Schulen holen Ehemalige aus dem Ruhestand, um Unterrichtsausfall zu minimieren Pensionierte Lehrer auf dem Vormarsch

Steinheim/Höxter(WB). 3560 Lehrer fehlen in ganz NRW. Das hat NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann mitgeteilt. Wenn dann noch zusätzlich Kräfte an den Schulen ausfallen, sind kreative Lösungen gefragt. Im Kreis Höxter wird auch auf pensionierte Lehrer zurück gegriffen. Aktuell sind es neun: je einer in  Höxter,  Brakel und Bad Driburg sowie sechs in Steinheim.

Von Ingo Schmitz
Diese Männer unterrichten mit Herzblut und Elan – trotz Ruhestand:   (von links) Hubert Babel (67), Rudolf Groppe (66), Ulrich Schriever (67) und Heinz-Werner Sandbote (70). Sie sind vier von sechs pensionierten Lehrern am Gymnasium Steinheim
Diese Männer unterrichten mit Herzblut und Elan – trotz Ruhestand: (von links) Hubert Babel (67), Rudolf Groppe (66), Ulrich Schriever (67) und Heinz-Werner Sandbote (70). Sie sind vier von sechs pensionierten Lehrern am Gymnasium Steinheim Foto: Ingo Schmitz

Einmal Lehrer, immer Lehrer. Das gilt für Ulrich Schriever. Der 67-Jährige unterrichtete von 1975 bis 2011 am Gymnasium Steinheim Erdkunde und Französisch. An seine Verabschiedung denkt er gern zurück: »Das war ein sehr bewegender Moment.« Jetzt steht er wieder im Klassenraum und gibt Französisch. »Es ist schön, dass man das noch einmal machen kann«, sagt der Pensionär, der sich an »seiner Schule« sichtlich wohl fühlt –  obwohl er eigentlich seinen Ruhestand in vollen Zügen genießen könnte.

Insgesamt sechs pensionierte Lehrer hat Schulleiter Hermann Brak zum Start ins neue Schuljahr verpflichtet, um Unterrichtsausfall zu minimieren. Ursache sei der an sich erfreuliche »Babyboom«, sagt er. Der hat  Folgen für die Schule: »Wir haben in den nächsten Monaten sechs Lehrer, die die Elternzeit nutzen.« Die Folge: Diese frisch gebackenen Väter fallen für zweimal vier Wochen aus. »Gesellschaftlich gesehen ist diese Regelung sehr zu begrüßen. Für uns aber ergeben sich daraus erhebliche Probleme«, sagt Brak.  Ersatz zu finden, der den Unterricht nahtlos fortführen könne, sei nahezu unmöglich, sagt der Schulleiter. Daher habe er die Pensionäre gefragt – und die seien nun mit Herzblut dabei.

Rudolf Groppe ist 66 Jahre alt und unterrichtet Physik und Mathematik. Ein Jahr älter sind Ulrich Schriever (Französisch) und Hubert Babel (Kunst). Erdkunde hat Willi Einhaus als Fach. In Chemie hilft der 70-jährige Heinz-Werner Sandbote aus. Der Älteste im Bunde ist Dr. Norbert Pachur mit 73 Jahren, der Mathematik und Physik auf dem Lehrplan stehen hat. Sie alle sind sich einig: »Die Schüler sind nett, die Atmosphäre ist gut. Wir kommen gerne und unterrichten hier.« Egal ob bei Lehrern oder Schülern: Die Ruheständler sind sehr willkommen. »Manche Kinder aus der fünften Klasse kommen zu mir und erzählen, dass ich schon ihre Mutter oder ihren Vater unterrichtet habe«, sagt Hubert Babel mit einem Schmunzeln.  Gewitzter sind  die Schüler der siebten Klasse. »Die wollen uns schon mal im Umgang mit den neuen Medien testen«, berichtet Schriever.

Die Vermittlung der Unterrichtsinhalte stelle  kein Problem dar, sagt er. Sie seien  detailliert  mit dem regulären Lehrer abgestimmt. Das gelte auch für  Klassenarbeiten. Die Unterrichtsstunden bereite er intensiv zu Hause vor, zum Beispiel aktuell zu den  Deutsch-Französischen Beziehungen. Dazu gehöre auch ein intensives Vokabeltraining – als Lehrer müsse man schließlich Vorbild sein. »Es ist nicht so, dass hier vier Wochen lang rumgezaubert wird«, stellt er klar, dass die Aushilfslehrer ihre Aufgabe sehr ernst nehmen.

Probleme gebe es da schon mal eher im Umgang mit der Technik. »Ich habe gern ein Stück Kreide in der Hand«, stellt Schriever fest. Das moderne  Whiteboard als Tafelersatz meidet er. »Das muss ich mir nicht mehr antun«, sagt er.
Heinz-Werner Sandbote gehört übrigens zu den fleißigsten Pensionären: Seit seiner Pensionierung 2010 hat er jedes Jahr ausgeholfen. Acht Stunden pro Woche unterrichten die  Pensionäre jeweils maximal.  »Den Rest versuchen wir durch Mehrstunden bei anderen Lehrern aufzufangen«, sagt Brak. »Eigentlich müsste das Land für solche Fälle Möglichkeiten schaffen. Darauf können wir uns aber nicht verlassen. Dank der Pensionäre kann auch in der Oberstufe ein qualifizierter Unterricht stattfinden«, betont der Schulleiter.
Bis zu den Herbstferien bleiben  die Pensionäre vorerst an den Schulen erhalten. Und mal sehen: Vielleicht gibt es ja bald ein Wiedersehen.

Situation am KWG

Das König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter hat ebenfalls einen Pensionär eingesetzt, um den  Ausfall einer erkrankten Lehrerin ausgleichen zu können. Nach den Herbstferien laufe der Vertrag der Vertretung aus. Insgesamt seien  aktuell etwa drei  Stellen nicht besetzt, sagte Schulleiter Georg Wieners auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage.

Es seien in dieser Situation einige Kunstgriffe nötig gewesen. So übernimmt zum Beispiel Klaus Leweke, Leiter  der Sekundarschule in Höxter, einen Erdkunde-Kursus in der Klasse zehn des König-Wilhelm-Gymnasiums. Ein Lehrer vom Berufskolleg helfe am KWG im Bereich Biologie aus. Eine Gymnasiallehrerin wiederum hilft an anderer Stelle in Französisch aus. »Das sind schon ungewöhnliche Lösungen, um den Ausfall in Grenzen zu halten«, sagt Georg Wieners. In NRW seien  70 Prozent der Gymnasien unterbesetzt. »Wir sind  der Normalfall«, stellt er klar.

Die pensionierten Lehrer werden übrigens von der Bezirksregierung eingesetzt und schließen auch dort einen Vertrag ab. Pressesprecher Andreas Moseke: »Es gibt keine Altersgrenze. Die Beschäftigung richtet sich nach den persönlichen Entscheidungen einer pensionierten Lehrkraft vor dem Hintergrund der ausgeschriebenen Vertretungsstelle.« 

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