Corona-Pandemie führt auch zu Krisensituationen in Familien
Herausforderung für Jugendämter

Höxter (WB). „Häusliche Gewalt nimmt zu“, sagt Sabine Gröppel vom Weißen Ring Höxter und verweist auf eine Veröffentlichung der Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität um den Bundesvorsitzenden Jörg Ziercke. „Wir müssen leider mit dem Schlimmsten rechnen“, sagt er dort.

Montag, 06.04.2020, 10:00 Uhr
Die beiden Gesprächspartnerinnen vom Jugendamt Holzminden: Kerstin Neu (links) und Amtsleiterin Barbara Fahncke machen sich Sorgen um Familien, denen momentan keine Hilfe zuteil werden kann. Foto: Jugendamt Holzminden

Die Corona-Krise zwinge die Menschen, in der Familie zu bleiben, hinzu kämen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit.

Weißer Ring ist für Opfer von Gewalt erreichbar

„Diese Spannung kann sich in Gewalt entladen“, warnt Ziercke und ruft Familienmitglieder, Nachbarn und Bekannte zu besonderer Achtsamkeit auf. Die Opferhelfer des Weißen Rings seien auch während der Corona-Krise erreichbar (Weißer Ring, Außenstelle Höxter, Telefon 0151/55164762).

Jugendamt Holzminden berichtet von Zunahme häuslicher Gewalt

Dass die Fälle häuslicher Gewalt zunehmen, bestätigt auch Barbara Fahncke, Leiterin des Jugendamtes in Holzminden.

„Ja, bei den Meldungen, die wir momentan bekommen, handelt es sich um häusliche Gewalt.“ Die Berichte ähneln sich.

Es kommt zum Streit, dann wird geschubst, geschlagen, getreten – meistens so laut, dass Nachbarn die Polizei rufen, manchmal sind es aber auch ältere Kinder und manchmal auch die Opfer selbst.

Stellt die Polizei fest, dass sich in dem Haushalt Kinder befinden, schaltet sie das Jugendamt ein. Dort besteht eine Rufbereitschaft und es fährt jemand mit raus.

Polizei schöpft ihre Möglichkeiten mit Betretungsverboten aus

Die Polizei verweist den Täter der Wohnung. „Dieses Betretungsverbot kann über zwei Wochen ausgesprochen werden, und im Moment schöpft die Polizei das auch voll aus“, berichtet Fahncke.

Die Jugendamtsmitarbeiter wiederum entscheiden nun vor Ort, inwieweit die Mütter (meistens sind die Mütter Opfer häuslicher Gewalt) in der Lage sind, den Schutz ihrer Kinder zu gewährleisten, ob sie einsichtig sind, was ihre Situation angeht.

Kerstin Neu kennt solche Situationen. Die Amelunxerin betreut den Bereich der Bereitschaftspflege beim Jugendamt Holzminden und ist zur Stelle, wenn Kinder aus der Familie genommen werden müssen. Als allerletztes Mittel, wenn andere Hilfen nicht greifen.

Dafür steht ihr ein Pool von Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung. Hier kommen Kinder unter, die aufgrund einer akuten Notsituation aus ihrer Herkunftsfamilie genommen werden – auch ganz spontan, wenn es sein muss mitten in der Nacht. Diese Familien sind dafür intensiv geschult worden.

Während der zeitlich begrenzten Unterbringung (bis zu sechs Monate) soll eine genaue Abklärung über die weitere Perspektive erfolgen.

Treffen mit Herkunftsfamilien nicht möglich

„Normalerweise besteht zwischen diesen Familien und den Herkunftsfamilien der Kinder regelmäßiger Kontakt unter unserer Aufsicht“, sagt Kerstin Neu. Denn in den meisten Fällen sollen die Kinder ja in ihre Ursprungsfamilie zurück. Diese Treffen können jetzt nicht durchgeführt werden.

Stattdessen führen die Pflegefamilien Tagebuch, damit die Jugendamtsmitarbeiter über den Tagesablauf der Kinder informiert sind und den Eltern davon berichten können. Diese Regelung gilt zunächst bis zum 20. April.

