Iris Radisch hält vor 200 Zuhörern die 17. Fallersleben-Rede in Corvey Heimat im Diskurs

Höxter (WB). Festlich, stilvoll, impulsgebend: Der Dienstantritt Hoffmann von Fallerslebens als Bibliothekar in Corvey führt Jahr für Jahr am 1. Mai einen großen Kreis illustrer Gäste zum anregenden Diskurs zusammen. Bei der 17. Auflage der Feierstunde im Kaisersaal schlug Festrednerin Iris Radisch den Bogen von Hoffmanns Heimatliebe zur aktuellen Heimatdiskussion, die in der Kontroverse über die Gründung des Seehofer-Ministeriums erneut Fahrt aufgenommen hat.

Von Sabine Robrecht
Höxters Bürgermeister Alexander Fischer verleiht der Festrednerin Iris Radisch die Hoffmann-von-Fallersleben-Plakette
Höxters Bürgermeister Alexander Fischer verleiht der Festrednerin Iris Radisch die Hoffmann-von-Fallersleben-Plakette Foto: Sabine Robrecht

Dr. Michael Stoltz, Leiter des Arbeitskreises Hoffmann von Fallersleben beim Heimat- und Verkehrsverein, hat die aus dem »Literarischen Quartett« im ZDF bekannte »Zeit«-Feuilletonchefin, Literaturkritikerin und Autorin als Festrednerin 2018 gewinnen können. Die Frage, ob das Veranstaltungsformat im Gedenken an Hoffmanns Amtsantritt als Bibliothekar in Corvey noch zeitgemäß sei, beantwortete er mit einem klaren Ja. Es sei sehr weitsichtig von Michael Bludau gewesen, dieser Rede – dem Nachdenken über Deutschland – ans Licht der Welt zu verhelfen. »Periodisch wird nicht nur Hoffmann immer wieder in Frage gestellt, sondern mittlerweile auch die Grundfesten unseres Gemeinwesens.«

Die prominente Festrednerin, deren im Herbst 2016 erschienenes Buch »Die letzten Dinge: Lebensendgespräche« viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, war mit ihrem Ehemann, dem Buchautor und FAZ-Feuilleton-Redakteur Eberhard Rathgeb, und zwei der drei Töchter nach Corvey gekommen. Ein großes »Wortorchester«, das sie dem Autoren Uwe Tellkamp bei der Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes attestierte, brachte auch sie in ihrer Festrede vor 200 Zuhörern zur Entfaltung. Radisch verlieh trotz anklingenden Kulturpessimismus’ angesichts der Tatsache, dass heimatliche Geborgenheit überall in der Spätmoderne eine knappe Ressource sei, der Hoffnung Ausdruck, dass Heimat und kosmopolitisches Multitasking eine Symbiose eingehen. Das sei auch geboten: »Die europäische Identität kann in Zukunft nicht darin bestehen, keine zu haben.« Immer wieder nahm sie Bezug zu Hoffmann von Fallersleben.

Fallerleben-Plakette übergeben

Bei der anschließenden Verleihung der Hoffmann-von-Fallerleben-Plakette an die Festrednerin dankte Bürgermeister Alexander Fischer für ihre anregenden Gedanken zu Hoffmann und zum Heimatbegriff. »Die Plakette wurde auf Anregung des Arbeitskreises Hoffmann von Fallersleben unter der Leitung des unvergessenen Michael Bludau von der Verbund Volksbank OWL-Stiftung ausgelobt und vom Höxteraner Künstler Franz Auth geschaffen«, erinnerte Fischer. Die Bemühungen des jeweiligen Festredners um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis Hoffmanns soll in der mit einem Geldpreis von 3000 Euro verbundenen Plakette gewürdigt werden.

Das Publikum, unter ihnen der CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Goeken, der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok und weitere Gäste aus Politik, Verwaltung, Kirche und öffentlichem Leben, würdigte die Festrede mit lang anhaltendem Beifall.

Junges Duo begeistern Zuhörer

Begeistert waren die Besucher auch von den Musikern des Festtages, Lara-Sophie Kluwe (Klavier) und Max Cosimo Liebe (Klarinette). Das junge Duo beeindruckte mit Werken von Francois Devienne, Ludwig van Beethoven und Henri Rabaud. »Ihr wart großartig«, lobte Corveys Hausherr, Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, die Nachwuchskünstler. »Ihr seid die Stars von morgen«, sagte er ihnen in Anspielung auf das Motto der bevorstehenden Corveyer Sommerkonzerte eine große Zukunft voraus. Bei den vier Konzerten von Mai bis August geben junge Instrumentalisten und Sänger im Kaisersaal eine Visitenkarte ihres Könnens ab.

Ausblick auf Kunstfest

Druckfrisch präsentierte der Herzog auch die Flyer für das Kunstfest »Via Nova« vom 31. August bis 2. September in Corvey. Das Fest will in den nächsten Jahren Corveys kulturelles Erbe sichtbar machen und die Mauern des Welterbe-Westwerks und der Civitas zum Sprechen bringen. Die drei Festtage am Ende des Sommers sind die Ouvertüre und widmen sich der Schönheit alter Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Die künstlerische Leiterin Dr. Brigitte Labs-Ehlert kam beim Empfang nach der Fallersleben-Rede mit den Gästen ins Gespräch.

Die Fallersleben-Rede ist eine gemeinsame Veranstaltung von Stadt, Kreis, HVV und herzoglichem Haus.

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