„Die Melodie der traurigen Geige“: Nanny Göhausen aus Brakel-Istrup erzählt Geschichte ihrer Mutter
Liebe scheitert an der Strenge des Vaters

Brakel-Istrup (WB). Kurzgeschichten, Anekdoten, ein Vorlesebuch für Kinder, Wortspielereien, Gedichte: Buchautorin Nanny Göhausen aus Istrup ist in verschiedenen Genres zuhause. Ihr jüngstes Werk, ein Roman, rundet das schriftstellerische Portfolio der 72-Jährigen auf besondere Weise ab. Denn die Geschichte, die sie erzählt, hat Filmpotenzial. Und sie ist nicht erfunden. Das wahre Leben hat sie geschrieben – das junge Leben ihrer eigenen Mutter.

Freitag, 06.11.2020, 04:21 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 11:44 Uhr
Nanny Göhausen mit ihren gesammelten Werken: Im Roman „Die Melodie der traurigen Geige” erzählt die 72-Jährige die Geschichte ihrer Mutter. Die Autorin ist in verschiedenen Genres von der Kurzgeschichte bis hin zum Gedicht zuhause. Foto: Sabine Robrecht

An einem Tag im Jahr 1970 geht Nanny (Marianne) Göhausen ihrer Mutter Johanna zur Hand. Die hat den Arm in Gips und kann deshalb nicht alle Hausarbeiten erledigen. Der Vater liegt im Krankenhaus. Also bezieht Nanny bei den Eltern die Betten. Und sieht auf dem Nachtschrank der Mutter ein offenes Schmuckkästchen. Ein Amethyst-Kreuz fällt ihr ins Auge.

„Das hast du nie getragen“, bemerkt Nanny. „Hat Papa es dir geschenkt?“ Die Mutter verneint. Und erzählt der damals 22 Jahre alten Tochter die Geschichte jenes Schmuckstücks, die sie 25 Jahre lang in ihrem Herzen bewahrt hatte. Es ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe.

Roman umfasst 400 Seiten

„Die Melodie der traurigen Geige“: Der Titel des 400-Seiten-Romans verrät bereits, dass bei diesem Beziehungsdrama Musik im Spiel ist. Wenn Nanny Göhausen die Geschichte erzählt oder Passagen aus ihrem Buch vorträgt, kann sie die Tränen nicht immer zurückhalten.

Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Protagonistin ihre Mutter ist. Aber auch die neutralen Zuhörer lässt dieser Plot nicht kalt. Nanny Göhausen schreibt so fesselnd, dass die Leser mitfühlen, wenn Johanna mit ihrem Alfred Pläne schmiedet – und wenn sie daran zerbricht, dass ihr strenger und unnachgiebiger Vater die Liebe ihres Lebens nicht duldet.

Musikwunsch

Die beiden begegnen sich im Jahr 1938 im romantischen Ambiente des Gräflichen Parks in Bad Driburg. Johanna Breker aus Istrup, 17 Jahre jung, ist Zimmermädchen im Kurhaus und Alfred Göller aus Halle an der Saale Kapellmeister des Kurorchesters. Wenn Johanna frei hat, setzt sie sich bei Kurkonzerten schon mal bescheiden in die letzte Reihe und lauscht der Musik.

Bis der Orchesterchef eines Tages nicht nur andere Zuhörer, sondern auch sie nach einem Musikwunsch fragt. Johanna ist ganz perplex und wünscht sich Zarah Leanders „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ aus dem Melodram „La Habanera“. Kurz darauf sitzen sie, Alfred, ihre Freundin Elli und ein weiterer Musiker des Orchesters in Detmold im Kino. Dort läuft genau dieser Film.

Rauswurf schockt Johanna

Es ist der Beginn einer großen Liebe, die romantisch anfängt und einen tragischen Verlauf nimmt. Denn Johanna, genannt „Jo“, möchte den charismatischen Violinisten heiraten und stellt ihn der Familie in Istrup vor. Ihr Vater fällt aus allen Wolken – nicht nur, weil Alfred zwölf Jahre älter ist. Viel schwerer wiegt seine Konfession. „Evangelische Kinder dürfen an meinem Tisch nicht Platz nehmen“, sagt der Vater. Und verweigert dem Paar kategorisch seinen Segen.

Johanna Breker und ihre große Liebe, der Kapellmeister Alfred Göller.

Johanna Breker und ihre große Liebe, der Kapellmeister Alfred Göller.

Johanna ist am Boden zerstört. Sie spricht am Wochenende darauf noch einmal alleine beim Vater vor. Der bleibt kühl und quittiert ihre Ankündigung, auch ohne seine Einwilligung zu heiraten, mit Rausschmiss. „Pack deine Sachen und lass dich nie wieder hier sehen.“ Johanna läuft zum Bahnhof und wartet auf den Zug. „Was mir da durch den Kopf gegangen ist, reicht für zwei Leben“, lässt Tochter Nanny sie im Roman sagen. Die Leser sind genau so vom Donner gerührt wie Johannas Mutter und die acht Geschwister, die dem Rauswurf im Buch (und auch tatsächlich) regungslos und unter Schock zusehen.

