Interview mit der Festrednerin der Ansgar-Vesper, Schwester Ruth Stengel
Aufbruchstimmung wächst im Kleinen

Höxter (WB). Wenn Schwester Ruth Stengel (40) am Sonntag, 9. Februar, bei der ökumenischen Ansgar-Vesper in Corvey die Festansprache hält (Beginn: 17 Uhr), wird ihr Besuch ein Wiedersehen mit vielen Weggefährten sein. Die Ordensfrau war von 2008 bis 2010 Gemeindereferentin im damaligen Pastoralverbund Höxter und hat sich dann für ein Leben in der Gemeinschaft der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) im Bergkloster Bestwig entschieden. WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Sabine Robrecht sprach mit ihr über den Glauben, die Verkündigung und die Christus-Nachfolge in einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft.

Samstag, 01.02.2020, 11:05 Uhr aktualisiert: 01.02.2020, 11:15 Uhr

Von Corvey aus haben Ordensmänner – allen voran der Heilige Ansgar – das Christentum in die Welt getragen. Kann es heute gelingen, in unserer säkularen Gesellschaft Menschen für die Nachfolge Christi zu gewinnen oder ist es, wie Sie im Leitwort Ihrer Festansprache pointiert fragen, eine „Mission impossible“?

Schwester Ruth: Für mich ist es überhaupt keine Mission impossible. Dieses Leitwort ist ja auch ein provokanter Titel. Ich glaube, Mission ist heute um 180 Grad anders als früher. Es geht nicht um Bekehrung und darum, den Menschen zu bringen, was noch keiner hat. Zumal ich zutiefst daran glaube, dass Gott überall da ist – auch in jedem atheistischen Umfeld. Für mich geht es eher darum, im alltäglichen Miteinander – und das versuchen wir Schwestern auch, indem wir hier in Jena ganz einfach im Plattenbau leben, – Zeugnis zu geben und zu zeigen, dass wir da sind. Wenn dann in der Begegnung Fragen aufbrechen, erzählen wir natürlich von unserem Glauben. Allerdings tun wir dies sehr schlicht. Nicht im Sinne einer großen Missionswelle, sondern im Miteinanderleben. An kleinen Begegnungspunkten ist plötzlich Neugierde da. Es wird tiefer nachgefragt nach unserer Lebensform. Da kann etwas wachsen. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt: Im Miteinanderunterwegssein, gemeinsamen Suchen und Fragen will unser Gott heute wiederentdeckt werden.

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Was sagen Sie Menschen, die es angesichts der Glaubwürdigkeitskrise der Katholischen Kirche kategorisch ablehnen, sich überhaupt noch mit dem Glauben zu beschäftigen?

Schwester Ruth: Für mich wird immer deutlicher, und das erlebe ich hier sehr viel, dass die Menschen trotz ihrer ablehnenden Haltung zur Kirche immer noch Fragen zum Glauben haben. Ich versuche in Gesprächen, zu differenzieren. Man darf, und das ist auch berechtigt, die Institution Kirche kritisieren. Das tue ich auch, obwohl ich darin arbeite. Kritik an der Kirche zu üben heißt auf der anderen Seite aber nicht, den Glauben abzulehnen. Ich orientiere mich da an Jesus Christus. Er hat auch die Pharisäer der damaligen Zeit kritisiert und sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, weil er eben diesen Vater-Gott hatte, den er verkündet hat. Jesus gibt mir Kraft und Mut, Kritik auszuhalten und auch selber äußern zu dürfen und trotzdem zu sagen: Ich bleibe und engagiere mich in dieser Kirche. Wir ist es wichtig, das, was schwierig ist, anzusprechen und dann aber auch zu fragen: Was liegt dir so am Herzen, dass du trotzdem bleibst? Konstruktiv an diesem Guten dranzubleiben, ist mir ein Anliegen.

Bleiben und von der Basis aus die Kirche mitgestalten und verändern – ist das der beste Weg?

Schwester Ruth: Genau. Denn was wäre denn, wenn wir alle auch noch gingen, und vor allem wir Frauen. Die Männerkirche braucht uns Frauen. Wir dürfen nicht gehen. Jesus Christus bestärkt uns. Er ist auch geblieben, er hat es sich nicht bequem gemacht.

Was versprechen Sie sich in dem Zusammenhang vom jetzt beginnenden Synodalen Weg?

Schwester Ruth: Ich verspreche mir vor allen Dingen eine neue Gesprächskultur, weil ich glaube, dass wir im Stil, auf Augenhöhe miteinander zu reden und aufeinander zu hören, ganz viel aufzuholen haben. Hier trifft es sich gut, dass der Synodale Weg mit Priestern und Verantwortlichen, aber eben auch mit Laien gestartet ist. Ich erwarte nicht einen großen Wurf und dass sich alle Strukturen ändern. Aber ich erwarte mir einen neuen Umgangston, der hoffentlich dann auch Überlegungen auf Bistumsebene und auf Pfarreiebene noch mal anders befruchtet. Dann brauchen wir viel heiligen, bewegenden Geist, der so rührt, dass die Gräben nicht tiefer werden im erhofften Ziel, sondern dass Brücken gebaut werden. Im Tiefsten erhoffe ich mir natürlich konkrete Veränderungen, auch was die Stellung der Frau in der Kirche angeht. Das ist mir als Frau ein wichtiges Anliegen, und ich erhoffe mir eine Rückenstärkung für Frauen und den Mut des Weitergehens.

