Nazi-Kunst oder Zeitgeschichte? Klinikleitung will Arno-Breker-Figuren nicht abbauen Hitlers Lieblingsbildhauer sorgt für Ärger

Höxter (WB). Wie soll man heute mit der künstlerischen Hinterlassenschaft von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker umgehen? Kaum vier Wochen im Amt wird der neue Geschäftsführer der Weserberglandklinik, Andreas Fischer, mit der Forderung konfrontiert, die Bronzefiguren des weltbekannten Künstlers an Höxters Weserbergland­Klinik endlich zu demontieren.

Von Michael Robrecht
Eine für Bildhauer Arno Breker typische Pose: »Ewiges  Leben« (Junge Familie) heißt diese 1971 vor dem Haupteingang der Weserberglandklinik Höxter aufgestellte Bronze-Figurengruppe. 2,20 Meter hoch sind Eltern mit Kind;  darunter sprudelt ein Brunnen.
Eine für Bildhauer Arno Breker typische Pose: »Ewiges Leben« (Junge Familie) heißt diese 1971 vor dem Haupteingang der Weserberglandklinik Höxter aufgestellte Bronze-Figurengruppe. 2,20 Meter hoch sind Eltern mit Kind; darunter sprudelt ein Brunnen. Foto: Michael Robrecht

»Alle Jahre wieder« erhält die Chefetage der Asklepios-Weser­bergland­Klinik (WBK) Briefe oder E-Mails mit dem Hinweis, es sei endlich an der Zeit, die  Skulpturen »Die Schreitendende« (aufgestellt 1963) vor dem früheren Schwesternwohnheim und heutigen Klinik-Gästehaus und »Ewiges Leben« (Junge Familie,  errichtet 1971) an der Zufahrt zum Haupteingang abzubauen. Die Einführung des neuen WBK-Geschäftsführers Andreas Fischer nahmen jetzt Bürger, wie schon in den Vorjahren Politiker oder  Historiker, zum Anlass, sich mit Arno Brekers Wirken in Höxter zu beschäftigen.

»In Zeiten, in denen Flüchtlingsunterkünfte von Rechtsradikalen und Neonazis angezündet werden, darf kein Platz mehr sein für die Verherrlichung der NS-Vergangenheit. Und die Plastik ›Ewiges Leben‹ des ›Michelangelo des Dritten Reiches‹ gehört doch wohl dazu. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, diese Skulptur zu entfernen«, schreibt Jörn Fries, Geschichtslehrer der Realschule Nieheim,  an  die heimischen  Medien.

Haltung der Klinik

Gibt es eine neue Haltung dazu  in der WBK?  Geschäftsführer Fischer (41) sieht keinen Anlass, die Forderung umzusetzen. Fest stehe doch, dass es sich nicht um klassische Nazi-Kunstwerke handele. Er sei zwar erst neu im Amt und habe sich kurzfristig mit dem im Hause wenig archivierten Themenkomplex befassen müssen, aber schnell sei klar geworden, dass es sich um zwei Figuren handele, die Breker erst 1963 und 1971, also viele Jahre nach der NS-Zeit, aufgestellt  habe. »Die Plastiken  gehören zur Geschichte der WBK dazu.«
Vielmehr habe Breker mit der Darstellung der Familie das für die Klinik so wichtige Thema »Leben« und »Gesundheit erhalten« in seinem Werk angesprochen. Er sehe keinen Grund, die Figurenfamilie  am Brunnen und die freistehende »Schreitende« abzuräumen.  An der Südwand des Bewegungsbades der Klinik hatte  Breker 1971 zudem noch eine mythologische Szene »Ausritt zur Jagd«, ein 14 mal vier Meter langes Stahlband-Relief,  angebracht, das Helden in typischer Breker­-Pose und muskulöse Pferde zeigt.

Am Berliner Olympia-Stadion und am Maschsee in Hannover stehen ähnliche Breker-Helden.  In Schwerin gab es 2006 sogar eine Breker-Werkschau. Hitlers Lieblingsbildhauer wurde nach 1945 lange geschmäht.  Über die Freundschaft zu Höxters WBK-Gründer Wolf Fahrenberg (1908-1971) kamen die Kunstwerke auf den Räuschenberg. Heroik, Bizepskunst, Körperkult, Naturverherrlichung waren aus Sicht der WBK-Leitung der 60er Jahre keine reine Nazi-Kreationen, es gab sie weltweit und auch im Ostblock.

Professorin entdeckt Herkunft der Figuren

Prof.   Magdalena Bushart hat  herausgefunden, dass  die Figuren in Höxter zum Teil doch schon zwischen 1941-43 modelliert worden  sein müssen  und so aus alten Entwürfen neue Standbilder  wurden.