Ein weiteres Problem ist die Situation von Kindern, die eigentlich in eine Dauerpflegefamilie sollen. „Normalerweise würden die jetzt in eine Anbahnung gehen, sich langsam kennen lernen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch und bedarf einer großen Sensibilität – und das stockt jetzt.“

Pflegefamilien sind belegt

Die Kinder können also nicht aus den Bereitschaftspflegefamilien raus, auf der anderen Seite müssten die jetzt neue Kinder aufnehmen, die in Not sind. „Das ist wie ein Stau und es ist brisant geworden“, sagt Kerstin Neu.

Sorgen bereitet ihr auch, dass Schulen und Kitas als „Frühwarnsystem“ quasi wegfallen.

Sozialdienst katholischer Frauen ist in Arbeit eingeschränkt

Im Kreis Höxter ist der Sozialdienst katholischer Frauen im Auftrag des Jugendamtes für den Pflegekinderdienst zuständig, und hat die gleichen Probleme wie die Holzmindener Kollegen.

„Unsere Pflegefamilien sind alle belegt, wir haben zur Zeit keine freien Kapazitäten“, sagt Gertrud Flore, Geschäftsführerin des Sozialdienstes und Leiterin des Kinderpflegedienstes.

Vorgesehene Unterbringungen müssten gegebenenfalls erst einmal aufgeschoben werden, der Umgang mit der Herkunftsfamilie finde nicht statt.

„Aber auch unsere präventive Arbeit wird eingeschränkt“, erklärt Flore und nennt ein Beispiel: „Wenn junge Leute – eventuell aus schwierigen Verhältnissen – gerade Eltern geworden sind, dann helfen wir dabei, dass sie gut in Kontakt kommen zu ihrem Kind und umgekehrt.

Dass denen diese Unterstützung jetzt nicht zuteil werden kann, ist tatsächlich nicht unproblematisch.“ Teilweise versuche man das über E-Mails und Telefongespräche, das habe aber nicht die gleiche Qualität.

Ein anderer Teil der Jugendhilfe: die Interaktion der Kinder in ihrem häuslichen Umfeld zu beobachten. Auch das geht jetzt nicht. „Die Zunahme häuslicher Gewalt ist vorprogrammiert, das ist die Gefahr.“

24 Stunden erreichbar

Diese Sorgen treibt auch Jugendamtsleiterin Barbara Fahncke um, „weil jeder Familien kennt, in die jetzt keiner mehr rein geht.“

Familien dagegen, in denen schon vor dem 16. März die sozialpädagogische Familienhilfe oder ein Erziehungsbeistand eingesetzt wurde, werden weiterhin betreut. „Man trifft sich im Freien, bleibt auf Abstand oder telefoniert“, so Fahncke.

Sie hat ihre Mitarbeiter in zwei Teams geteilt, damit sie handlungsfähig bleiben, sollte sich einer von ihnen mit Corona infizieren.

„Das machen die anderen Jugendämter wie Höxter beispielsweise genauso“, sagt Fahncke und lobt die gute Korrespondenz untereinander. „Das ist wirklich etwas Positives in dieser Zeit.“

Beratungsstellen per Telefon kontaktieren

Die Erziehungsberatungsstelle des Holzmindener Jugendamtes ist telefonisch unter 05531/707233 zu erreichen. Wenn es beim Nachbarn eskaliert: Telefonnummer 05531/707350.

Das Frauen- und Kinderschutzhaus des Kreises Höxter ist rund um die Uhr für Hilfesuchende erreichbar unter der Telefonnummer 0171/5430155.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7358357?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2516020%2F
Als Curko den Fehdehandschuh warf
Der 20. Oktober 2000 war der Tag, an dem Goran Curko bei Arminia die Brocken hinwarf. Der damals 32 Jahre alte Serbe hatte sich mit den Fans angelegt. Weil er beim Spiel gegen Mannheim vorzeitig den Platz verließ, durfte Dennis Eilhoff ins Tor. Foto: Hörttrich
Nachrichten-Ticker