Kind tot: Amtsgericht Höxter verhandelt Schicksal des kleinen Malik Gutachter belastet Ärzte schwer

Von Dennis Pape

Höxter (WB). »Vor 1480 Tagen  ist mein Sohn gestorben. Seitdem sterbe ich jeden Tag«, sagt Bahriye Soyak aus Lauenförde (Landkreis Holzminden) unter Tränen im Amtsgericht Höxter.  Seit Montag müssen sich dort ein ehemaliger Chefarzt des Höxteraner Ansgar-Krankenhauses und seine frühere Oberärztin wegen fahrlässiger Tötung des kleinen Malik (2) im September 2013 verantworten.  

Die beiden angeklagten Ärzte mit einem der Verteidiger auf dem Weg zum Gericht.
Die beiden angeklagten Ärzte mit einem der Verteidiger auf dem Weg zum Gericht. Foto: Harald Iding

Vier Jahre haben Yildiray und Bahriye Soyak, die bereits 2008 ein Kind nach Krankheit verloren haben, dafür gekämpft, dass das Schicksal ihres verstorbenen Sohnes Malik juristisch aufgearbeitet wird. Kein Gerichtsurteil der Welt kann ihren Sohn zurück holen – doch sie wollen Gerechtigkeit.
Auf der Anklagebank saßen ein ehemaliger Chefarzt sowie eine weitere Ärztin des Höxteraner Krankenhauses – beide wirkten ebenfalls mitgenommen und brachten ihre Anteilnahme zum Ausdruck.

Der kleine Malik war am 15. Oktober 2013 mit Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen ins Ansgar-Krankenhaus gebracht worden. Dort gingen die Ärzte zunächst von einem Magen-Darm-Infekt aus. Erst als am nächsten Morgen gegen 8 Uhr ein Krampfanfall auftrat, wurde ein MRT veranlasst. Um 8.55 Uhr wurden die Eltern informiert, dass ein Tumor im Hirn festgestellt worden sei und Malik in einer Spezialklinik operiert werden müsse.

Die Eltern Yildiray und Bahriye Soyak im Gerichtssaal. Foto: Harald Iding

Lebensgefahr angesichts gestiegenen Hirndruckes

Obwohl akute Lebensgefahr angesichts gestiegenen Hirndruckes bestand, wurde der Junge jedoch erst am Nachmittag ins 60 Kilometer entfernte Kassel gefahren, wo er um 16.50 Uhr operiert wurde – zu spät.

Die beiden Ärzte wurden vom Gutachter Prof. Dr. Gerhard Kurlemann von der Neuropädiatrie des Universitätsklinikums Münster schwer belastet. Nach seinen Aussagen sei Malik unzureichend untersucht worden.

Der angeklagte Chefarzt erklärte im Zeugenstand, er habe eine stationäre neurologische Untersuchung nach seiner ambulanten allgemeinen Untersuchung angeordnet. Das jedoch wies der damalige Stationsarzt gestern im Zeugenstand zurück. Er hatte sechs Wochen vor Maliks Einlieferung sein Studium abgeschlossen. Kurlemann ging deshalb noch weiter: »Jeder hat sich auf den anderen verlassen – hier ist das Sterben eines Kindes in einer Akte dokumentiert worden.« Der Gutachter untermauerte, dass die Verlegung nach Kassel sofort hätte angeordnet werden müssen – das hätte das Leben des Kindes in jedem Fall gerettet.

Niemand  sah sich wirklich  für den Tod verantwortlich 

Noch ungeklärt blieb am Montag auch die Frage, warum sich der Transport in die Spezialklinik nach der Diagnose »Druck im Hirn« um acht Stunden hinausgezögert hatte. Die angeklagte Ärztin hatte damals direkt das Krankenhaus in Kassel um einen Intensivtransportwagen gebeten und nicht – wie üblich – die Leitstelle des Kreises Höxter in Brakel informiert.

Der Wagen aus Hessen kam mit reichlich Verspätung, da er noch anderweitig im Einsatz war – das wiederum wusste in Höxter angeblich niemand. Ein Wagen aus Brakel sollte zwischenzeitlich ebenfalls eingesetzt werden, doch vor Ort fiel dem Notarzt auf, nicht über die entsprechende Ausstattung zu verfügen.

Haben die Ärzte aus Höxter die Dringlichkeit des Transports nicht korrekt nach Kassel kommuniziert, oder wurde der Gesundheitszustand des Jungen in der Spezialklinik unterschätzt? Antworten konnten auch weitere Zeugen gestern nicht geben. Deutlich wurde aber: Niemand sah sich wirklich für den Tod des kleinen Jungen verantwortlich – die Frage nach dem Fehler oder den entscheidenden Fehlern soll am zweiten Verhandlungstag am 22. November geklärt werden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.