Die Höxteraner Autorin Anna Balint widmet in ihrem Buch »Höxter in Bronze und Stein« den Breker-Figuren – von deren Schöpfer viele Höxteraner sowie WBK-Patienten gar nicht wissen, von wem sie stammen – einen ausführlichen Beitrag. Als Ende 1963 das Schwesternwohnheim eingeweiht wurde, so schildert sie, sei Breker persönlich zur Montage erschienen und habe auch Wolf Fahrenberg besucht. Der spendenfinanzierte Brunnen mit der jungen Familie ist dann 1971 mit dem Bezug des Erweiterungsbaus eingeweiht worden. Autorin Balint hat herausgefunden, dass Direktor Fahrenberg Breker  freie Hand bei der Figurengestaltung gelassen hat. Es war noch ein Außenrelief geplant, was aber nicht angefertigt wurde. Gestohlen worden ist  in der WBK bereits das Breker-Bronzerelief »Speisung der Armen«.

Infotafel aufstellen

Der Vorsitzende der Jakob-Pins-Gesellschaft Höxter (Museum über jüdische Höxteraner), Fritz Ostkämper, kann sich  vorstellen, dass man neben die  Breker-Figuren Tafeln mit kurzen Texten stellt, um ihre Geschichte sichtbar einzuordnen. »Die Besucher der WBK sollten  wissen, in welchem Zusammenhang die Skulpturen stehen und wie sie einst nach Höxter gekommen sind.« Auch ein »QR«-Code, der zu Internetseiten führt, sei an den Plastiken  zur Einordnung denkbar. Ostkämper meint, dass es sich in Höxter  um in der vorhandenen Form erst nach dem Krieg fertiggestellte Figuren handele.  Klar belastet sei jedoch der Bildhauer  Breker durch seine  Nähe zum NS-Regime.  In Berlin finde man heute noch  viele Breker-Figuren   und auch viele große NS-Bauten. »Sie alle sind auch ein Teil der deutschen Geschichte«.

Arno Breker recycelt alte Figuren

Prof.  Magdalena Bushart hat für die Uni Heidelberg Arno Brekers Werk untersucht.  Bei den zwei Figuren der Gruppe »Ewiges Leben« in Höxter handelt es sich nicht um komplette Originalplastiken aus dem Dritten Reich, sondern um teilweise überarbeitete Nachgüsse. Darüber hat  sie in einem kaum bekannten Internetbeitrag geschrieben. In  dem  Männerakt (Vater) erkennt die Wissenschaftlerin  Brekers  »Herold« wieder. Die Plastik wird auf 1943 datiert. Armhaltung und Standmotiv folgen dem Vorbild der »Partei« aus dem Ehrenhof der Reichskanzlei.

Die Fackel  fehlt beim »Herold«; von ihr  ist nur  die   Haltung der rechten Hand übrig geblieben. Bei der weiblichen Gestalt (Mutter) handelt es  sich um eine Neuschöpfung aus alten Teilen. Breker hat hier den Körper der »Flora«  (1943) mit dem Kopf der »Demut« kombiniert. Durch den Austausch der Köpfe sollte  die Entstehungszeit verunklärt werden.  »Die Schreitende« gehörte  zu jenen Figuren, die den Runden Saal der Berliner Reichskanzlei schmücken sollten. Auch sie hat einen neuen Kopf. Der Bushart-Text ist unter https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/kb/article/viewFile/10225/4076 zu finden.

Arno Breker war  Liebling des NS-Regimes

Der Bildhauer Arno Breker (1900-1991) galt als  der am meisten von Hitler gehätschelte Künstler. Architekt Albert Speer sollte Deutschland monumental umbauen, Breker sollte es mit kolossalen Standbildern von Muskelmännern  dekorieren. Im Dritten Reich plante Breker einmal, die Oldenburg beim Kloster Marienmünster als Atelier umzubauen, die Kosten waren ihm aber zu hoch. Damals wollte er in der Nähe Hitlers sein, der gerne auf dem Nachbar-Gut  Grevenburg  die Adelsfamilie von Oeynhausen besuchte. Das Honorar, das dem Bildhauer Arno Breker durch eine Baubehörde der Nazis überwiesen wurde, summierte sich allein in der Kriegszeit auf 27,4 Millionen Reichsmark, hat der »Spiegel«  ausgerechnet. Mythos Breker gehörte zur Nazi-Prominenz, war immer dicht dran.  Nach dem Krieg mied ihn die Kunstszene. In den 60er-Jahren ging es ihm besser, er bekam Aufträge, gestaltete Büsten von Politikern und Sportlern, lebte in Düsseldorf. In Deutschland war Brekers Kunstproduktion aus den NS-Jahren nie ganz aus dem öffentlichen Raum verschwunden – viele Werke stehen in Berlin.

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