»Was lange währt, wird endlich gut«: Millionenprojekt soll Welterbe nach vorne bringen – Tagung in Paderborn und Corvey Endlich: Glastrennwand in Corveyer Kirche genehmigt

Höxter/Corvey (WB/rob). Auf diese Nachricht haben viele gewartet: Die Glastrennwand zwischen dem karolingischen Westwerk und dem barocken Kirchenschiff der ehemaligen Reichsabtei Corvey bei Höxter ist denkmalrechtlich genehmigt. Damit kann das Millionenprojekt zur multimedialen Inszenierung des Welterbes in Kürze beginnen.

Das Westwerk soll für die Besucher völlig anders erlebbar werden.
Das Westwerk soll für die Besucher völlig anders erlebbar werden. Foto: Pastoralverbund Corvey

Rechtzeitig vor der großen internationalen Tagung »Neue Technologien zur Vermittlung von Welterbe« traf die Nachricht der Unteren Denkmalbehörde bei der Katholischen Kirchengemeinde St. Stephanus und Vitus ein und löste hier sowie beim wissenschaftlichen Kompetenzteam des Erzbistums Paderborn zur multimedialen didaktischen Erschließung des Welterbe-Westwerks einhellige Freude und Aufbruchsstimmung aus. »Was lange währt, wird endlich gut«, greift Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek eine treffende Redewendung auf.

»Der Denkmalschutz hat absolute Vorfahrt. Die entsprechenden Vorleistungen sind erbracht – auch unter großem finanziellem Einsatz des Erzbistums. In jeder Weise ist auf hohem Niveau Voraussicht geboten. Das haben wir getan. Das erlösende ›Ja‹ nach diesen intensiven, denkmalgerechten Vorbereitungen ist ein großes Geschenk«, kommentiert Professor Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn und Leiter des Kompetenzteams für das Welterbe Corvey, die ersehnte Genehmigung zur Glastrennwand.

Gottesdienst von Besichtigungen trennen

Diese Einschätzung teilt auch Josef Kowalski, geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Gemeinde Corvey: »Es war ein dickes Brett komplexer Planungs- und Entscheidungsabläufe zu durchbohren, um den Anforderungen des Denkmalschutzes zu genügen. Jetzt aber ist es geschafft.« Zu verdanken sei dieser Durchbruch vor allem dem guten Miteinander der wissenschaftlichen Fachkräfte beim Erzbistum und der Unteren Denkmalbehörde in Höxter.

Die Glaswand stellt in erster Linie die Integrität des Sakralraums sicher. »Die temporäre Abtrennung ermöglicht es uns, im barocken Kirchenschiff Gottesdienste zu feiern, ohne dass es während einer Besichtigung des Westwerks zu größeren Beeinträchtigungen der Gottesdienstbesucher kommt«, erläutert Pfarrdechant Krismanek den Hauptzweck der Wand. Ihr Einbau »unterstreicht den primären Zweck unserer Pfarrkirche, Ort der Liturgie, der Verkündigung und des Gebetes für Besucher und Pilgergruppen zu sein«.

Ein willkommener Nebeneffekt ergibt sich dadurch, dass die Glaswand als Projektionsfläche für die multimediale Inszenierung der Geschichte Corveys dienen kann. »Durch den Einsatz steuerbarer intelligenter Folien lässt sich die gläserne Abtrennung auf Knopfdruck zu 95 Prozent blickdicht verwandeln und als Durchlicht-Projektionsfläche nutzen«, erläutert Professor Stiegemann.

Karolingische Basilika

Mit dieser Technik visualisieren die Wissenschaftler unter anderem die untergegangene karolingische Basilika. Diese höchst reizvolle Inszenierung lässt dann auch die Erdgeschosshalle des Welterbe-Westwerks in einem ganz anderen Licht erscheinen. Sie führt bisher durch den lichten barockzeitlichen Neubau der Kirche ein eher stiefmütterliches Dasein als dunkler Schwellenraum, der einzig dazu dient, die Wirkung des barocken Sakralraums zu steigern.

»Ganz anders nahm sich das Raumerlebnis aus, als die karolingische Basilika noch stand«, sagt Professor Stiegemann. Gegenüber der zurückgenommenen Lichtwirkung des Kirchenraums »trat das durch die seitlichen Fenster beleuchtete Erdgeschoss des Westwerks in seiner Tiefe wie in seiner Breite als Raum sehr viel deutlicher in Erscheinung«. Der Direktor des Diözesanmuseums brennt darauf, das untergegangene karolingische Corvey und die Strahlkraft jenes bedeutenden Zentrums der Christenheit mit dieser Inszenierung und der Erschließung des Johanneschors erlebbar zu machen.

Die ersten Eindrücke aus dem Erdgeschoss führen die Besucher hinauf in die Himmelsstadt, als die der Johanneschor im Obergeschoss – das liturgische Zentrum des Westwerks – mittels Augmented Reality wiedererstehen soll. Ohne Eingriff in die hochsensible Bausubstanz entfalten sich vor Ort die reichen Malereien, zu denen die berühmte Odysseus-Szene aus der griechischen Mythologie gehört, sowie nicht zuletzt die plastische Ausgestaltung mit den karolingischen Stuckfiguren.

