Serie »Hausgeschichte(n)« in Höxter: Ehepaar Weyl bereitet 325-jähriges Bestehen vor »Eine Apotheke zum Liebhaben«

Höxter (WB). Touristen kommen rein und machen Fotos. »So schöne Apotheken sieht man heute kaum noch«, staunen sie. Und gehen strahlend wieder raus. Eginhard Weyl, Eigentümer der traditionsreichen »Wemmel’s Apotheke« in Höxters Corbiestraße, teilt die Begeisterung und gerät selber über seine, wie er sagt, »Apotheke zum Liebhaben« ins Schwärmen.

Von Sabine Robrecht
Die »Wemmel’s Apotheke« und ihr Team: Eginhard und Marion Weyl (oben, von rechts), Tochter Alexandra Weyl und Mitarbeiterin Christina Göllner sehen dem 325-jährigen Bestehen mit Vorfreude entgegen Die historische Einrichtung gefällt Stammkunden und Touristen gleichermaßen. Hinter dem Schrank im Warenlager (unten rechts) versteckt sich der Durchbruch zum Nachbarhaus.
Die »Wemmel’s Apotheke« und ihr Team: Eginhard und Marion Weyl (oben, von rechts), Tochter Alexandra Weyl und Mitarbeiterin Christina Göllner sehen dem 325-jährigen Bestehen mit Vorfreude entgegen Die historische Einrichtung gefällt Stammkunden und Touristen gleichermaßen. Hinter dem Schrank im Warenlager (unten rechts) versteckt sich der Durchbruch zum Nachbarhaus. Foto: Sabine Robrecht

Seit etwa 40 Jahren umgibt ihn das historische Mobiliar der Offizin Tag für Tag. Trotz dieser Routine hängt sein Herz an diesem besonderen Arbeitsplatz, dessen Inventar er und seine Ehefrau Marion 1981 mit einer grundlegenden Renovierung und Restaurierung glanzvoll und würdig zur Geltung gebracht haben. Ein kundiger Innenarchitekt aus Paderborn stand dem Unternehmerehepaar zur Seite. Kalte Neonröhren ersetzte er mit Strahlern und einem schmucken Kristalllüster. Und auch die Handverkaufstische wurden an die jahrhundertealten Apothekenschränke aus Kirschbaumholz angepasst. Bis hin zur Holzdecke bietet sich heute ein stimmiger Raumeindruck, der einladend wirkt und zugleich zu einer Hommage an die ehrwürdige Einrichtung dieser ältesten Apotheke Höxters gerät.

Bezüge zum Weinbau

Herzstück dieses besonderen Interieurs ist die Regalwand, deren Säulen auf Unterschränken ruhen und ein Gesims tragen. Die vergoldeten Kapitelle ziehen die Blicke auf sich. Eginhard Weyl (73) geht davon aus, dass das Mobiliar der Offizin aus der Entstehungszeit der Apotheke stammt. Diese liegt 2020 genau 325 Jahre zurück. »Wir werden das Jubiläum im Sommer mit einem Programm für Groß und Klein feiern«, kündigt Marion Weyl (72) an. Mit der Geschichte ihrer Apotheke sind die

Markantes Gebäude

Die »Wemmel’s Apotheke« ist in einem stadtbildprägenden Baudenkmal zuhause. Das Gebäude aus dem Historismus mit seiner gelben Backstein-Fassade ist 1877 errichtet worden. Das Haus hat heute drei Eigentümer. Eginhard und Marion Weyl haben kurz nachdem sie nach Höxter gekommen waren die Apotheke gekauft. Dem Steuerberater Hans-Joachim Reinnarth, der seine Steuerberatungskanzlei im Haus hat, gehört die große Wohnung. Das Büro ist im Eigentum seiner Schwester.

Eigentümer vertraut. Fürstabt Christoph von Bellinghausen erteilte 1695 das Privileg zur Einrichtung einer »Hochfürstlich Corveyschen Hofapoteque«. Die entsprechende Urkunde befindet sich im Staatsarchiv in Münster. »Der erste Apotheker war der Winzer von Corvey«, berichtet Eginhard Weyl. Und er verweist darauf, dass sich im Wappen der »Hochfürstlich Corveyschen Hofapoteque« Bezüge zum Weinbau finden. Es vereint Rebstöcke, Weinlaub und die Kellen des Winzers unter den Insignien des Fürstabts.

