Ellen Waldeyer berichtet von Heimreise von Australien während der Corona-Krise
Rückkehr in letzter Minute

Brakel-Auenhausen/Cairns (WB). In Zeiten von Corona gerät das alltägliche Leben aus den Fugen, Normalität gibt es eigentlich kaum noch. Alles wird verschoben – so auch die Rückreise von WESTFALEN-BLATT-Mitarbeiterin Ellen Waldeyer und ihrer Freundin Yvonne Potthast. Für uns berichtet Ellen Waldeyer über ihre „Rückkehr in letzter Minute“ aus Australien.

Mittwoch, 08.04.2020, 06:06 Uhr aktualisiert: 08.04.2020, 06:10 Uhr
Nach 30 Stunden Reise haben Yvonne Potthast und Ellen Waldeyer deutschen Boden unter den Füßen. Sie sind als eine der Letzten unkompliziert und günstig nach Frankfurt gereist.

Rückflug gestrichen

Nach etwa sechs Monaten „Work and Travel“ in Australien wollten wir nach 3500 bereisten Kilometern am 2. April die geplante Heimreise ab Melbourne antreten. Als wir am Freitag, 13. März, in Townsville (Queensland) aufwachten, mussten wir aber feststellen, dass unser Rückflug gestrichen wurde.

Damit begann eine Woche voller Organisation, Anrufen nach Hause und Nervosität, wie wir den roten Kontinent schnellstmöglich verlassen konnten. Immerhin wusste niemand, was in der kommenden Zeit noch geschehen würde und die schlechten Nachrichten überschlugen sich an dem Wochenende des 14. und 15. März.

Reise endet abrupt

Durch großartige Unterstützung eines Reisebüros in Beverungen konnte schnell ein spontaner Rückflug für einen relativ normalen Preis gebucht werden. Die ursprünglichen Rückreisepläne wurden somit verworfen. Den Flug von Cairns (Queensland) nach Melbourne, den wir im Januar gebucht hatten, mussten wir streichen. Eigentlich wollten wir nach ein paar Tagen Aufenthalt in Melbourne am 2. April über Shanghai nach Hause fliegen.

Nun konnten wir am 21. März um 11.30 Uhr australischer Zeit den Heimweg von Cairns antreten. Das war ein recht abruptes Ende, da wir uns noch auf zwei weitere Wochen voller Sommer, Sonne und Meer gefreut hatten und nun auch den Halt in Mission Beach absagen mussten. Dort wollten wir eigentlich einen Fallschirmsprung machen, der aber zum Glück noch nicht gebucht war. Auch der Strand soll dort außergewöhnlich schön sein.

Auch Australier hamstern

Für die Reise kauften wir uns Einweghandschuhe und Desinfektionstücher. An unserem letzten Abend in Cairns wurde uns außerdem in einem Restaurant Desinfektionsmittel geschenkt, das in keinem Laden mehr zum Verkauf stand.

In Australien spürte man in Bezug auf das gesellschaftliche Leben zunächst noch nichts von der Krise, die in Deutschland schon vorangeschritten war und von vielen sehr ernst genommen wurde. In Australien waren Clubs, Restaurants und Bekleidungsgeschäfte bis zu unserer Heimreise am 21. März noch geöffnet.

Nach unserer Ankunft in Cairns am 17. März konnten wir sehen, dass auch die Australier hamstern. Wir wussten kaum, was wir kochen sollten, da sehr viele Lebensmittel wie Nudeln und Reis nicht mehr erhältlich waren. Außerdem reagierte die Regierung schnell mit Limitierungen von ein bis zwei Einheiten eines Produkts pro Person, wodurch das Kochen eines leckeren Abendessens weiter erschwert wurde.

Alltag am Flughafen

An den Kontrollschaltern am Flughafen in Cairns verlief alles ohne Probleme. Hier schien das Virus tatsächlich noch nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen zu sein. Es standen zwar Infotafeln zum Thema „Social Distancing“ am Check-In, doch niemand hielt sich daran. Das Personal trug auch keine Handschuhe – anders als Yvonne und ich.