Deren Vorzeichnungen (Sinopien) sind im Johanneschor erhalten. Das gibt es kein zweites Mal. Dieses Alleinstellungsmerkmal wird die Menschen, wenn sie in dem Kirchenraum stehen und mit dem Tablet in dessen einstige Wirkmächtigkeit eintauchen, im Herzen bewegen. Davon ist das wissenschaftliche Kompetenzteam überzeugt. Deshalb ist es dem Team ein Anliegen, die Geschichte Corveys nicht mit virtuellen Brillen, sondern in der Wechselwirkung mit dem Ort zur Entfaltung zu bringen.

Westwerk für Besucher besser erlebbar machen

Geist und Herz werden also gleichermaßen angesprochen - zumal die Besucher die reiche Ausgestaltung dieses weltweit einzigen erhaltenen karolingischen Westwerks nicht nur sehen, sondern auch ihren Entstehungsprozess nachvollziehen können. Wie haben die Künstler gearbeitet? Die Augmented Reality macht eine detektivische Spurensuche möglich. Auch können die Besucher mit Hilfe dieser Technologie im Johanneschor forschen – so wie die Wissenschaftlerin Hilde Claussen es getan hat, der der heutige Erkenntnisstand über die Ausmalung und Ausstattung maßgeblich mit zu verdanken ist.

Anhand der wenigen Wandmalereifragmente und der kaum sichtbaren Sinopien erschließt sich die ursprüngliche Ausstattung zurzeit überhaupt nicht. Nur mit der neuen Technologie kann sie ansprechend erlebbar gemacht werden.

So werden der Raum und seine Weltgeltung neu erblühen – und jeder Besucher wird zum Botschafter dieses einzigartigen, in seiner Würde und seiner Bedeutung wirkmächtigen Ortes. »Der fesselnden Kraft dieser Inszenierungen wird man sich nicht entziehen können«, ist Professor Stiegemann überzeugt. »Denn das untergegangene karolingische Corvey wird zum Greifen nah. Das ist es, was mich nachhaltig fasziniert.«

Diese »Magnetwirkung« werde, so Kirchenvorstandsmitglied Josef Kowalski, wieder zunehmend mehr Besucher zur Welterbestätte Corvey führen und damit auch mit »Kirche« in Berührung bringen. »Dieser missionarische Aspekt wiederum ist für uns als Kirche besonders wichtig, zumal wir uns in beiden großen christlichen Kirchen der gestiegenen Zahl von Kirchenaustritten, dadurch einem drohenden Prozess der ›Entkirchlichung‹ und in der Folge der ›Entchristlichung‹ unserer Gesellschaft entgegenstellen müssen.« Die Leuchtturmwirkung des karolingischen Westwerks könne dabei ein wichtiger Beitrag sein, »dass wir die Wurzeln unserer christlich-abendländischen Kultur niemals vergessen«.

Fortschreibung der Verkündigung

Pfarrdechant Krismanek unterstreicht diesen Aspekt und bricht gleichzeitig eine Lanze für die Nutzung neuer Technologien: »Uns ist es wichtig, die Bedeutung der Geschichte Corveys in ihrer geistlichen Dimension als wichtiges Element unserer Verkündigung methodisch attraktiv darzustellen. Wie die Baumeister des Barock technische Elemente aus dem italienischen Theater des 16./17. Jahrhunderts übernommen haben, um die Botschaft des Evangeliums ihren Zeitgenossen mit den damals möglichen visuellen Methoden nahe zu bringen, so ist es unseres Erachtens nicht nur ein Gebot der Stunde, in ähnlicher Weise die Techniken unserer Tage zu nutzen, sondern geradezu integraler Bestandteil der Umsetzung des Verkündigungsauftrages der Kirche, solche innovativen Wege heute in Kirchengebäuden denkmalverträglich zu gehen. Diese methodisch-didaktische Fortschreibung der Verkündigung ist ein Grundbestandteil der Glaubensausübung in kirchlichen Gebäuden. Und Corvey ist für uns ein wertvoller Leuchtturm dieser Verkündigung, die immer neu unser Auftrag als Kirche Jesus Christi ist.«

So wie Rom nicht an einem Tag erbaut ist, wird auch die »Himmelsstadt« im Westwerk nicht von heute auf morgen erblühen. Der Einbau der Glaswand zwischen Westwerk und Barockkirche dauert etwa ein gutes Jahr. Für die Wand werden Bodenplatten angehoben und anschließend wieder eingesetzt. Stadtarchäologe Andreas König wird diese Arbeiten begleiten und die Flächen unter den Platten erforschen.

Parallel arbeiten Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen an der Umsetzung der Augmented Reality im Johanneschor weiter. »Das inhaltliche Konzept liegt vor. Nun geht es an die Feinabstimmung«, informiert Annika Pröbe vom wissenschaftlichen Team. »Der große Charme dieser neuen Technologie liegt auch darin, dass sie ständig erweitert und auf den neuesten Stand gebracht werden kann. Wir können immer wieder andere Schwerpunkte setzen und unterschiedliche Aspekte der Architektur- und Kulturgeschichte des Westwerks in den Fokus rücken«, so Annika Pröbe.

Managementplan wird umgesetzt

Mit dem Einbau der Glaswand, die Bestandteil des Managementplans für das Welterbe ist und aus dem Bundesprogramm »Nationale Projekte des Städtebaus« gefördert wird, ist auch die Rückkehr der restaurierten Barockorgel der Abteikirche verbunden. Vor der Wand werden die Holzelemente des großartigen Instruments eingebaut. Wenn die Glasabtrennung steht, sind die Orgelpfeifen an der Reihe.

So bringt diese Start-Offensive zur didaktischen Erschließung des Westwerks das Juwel am Weserbogen im wahrsten und auch im übertragenen Sinne neu zum Klingen.

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