Tränenreicher Abschied

Die Ereignisse nehmen nach diesem Paukenschlag dramatische Wendungen. „Das Unrecht meines Vaters zersetzt meine Seele.“ Trotzdem kann sich Johanna den Bruch mit der Familie nicht vorstellen. Sie muss sich entscheiden. Alfred lässt ihr erst Zeit. Als er erfährt, dass der Kurbetrieb im Oktober 1944 eingestellt werden soll, macht der Musiker Druck und packt schließlich die Koffer.

„Meine Zeit hier ist vorbei. Ich gehe – mit dir oder ohne dich.“ Das Paar trifft sich noch mal zum Spaziergang. Alfred sagt, dass das Wort ihres Vaters immer zwischen ihnen stehe, und schenkt Johanna, seiner Rose, ein selbst geschriebenes Gedicht. Am nächsten Tag will er ohne Abschied wegfahren. Johanna hört davon und eilt zum Bahnhof. Sie läuft dem Zug hinterher, steht vor dem Nichts – und ist schwanger.

Doppelhochzeit

Die junge Frau verliert ihr Kind. Alfred, der nach Halle zurückgekehrt ist, ahnt nichts. Er wird spät noch zum Kriegsdienst eingezogen und schwer verwundet. Mit seiner großen Liebe in Bad Driburg wechselt er noch zwei oder drei Briefe. Danach bricht der Kontakt ab. Johanna und ihre Schwester Alwine arbeiten im Kurhaus, das Lazarett ist, und lernen dort ihre zukünftigen Partner kennen.

Im Mai 1947 feiern sie Doppelhochzeit. Ehemann Hermann Como, Nanny Göhausens Vater, erfährt nichts von Alfred. Briefe und Fotos bleiben unter Verschluss. Im Gespräch mit der Tochter lüftet Johanna 1970 ihr lang gehütetes Geheimnis. „Wenn ich gestorben bin, kannst du die Geschichte aufschreiben“, sagt sie.

Große Gefühle

Das hat die leidenschaftliche Autorin nun getan – mit sehr viel Herz und großen Gefühlen. Es ist eine Hommage an eine aufrichtige Liebe. Und an ihre Mutter, die im Alter an Demenz erkrankt und 2018 mit 97 verstirbt. Nanny Göhausen zeigt ihr kurz vor ihrem Tod ein Foto von Alfred. An seinen Namen erinnert sie sich nicht. Sie drückt das Foto aber fest an ihr Herz und sagt: „Nanny, das war ein ganz lieber Mensch.“ Diese Worte klingen nach – nicht so traurig wie der Buchtitel, sondern versöhnlich, milde. Und voller Liebe.

Der Roman „Die Melodie der traurigen Geige“ ist in der Buchhandlung Schröder in Brakel, Hanekamp oder bei Nanny Göhausen erhältlich.

Weihnachtsfreuden und bunte Kinderwelt

Die Autorin hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. 2006 sind die „Weihnachtsfreuden“ – das Erstlingswerk von Nanny Göhausen – erschienen. Dann inspirierten die Babys, die in der Familie geboren wurden, sie zu dem Buch „Wir werden Eltern“ mit ansprechenden Fotos und praktischen Tipps. Kinder ab fünf Jahren haben ihre Freude an den Vorlesegeschichten, die Nanny Göhausen mit Illustrationen ihrer Cousine Marion Müller im Buch „Bunte Kinderwelt“ veröffentlicht hat. Menschlichkeit und Herzenswärme spiegeln sich in den Geschichten. Das gilt auch für das Buch, welches sie 2017 nach einer überstandenen Krebserkrankung geschrieben hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“: Das Jesus-Wort aus dem Johannes-Evangelium steht als Leitmotiv über vielseitigen Betrachtungen, Gedanken, Fürbitten, Gebeten und Impulsen. „Es ist ein kirchliches Buch“, sagt die Mutter und Großmutter. Ihren Humor lernen die Leser des nächsten – ganz anderen – Buchs „Veilchen“ kennen. In Geschichten zum Schmunzeln entfaltet Nanny Göhausen Kindheitserinnerungen.

Die Istruperin gestaltet ihre Bücher selbst. Nach dem Roman, der sie viel Energie gekostet hat, weil ihre Mutter die Hauptrolle spielt, lässt sie sich nun ein wenig Zeit bis zum nächsten Projekt. In Arbeit ist es aber schon. Die Leser dürfen gespannt sein.

 

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