Nach der Sicherheitskontrolle sah man aber doch einige Reisende mit Mundschutz, besonders Familien. Auch Desinfektionsmittel stand allen Passagieren an den Gates zur Verfügung. Im ersten Flieger von Cairns nach Sydney spürte man kaum einen Unterschied zu bisherigen Flügen. Auch am Flughafen von Sydney, wo wir anderthalb Stunden Aufenthalt hatten, sah man nur Wenige, die sich offensichtlich schützten.

Das änderte sich auf dem 14-stündigen Flug von Sydney nach Abu Dhabi, wo das gesamte Personal der arabischen Airline Mundschutz und Handschuhe trug und mit viel Desinfektionsmittel arbeitete. Auch die Fluggäste trugen vermehrt Mundschutz. Bevor die Stewardessen und Stewards die Mahlzeiten austeilten, konnte man bei nahezu jedem Passagier Desinfektionsmittel auf dem kleinen Tisch entdecken. Die Menschen schienen sich der besonderen Situation bewusst zu sein.

Natürlich konnte niemand den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhalten, wenn sich zehn Personen eine Sitzreihe im Flieger teilen, doch jeder gab sein Bestes, mit dieser neuen Lage umzugehen. Yvonne und ich wechselten alle paar Stunden die Handschuhe, suchten die Toilette auf, um Hände zu waschen oder desinfizierten sie. Außerdem versuchten wir, uns so wenig wie möglich in das Gesicht zu fassen, was bei einer so langen Reise mit trockener Luft im Flieger, die die Haut häufig zum Jucken bringt, gar nicht so leicht war.

Gedränge in Abu Dhabi

Als wir in Abu Dhabi nach den Sicherheitskontrollen mit relativ vielen Schutzmaßnahmen an unserem Gate für den anstehenden Flug nach Frankfurt ankamen, konnte man kaum glauben, wie sich die vielen Menschen dort auf engstem Raum aneinander quetschten. Etwa 500 Personen standen und saßen dort dicht aneinander gedrängt entgegen aller Empfehlungen der Politiker und Ärzte. Es gab nicht einmal genügend Sitzplätze für die Menschenmassen, geschweige denn jeweils einen freien Platz dazwischen, um den Sicherheitsabstand einhalten zu können.

Unser Flieger war ausgebucht und nur mit deutschen Staatsbürgern besetzt, da niemand anderes mehr in Deutschland einreisen durfte. Auffällig war, dass in dem Flieger zahlreiche junge Leute saßen, die aus aller Welt nun zurückkehrten. Nach weiteren sechseinhalb Stunden kamen wir am Frankfurter Flughafen an und waren froh, als wir problemlos durch die Passkontrollen kamen.

So stark sich die Menschen auf dem Flug von Sydney nach Abu Dhabi auch schützten, so wenig taten es die Deutschen in Frankfurt. Wieder standen die Leute dicht gedrängt am Gepäckband, um ihren Koffer bloß nicht zu verpassen. Nach etwa 30 Stunden Reise war die Erleichterung bei uns groß, in Deutschland angekommen zu sein und es flossen Tränen, als wir unsere Eltern nach so langer Zeit endlich wiedersehen konnten.

13.000 Euro für einen Flug

Unser gebuchter Heimflug war vorerst einer der letzten, der uns so schnell und vergleichsweise günstig nach Deutschland brachte, wie sich im Nachhinein herausstellte. Viele unserer neuen Freunde saßen zunächst in Aus­tralien fest. Mittlerweile ist ein Großteil von ihnen von der Regierung zurückgeholt worden.

Zeitweise verlangten Airlines bis zu 13.000 australische Dollar (etwa 7000 Euro) für einen Flug nach Deutschland. Auch das öffentliche Leben in Australien gelangt seit Ende März zum Stillstand. Arbeit gibt es durch geschlossene Restaurants kaum noch für Backpacker, so dass viele um ihr letztes Erspartes bangen müssen.

Hätten wir bis zum 2. April gewartet, säßen wir vermutlich in Australien für ungewisse Zeit fest. Das war wohl eine Rückkehr in letzter Minute.

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