Hertha Sternberg (86) ist als Tochter des ersten Bademeisters im Freibad aufgewachsen
Kindheit im Schatten des Sprungturms

Höxter (WB). Ein Blick auf historische Leserfotos im WESTFALEN-BLATT hat bei einer Höxteranerin alte Erinnerungen wach gerufen: »Als ich das Bild von Maria Litto entdeckt habe, musste ich sofort an meinen Papa denken. Er hat mir damals das Schwimmen beigebracht«. Er – das ist Karl Weiß, der Vater der 86-jährigen Hertha Sternberg. Von 1936 bis 1939 war er der erste Bademeister des gerade eröffneten Höxteraner Freibades.

Donnerstag, 05.09.2019, 03:22 Uhr aktualisiert: 05.09.2019, 12:42 Uhr
Historisches Bild: Auf dem Balkon des Freibades in Höxter hat sich die Familie zum Schwimmen umgezogen. Hertha Sternberg (Vierte von links) genießt mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern das sonnige Wetter. Im Hintergrund ist der Sprungturm zu sehen.

Wie es damals üblich war, lebte der Bademeister direkt im Freibad – mitsamt seiner Frau und seinen fünf Kindern. »Als wir eingezogen sind, waren erst drei von uns Geschwistern da. Zwei sind in den nächsten Jahren im Schwimmbad geboren«, erzählt die zweitälteste der fünf Geschwister. Darauf, dass er der berühmten Schauspielerin und Sängerin Maria Litto, die 1919 in Ovenhausen geboren wurde, das Schwimmen beigebracht hat, sei ihr Vater zeitlebens sehr stolz gewesen. Doch auch viele Soldaten tummelten sich schon damals auf der Wiese und dem benachbarten Sportplatz. »Für die gab es sogar einen eigenen Bademeister«, erinnert sich Sternberg und berichtet auch von Stammgästen, die über die Jahre Freunde der Familie wurden.

»Er war ein großer, stattlicher und gesunder Mann«

Die Aufgaben eines Bademeisters hätten sich über die Jahre nicht viel verändert: Aufpassen, dass niemandem beim Schwimmen etwas zustößt, zu wild herumtobende Kinder im Zaum halten und für Ordnung sorgen – auch neben dem Beckenrand. »Um die Wege ringsherum hat meine Mutter sich immer gekümmert«, berichtet Sternberg. Nach drei Jahren im Dienst sei ihr Vater 1939 schließlich in den Krieg eingezogen worden. »Er war ein großer, stattlicher und gesunder Mann«, erklärt die Höxteranerin, so dass Mutter und Kinder mit dieser Entscheidung gerechnet hätten. Die restliche Familie musste jedoch erst 1945 die kleine Wohnung im Freibad räumen – kurz bevor Karl Weiß zurückkehrte. Seine Stelle im Freibad bekam er nicht mehr zurück, wurde jedoch medizinischer Bademeister in der Weserberglandklinik.

Der erste Bademeister im Höxteraner Freibad

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  • Der erste Bademeister im Höxteraner Freibad
Foto: Archiv Sternberg / Gerta Wiedemeier
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  • Foto: Archiv Sternberg / Gerta Wiedemeier

Mit Schlittschuhen auf das Eis

Die Kindheit im Freibad sei eine wirklich schöne Zeit gewesen, an die Hertha Sternberg gern zurückdenkt. »Als ich in die Schule kam, wollten mich all meine neuen Freunde am liebsten jeden Tag besuchen«, erinnert sie sich schmunzelnd. Klar – schließlich kostete der Besuch bei der Schulfreundin keinen Eintritt und das Bad konnte man dennoch nutzen. Umgezogen wurde sich auf dem geschützten Balkon der kleinen Wohnung, in der noch viele weitere Jahrzehnte traditionell der aktuell beschäftigte Bademeister sein Zuhause hatte. Im Winter wurde das Wasser zu den Anfangszeiten des Schwimmbades nicht abgelassen – und das wussten die Kinder zu nutzen: »Die städtischen Arbeiter haben dann immer das Eis am Rand weggehackt. Wir sind mit einem großen Satz über die Lücke gesprungen und auf der Eisfläche Schlittschuh gelaufen«, sagt Hertha Sternberg. Die so genannten »Absatzreißer«, die sie sich dazu unter die Schuhe schnallten, hätten in regelmäßigen Abständen die guten Winterschuhe zerstört.

Wunderbares Panorama

Aus ihrer Sicht sei es die richtige Entscheidung gewesen, das Freibad nicht abzureißen. »Es hat ein wunderbares Panorama – das gibt es selten«, betont sie. Begrüßt hat sie auch die Entscheidung, »ihr« Freibad unter Denkmalschutz zu stellen. »Ich bin mit Schwimmflossen groß geworden«, pflegt die Seniorin zu sagen. Daher freut sie sich, dass das Freibad nun nach einigen Jahren Pause wieder geöffnet hat und hofft, nächstes Jahr auch wieder selbst Gast zu sein. Mit ihrem Mann sei sie vor der Schließung fast jeden Tag dort gewesen – durch ihre Kindheit habe sie das Schwimmen noch ein Leben lang begleitet. Jetzt kurz nach der Wiedereröffnung sei es ihr jedoch zu voll und wuselig: »Ich will schließlich auch schwimmen und nicht nur rumplanschen.« »Bedeutend für die Geschichte des Menschen, insbesondere in Höxter«, heißt es in der Begründung des Landesdenkmalamtes zum Denkmalschutz der Freibadfläche. Und offenbar trägt es in seiner mehr als 80-jährigen Vergangenheit tatsächlich so einige Geschichten in sich: Die von Hertha Sternberg und ihrem Vater ist eine ganz besondere davon.

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