweg in die Kirche.

Tischler Georg Pietsch aus Albaxen kennt diesen Ausblick. Als Mitglied des Kirchenvorstandes fasst er beim Bildwechsel seit Jahren mit an. „Wie können wir die Arbeit erleichtern?“ Diese Frage hat den Schreiner jetzt beschäftigt. Und er fand mit seiner Holzkonstruktion auf Rollen eine geniale Antwort, die er zunächst mit einem Modell im Maßstab von 1:20 ausprobiert und den Kirchenvorstandskollegen in dieser Miniatur-Variante präsentiert hat. Das Original baute der versierte Handwerker dann nach diesem überzeugenden Entwurf hoch oben auf der Empore in der Sakristei zusammen.

Daten und Fakten

Die fünf erhaltenen Altarblätter stammen aus der Zeit Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts. Während das Weihnachtsbild, die Kreuzigung und eines der Pfingstmotive unsigniert sind, hat Hieronymus Sies seinen Namen auf der weiteren Pfingstszene hinterlassen. Tobias Querfurt schuf das Mariä-Himmelfahrt-Gemälde. Zum Weihnachtsbild und zur Kreuzigung gibt, so Oberbaurat a.D. Fritz Sagebiel in einer Publikation des Heimat- und Verkehrsvereins (HVV) Höxter von 1969, eine Rechnung Hinweise auf den Maler Heinrich Cronenburg aus Münster.

Wechselhilfe hat sich bewährt

Dort hat sich die fahrbare Wechselhilfe inzwischen bewährt. Georg Pietsch rollt sie zunächst an das auszutauschende Bild heran und schiebt sie unter die große Leinwand. Dann löst er vorsichtig die Verschlüsse des Klemmrahmens, die das Gemälde halten. Er neigt das Holzgestell in einem Fünf-Grad-Winkel zu sich herüber und nimmt automatisch das Bild mit. Die Rollen bleiben dabei fest am Boden. Der Tischler bewegt sie erst, wenn das kostbare Barockkunstwerk sicher auf dem Gestell ruht. Er rollt das Bild zur Seite, stellt es mit Hilfe seiner Konstruktion ab, holt mit dem Gestell das neue Motiv aus dem Magazin und platziert dieses präzise an der vorgesehenen Stelle – so dass es zwischen den imposanten gedrehten Säulen die Blicke der Gläubigen auf sich zieht. Am Ende muss das Vorgänger-Motiv zurück ins Magazin. „Binnen einer halben Stunde kann alles erledigt sein, wenn wir zu zweit sind“, sagt der selbstständige Tischler.

Josef Kowalski, geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstandes, und Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek sind begeistert von der durchdachten, arbeitserleichternden Wechselhilfe. Und auch Georg Pietsch freut sich sehr – in der Bescheidenheit eines gestandenen Handwerkers: „Wenn sich beim Einbau einer Treppe beispielsweise Probleme ergeben, muss ich eine Lösung finden.“ Genau das habe er jetzt auch getan. Und er hat an alles gedacht. Auf der Empore hängt eine detaillierte Gebrauchsanweisung für die intelligente Wechselhilfe in Wort und Bild – für den Fall, dass Georg Pietsch mal nicht da sein kann, wenn der Austausch des Hochaltar-Gemäldes ansteht.

Erhalten sind fünf Motive

Mitstreiter des Kirchenvorstandes stehen ihm auch jetzt, da der Wechsel alleine möglich ist, tatkräftig zur Seite. Josef Kowalski, Konrad Gerdemann und Dr. Dominik von Wolff Metternich bilden zusammen mit dem Tischler das Team. Josef Risse, ehemaliges langjähriges Kirchenvorstandsmitglied, ist ebenfalls dabei. Ihm liegt der Bildwechsel in der ehrwürdigen Abteikirche seit seiner aktiven Zeit in dem Gremium sehr am Herzen.

Erhalten sind fünf Motive: die Geburt Christi, die Kreuzigung Jesu, die Herabkunft des Heiligen Geistes, ein weiteres Pfingstmotiv, das protestantische Geistliche mit Halskrause zeigt, und schließlich die Himmelfahrt Mariens. Vom sechsten Gemälde fehlt seit 75 Jahren jede Spur. „Das ist bedauerlich“, sagt Josef Kowalski. Zumal dieses Gemälde – das Osterbild – mit der Auferstehung Christi die wichtigste Szene zeigt.

Osterbild bei Brückensprengung zerstört

An Ostern 1945 stand sie noch im Mittelpunkt des prachtvollen barocken Hochaltars. Eine Woche nach dem Fest – am 7. April – wurde die nahe Eisenbahnbrücke über der Weser gesprengt. Durch den Luftdruck in Folge der Detonation zerbarsten mehrere Kirchenfenster. Und auch das Osterbild wurde zerrissen. Seither sind die Überreste dieses Gemäldes verschollen. Ob es hätte restauriert werden können, ist fraglich. Im Hochaltar verbleibt deshalb über Ostern die kurz nach Aschermittwoch eingesetzte Kreuzigungsszene.

Der nächste Austausch folgt dann zu Pfingsten. Vielleicht ist die jetzt wegen der Corona-Krise geschlossene Kirche dann wieder für Besucher geöffnet.

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