Respektlosigkeiten gegen Rettungssanitäter nehmen zu: Guido Lindemann berichtet aus seinem Arbeitsalltag Helfer brauchen oft selber Hilfe

Kreis Höxter (WB). Attackiert, beschimpf und bespuckt. Rettungssanitäter, Polizeibeamte und Feuerwehrleute klagen über zunehmende Respektlosigkeiten. Die Übergriffe auf Einsatzkräfte nehmen bundesweit zu.

Von Michael Robrecht
Guido Lindemann (48) aus Merlsheim ist Leitstellendisponent in Bad Oeynhausen. Der Brandmeister (Feuerwehr Nieheim) und Rettungssanitäter arbeitet seit Jahren im Rettungs- und im Feuerwehrdienst bundesweit. Lindemann ist im Schichtdienst tätig.
Guido Lindemann (48) aus Merlsheim ist Leitstellendisponent in Bad Oeynhausen. Der Brandmeister (Feuerwehr Nieheim) und Rettungssanitäter arbeitet seit Jahren im Rettungs- und im Feuerwehrdienst bundesweit. Lindemann ist im Schichtdienst tätig. Foto: Michael Robrecht

Im Kreis Höxter seien die Probleme noch nicht ganz so gravierend wie in den großen Städten, »aber wir als Verantwortliche reagieren schon länger auf das immer sichtbarer werdende Phänomen«.

Jürgen Ditter, beim Kreis zuständiger Abteilungsleiter für die Rettungsdienste, ist froh, dass er aus seinen zehn Städten noch nicht jeden Tag Beschwerdeanrufe entgegen nehmen muss. Noch seien es Ausnahmefälle. Aber auch im Kreis komme es immer wieder zu Beschimpfungen und Beleidigungen.

Erst vor einigen Tagen sei in Brakel wieder ein Deeskalations-Training mit den Rettungskräften gelaufen.

Fingfferspitzengefühl notwendig

»Viele haben bereits Probleme wie Angriffe und Pöbeleien im Arbeitsalltag selbst erlebt, und wir schulen die Mitarbeiter intensiv, damit richtig umzugehen«, berichtet Ditter.

Besonderes Fingerspitzengefühl sei in den Flüchtlingsunterkünften notwendig: Hier würden die Helfer mit besonders unterschiedlichen Situationen konfrontiert, mit denen sie schnell professionell umgehen müssten. Helfer bekommen selber Tipps.

Seminar »Lebensretter in Bedrängnis«

Weiterbildungen, Seminare, Gespräche unter Kollegen und mit Vorgesetzten: Mit »Lebensretter in Bedrängnis« sei ein Seminar zuletzt in Steinfurt treffend überschrieben gewesen. Abwehrtechniken für Retter, Reaktionen bei Verbalangriffen und der Umgang mit Ausländern aus aller Welt – das werde den Mitarbeitern der Rettungsdienste im Kreis vermittelt, sagt Ditter.

Guido Lindemann aus Nieheim-Merlsheim ist Rettungssanitäter und Berufsfeuerwehrmann in Bad Oeynhausen. Der 48-Jährige arbeitet seit Jahren in der Rettungsbranche und beobachtet mit großer Sorge den Trend, dass es den Helfern bei den Einsätzen immer heftiger an den Kragen geht. »Das muss nicht sein«, meint der Merlsheimer.

Mulmiges Gefühl

Guido Lindemann muss täglich ausrücken – immer mit dabei sei ein mulmiges Gefühl, schildert er. Er wisse nie, was ihn vor Ort erwarte. Schnell komme er in Situationen, in denen er nicht damit gerechnet habe, dass eine Gefahr damit verbunden sei.

Immer wieder würden er oder seine Kollegen im privaten wie im öffentlichen Raum verbal oder körperlich angegriffen. »Das kann relativ harmlos sein, wie eine Beleidigung mit Fäkalvokabular. Oder es gibt harte Tritte, Schläge und Vulgäres von Betrunkenen sowie auch eine direkte Bedrohung wie erst kürzlich durch zwei bissige Hunde.«

Werteveränderung und Ärger

Man müsse Werteveränderung und Ärger im Job offensichtlich wohl erdulden. Vorfälle würden später oft bagatellisiert. Der Staat lasse Rettern auch nicht viele Möglichkeiten, sich zu wehren: Dienstaufsichtbeschwerden und Anzeigen hätten zumeist kaum Sinn. Da werde wenig verfolgt, Fälle landeten beim Schiedsmann oder würden als aussichtslos eingestellt.

Zu den harmlosen Formen von respektlosem Verhalten zählt Guido Lindemann das unhöfliche Duzen. »Viele Jugendliche haben überhaupt keinen Respekt mehr vor Autoritäten«, weiß Lindemann zu berichten.

Polizei und Ordnungsämter kennen das Verhalten auch. Der Merlsheimer und seine Kollegen machen ihren Job, um zu helfen. Manchmal brauchten sie aber selbst Hilfe. Und: Soziale Brennpunkte seien bei weitem nicht die einzigen Tatorte: »Viele Übergriffe ereignen sich in bürgerlichen Wohngegenden.«

Toleranzschwelle sinkt

Guido Lindemann wird mit seinen Oeynhausener Kollegen in Seminaren auf die sich verändernde Gesellschaft vorbereitet. Es sei schon erschütternd, zu sehen, wie viele Leute sich daneben benehmen würden und wie die Toleranzschwelle immer stärker absinke.

Lindemann möchte jetzt gerne eine Initiative oder Gesprächsrunde gründen, in der sich »Kollegen« aus dem Rettungs- und Feuerwehrwesen, aus Polizei und Bürgerschaft mit ihm online oder am Telefon über die Thematik und Problematik austauschen. Ein direkter Kontakt per E-Mail ist ab sofort unter der Adresse rdlm@gmx.de möglich. Er will der Gesellschaft eine Frage stellen: »Was tun wir heute unseren Rettern an?« Lindemann kann sich vorstellen, dass er an Politiker und Behörden ein Meinungsbild mit seinen Erkenntnissen weiterreicht.

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