Was muss sich darüber hinaus verändern, um in den pluralistischen Gesellschaften Europas einen Ruck durch das Volk Gottes zu bringen? Wie lässt sich Aufbruchsstimmung erzeugen?

Schwester Ruth: Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass Aufbruchstimmung im Kleinen wächst – und dass sie nur durch eine vertiefte Spiritualität und eine Rückbesinnung auf die Wurzeln und die Quellen geschehen kann. Wir müssen neu aufs Evangelium hören lernen. Das erlebe ich hier ganz konkret. Wir bieten in der „Orientierung“, einem Anlaufpunkt für Suchende, Meditations- und Gebetskurse an. Ich spüre da eine große Kraft, weil Leute neu ihren Glauben entdecken und dadurch stärker werden. Dazu bedarf es neuer Formen gottesdienstlicher Praxis und der Gebetskultur. Wir sind zu weit weg von der Erfahrungswelt des Glaubens. Wir müssen ausloten, wo wir Räume schaffen können, in denen Erfahrungen von Glauben möglich werden.

Der Konvent

Schwester Ruth Stengel ist 2010 in ihren Orden eingetreten. In der Anfangszeit arbeitete die studierte Theologin und Religionspädagogin als Gemeindereferentin im pastoralen Raum Meschede-Bestwig mit und übt diesen Beruf jetzt in der Diaspora in Jena aus.

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Sie arbeiten im thüringischen Jena – einer Diaspora der beiden großen christlichen Konfessionen. Kann in diesem Umfeld vielleicht noch einfacher Neues wachsen? Ist die Aufgeschlossenheit der Menschen womöglich sogar größer?

Schwester Ruth: Ich bin mittlerweile sehr davon überzeugt, dass es einfacher ist, weil weniger Vorbehalte da sind und letztlich auch die Offenheit größer ist, sich auf Dinge einzulassen. Menschen gehen hier auch offener um mit ihrer Suche und mit ihren Fragen. Im Kreise typischer Katholiken traut man sich nicht, Fragen zu stellen, weil alle denken, dass alles klar ist. Die Menschen hier sind auch nicht so übersättigt, dass sie gleich abwinken, wenn man kirchliche Themen anspricht. Ich glaube, diese Tendenz ist in volkskirchlichen Strukturen stärker. Hier in Jena treffen wir eher auf Neugierde und die Frage „Warum bist du eigentlich noch dabei?“

Sie haben die Ordensgemeinschaft der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) als „Missionarin auf Zeit“ in Brasilien kennen gelernt und die Kontakte gehalten. Ihre Zeit in Höxter von 2008 bis 2010 war Teil Ihres Berufungsweges ins Ordensleben. Gab es, was Ihre Entscheidung für den Eintritt ins Kloster angeht, einen Schlüsselmoment?

Schwester Ruth: Ich habe seit meiner Zeit in Brasilien die Kontakte gehalten, allerdings noch nicht mit der Option, in den Orden einzutreten. Die Entscheidung dazu habe ich in Höxter getroffen. Dieser Entschluss ist zwar auch gewachsen. Trotzdem hatte ich einen Schlüsselmoment. Ich stand vor meinem 30. Geburtstag und habe in Partnerschaft gelebt. Ich stand vor der Frage: Ist es die Ehe oder ist es das Ordensleben? Ich hatte mir alle Türen offen gehalten. Das konnte und wollte nicht mehr. Mit 30 war es an der Zeit eine Lebensentscheidung zu treffen. Ich entschied mich für meinen Weg. Nach zehn Jahren kann ich sagen: Es ist der richtige.

Als Sie im Sommer 2019 im Bergkloster Bestwig die Ewige Profess ablegten, zelebrierte Ihr Weggefährte aus Höxter, Pfarrer Ludger Eilebrecht, die Messe. In seiner Predigt sagte er, dass Sie Ihre Antwort auf Ihre Berufung im „Du“ zu Christus finden. Wo und wie begegnen Sie Christus?

Schwester Ruth: Ich begegne ihm vor allen Dingen im Wort Gottes, im Evangelium. Das ist für mich eine ganz große Kontaktschnur zu ihm. Ich beginne immer meinen Tag vor dem Gemeinschaftsgebet mit Bibellesen. Ich lese fortlaufend die Evangelien und lerne dabei immer mehr von diesem Jesus kennen. Ich lerne dadurch aber auch, im Alltag mehr auf ihn zu hören und ihn im Menschen zu finden. Das ist auch meiner Ordensgründerin und unserer Spiritualität sehr nah. Jesus ist nicht fernab. Er lebt. Er ist Mensch geworden, nicht nur vor 2000 Jahren, sondern auch heute noch. Ihn in meinen Mitmenschen zu entdecken, ist für mich auch eine ganz starke Spur. Ich begegne Jesus aber auch in der Stille und in der Meditation. Ich bin sicher, dass vom stillen Gebet sehr viel Kraft wächst. Mir hilft es sehr, eine hörende und achtsame Haltung einzunehmen.

Meditation bedarf doch sicher der Anleitung.

Schwester Ruth: Ja, das ist wirklich ein Übungs- und Lernweg. Der lohnt sich aber. Das merken wir auch in der „Orientierung“. Die Meditationskurse haben viel Zulauf. Die Menschen suchen in einer Welt, die laut ist, nach Stille. Diese Stille haben wir den Leuten anzubieten. Da braucht es Anleitung – ein gemeinsames Auf-dem-Weg-sein.

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