Besitzer gewechselt

Das Wappen krönt nicht nur die Inneneinrichtung der Apotheke. Auch an der Fassade des angrenzenden Geschäftshauses in der Nicolaistraße erinnert es an Höxters älteste Apotheke. In diesem Nachbarhaus war die Apotheke ursprünglich beheimatet. Ihr jetziges Domizil, das schmucke Backsteinhaus, ist erst 1877 errichtet worden, »vermutlich als Erweiterungsbau«, schätzt Eginhard Weyl. »Als wir das Warenlager neu gestaltet haben, fanden wir Durchbrüche zum Nachbarhaus.« Schränke verdecken diese Verbindungen jetzt.

Im Laufe der 324 Jahre ihres Bestehens wechselte die Hofapotheke mehrmals den Besitzer. Anfang des 20. Jahrhunderts übernahm ein Apotheker namens Wemmel den Betrieb und verewigte sich im Namen. Das Ehepaar Weyl kam 1978 aus Schwerte nach Höxter. Beim Apotheker Schneider, damals Inhaber der »Wemmel’s Apotheke«, war eine Stelle ausgeschrieben. Eginhard Weyl trat sie an mit der Option, den Betrieb zu erwerben. 1981 übernahmen er und seine Frau die frühere Hofapotheke mit ihrem besonderen Flair, das sie genau so schnell lieben lernten wie ihren neuen Lebensmittelpunkt Höxter.

Verbundenheit

Der Pharmazeut und die Apothekenhelferin hatten eigentlich von ihrem damaligen Wohnort Schwerte aus ins Rheinland gehen wollen. Dann kam das Angebot aus Höxter. »Ich kannte die Stadt, weil mein Vater von 1953 bis 1959 Mathelehrer am König-Wilhelm-Gymnasium war«, erzählt Eginhard Weyl. Der junge Apotheker kehrte also in den Wohnort einiger seiner Kinderjahre zurück – und knüpfte auch an die Verbundenheit zum KWG an. Während der Schulzeit von Tochter Alexandra (46) übernahm er den Vorsitz der Schulpflegschaft und lenkte später 20 Jahre als Vorsitzender die Geschicke des Ehemaligen- und Fördervereins »Omnibus«.

In der Apotheke schrieben er und seine Ehefrau Stadtgeschichte fort. Trotz des Erhalts der historischen Einrichtung ist die frühere Hofapotheke modern aufgestellt. Die Zeit ist also nicht stehen geblieben. Das tut auch die Eingangstür nicht. 500 bis 600 Kunden geben sich am Tag die Klinke in die Hand. Neben der Tür erinnert ein Holzrahmen an die Zeit, in der Kunden die Apotheke nicht betreten haben, sondern nur am Fenster ihre Medikamente in Empfang nahmen. Das ist vorbei. Heute kommen die Kunden herein und halten gerne mit dem Team einen Plausch. »Wir haben überwiegend Stammkunden.« Diese haben auch nichts dagegen, dass das Warenlager im Nebenraum ist und der Apotheker oder die PTA (Pharmazeutisch-technische Assistentin) zum Holen der Arznei mal kurz um die Ecke und damit aus dem Sichtfeld verschwinden. Die Annehmlichkeiten überwiegen in der ehemaligen Hofapotheke. Das fängt schon beim einzigartigen Ambiente an.

Nachfolger gesucht

Diese Apotheke ist ein mit Leben erfülltes Denkmal. Damit das so bleibt, hoffen Eginhard und Marion Weyl, dass sie für ihre Apotheke eines Tages einen Nachfolger finden. Tochter Alexandra, die im Betrieb mitarbeitet, hat andere Pläne. Sie ist nicht nur PTA, sondern auch Tierheilpraktikerin. Dieses Standbein will sie weiter ausbauen. Daher suchen die Eltern für die Hofapotheke, die ihnen so ans Herz gewachsen ist, einen Nachfolger.

In den 40 Jahren ihres Schaffens haben sie viele Veränderungen erlebt. »Alte Apotheken leiden unter der Bürokratie.« Auflagen und Vorschriften bereiteten den Weyls Kopfzerbrechen. Beispiel: ein schalldichter Beratungsraum. »Für ihn sollten wir durch die Offizin eine Wand ziehen. Dann bekamen wir eine Sondergenehmigung dafür, den Raum hinten im Haus einzurichten. Kurioserweise brauchen wir heute gar keinen Beratungsraum mehr.«

Beratung wird in der »Wemmel’s Apotheke« großgeschrieben. Blutdruckmessen, Blutuntersuchungen (Diabetes, Leberwert, Harnsäure, Cholesterin) gehören ebenso zum Dienstleistungsangebot wie das Anfertigen von Salben und Tinkturen.

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