Roland Orgorzelski seit 20 Jahren Motor beim Höxter-Tisch
»Kein Geld mehr für Frischwaren«

Höxter (WB). Für den Höxter-Tisch wird es immer schwieriger, genügend Spenden zu bekommen. Vorsitzender Roland Orgorzelski sorgt sich seit Monaten stärker als sonst um die Zukunft der wohltätigen Einrichtung in der Nikolaistraße 14 in Höxter. »Wir fahren finanziell jeden Tag auf Sicht«, schildert der unermüdlich sieben Tage die Woche für Bedürftige arbeitende Diakon.

Dienstag, 05.11.2019, 06:04 Uhr aktualisiert: 05.11.2019, 06:10 Uhr
Das Höxter-Tisch-Team bei der Arbeit: (von links) Helferin Annegret Körner, Leiter Roland Orgorzelski und Helfer Andre Zauritz im Haus Nikolaistraße 14, wo die Einrichtung seit 2016 untergebracht ist und ein Ladenlokal mit Lager betreibt.

Strukturelle Veränderungen mit Auswirkungen für sich als Betreiber und im Verhalten der Kunden hat Orgorzelski festgestellt. Knackpunkt sei, dass die Supermärkte zwar großzügig weiter Frischwaren spenden würden, er jedoch besonders für die Geflüchteten oder für die zunehmende Zahl an Kindern spezielle Wünsche des täglichen Lebens zukaufen müsse.

»Doch dafür fehlen immer häufiger die Mittel«, gibt der Chef des Höxter-Tisches zu. In den Adventswochen seien die Höxteraner sehr großzügig, was Zuwendungen angehe, »im Laufe des Jahres ist dann aber oft Ebbe in der Kasse«. Seit Juli habe er keine Zukäufe an Frischware oder spezielle Lebensmittel für die Geflüchteten mehr erwerben können. Zudem habe er durch Miete, Strom und Heizung 1000 Euro Fixkosten im Monat, die durch Ladeneinnahmen und Spenden erwirtschaftet werden müssten.

»Ich habe mich, was Spendenaufrufe angeht, immer sehr zurückgehalten; aber dieses Jahr habe ich doch Sorgen. Uns fehlen verlässliche monatliche Einnahmen«, sagt Orgorzelski. Man kalkuliere mit jedem kleinen Beitrag der Besucher, um über die Runden zu kommen. So manche Nacht habe er Angst um die Existenz des Höxter-Tisches, den er seit 20 Jahren leitet. »Wir können jeden Euro gebrauchen, um den Menschen in gewohnter Breite weiter helfen zu können«, sagt der katholische Diakon, der auch viele kirchlichen Dienste versieht, in seiner Bilanz.

Supermärkte spenden

Die letzten Autoreparaturen hat Roland Orgorzelski aus eigener Tasche bezahlt: »Dann sind mal eben 2000 Euro weg«, erzählt er. Mit dem Auto fährt er täglich 100 Kilometer, um Ware einzusammeln. Stolz ist der 78-jährige Cheforganisator auf sein zehnköpfiges Helfer-Team, das auch immer zur Stelle gewesen sei, als er vor zwei Jahren sehr krank war.

Der Tisch-Leiter sagt über die Zeitung allen Spendern Danke. Jede Zuwendung komme den 1000 fest zu betreuenden Menschen und weiteren Hunderten Flüchtlingen zugute. Und ohne die Hilfe der Supermärkte wie Rewe, Kaufland oder Aldi, die Frischwaren, Gemüse oder Backwaren – wie die Großbäckerei Engel – spendeten, sei es nicht möglich, so viele Bedürftige jeden Tag zu unterstützen.

Roland Orgorzelski berichtet, dass unter den vielen hundert Kunden immer mehr Kinder und große Familien seien. Auch Rentnerinnen, die Hilfe in Anspruch nehmen würden, gebe es viele. So gerne man den Kindern etwas gebe, für die finanzielle Kalkulation seien, wie früher, erwachsene Kunden wichtig, die zwei für Kinder ab 16 Jahre oder vier Euro für ein Paar für Ware zahlen würden.

Sorgenfalten habe er, wenn er an die Zukunft des Standortes Nikolaistraße 14 mit Laden und Lager denke. Seit 2016 ist der Tisch dort – nach dem Umzug aus der Papenstraße – ansässig. »Ich hoffe, wir können hier länger bleiben«, sagt er. Er war auch schon bei Höxters Bürgermeister, um die Stadt für die Probleme des Höxter-Tisches zu sensibilisieren.

Öffnungszeiten: Montag, Donnerstag, Freitag: 16 bis 18 Uhr, Dienstag 10 Uhr bis 13 Uhr, Mittwoch geschlossen. Kontakt und Spenden: Höxter-Tisch, Roland Orgorzelski, Telefon 0172/5210237.

Kommentar

Von Michael Robrecht

Seit Gründung der ersten Tafeln und Tische Mitte der 90er Jahre haben die sozialen Einrichtungen vor allem zwei gesellschaftliche Probleme in die Öffentlichkeit transportiert: die Ursachen und die Bekämpfung von Armut hier im eigentlich wohlhabenden Deutschland sowie die grassierende Lebensmittelverschwendung. Beide Probleme sind nicht gelöst. Es gibt viele politische und gesellschaftliche Lösungsmöglichkeiten, die ehrenamtliche Organisationen alleine aber nicht schaffen können. Wenn sich seit Jahren um die 2000 bedürftige Menschen in Höxter in der Kartei befinden, dann steht das Problem Bedürftigkeit weiter oben auf der Tagesordnung.

Die Tische sind eine der größten bürgerschaftlichen Bewegungen für ehrenamtliches Engagement. Bedeutung gewonnen hat seit 2015 verstärkt auch die Inte-gration von Flüchtlingen. Mit vielfältigen Angeboten sorgen die Tafeln und Tische mit offenen Armen dafür, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Hilfen bekommen. Das geht aber nicht immer konfliktfrei ab. Der Höxter-Tisch und die anderen Angebote im Kreis sind oft einer der ersten Anlaufpunkte für Geflüchtete. Für diese Hilfe waren die Tische immer wieder erheblichen Anfeindungen durch anderen Gäste ausgesetzt. Ärger gab es auch durch zu hohes Anspruchsdenken von Flüchtlingen.

Die Tische sind ein Segen und helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen. Und wenn bei den vielen Weihnachtsspendenaktionen wieder ordentlich Euros an Roland Orgorzelski und sein engagiertes Team abfallen, dann ist das sehr gut angelegtes Geld. Michael Robrecht

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7042957?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2516020%2F
„Big Brother Award“ für Tesla
Cockpit eines Tesla S: Der US-Konzern erhält den Big Brother-Award, weil der Autobauer reichlich Daten über seine Fahrer sammelt. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker