Europaabgeordneter Sven Giegold spricht über die Zeit nach dem Brexit „Auf Wiedersehen“ statt „Lebe wohl“

Brakel (WB). Direkt nach der Ratifizierung des Austrittsvertrages mit Großbritannien im Europäischen Parlament ist der nordrhein-westfälische Grünen-Abgeordneter Sven Giegold auf Einladung der Brakel-Bad Driburger Initiative „Pulse of Europe“ von Brüssel nach Brakel gereist – standesgemäß mit der Bahn.

Von Wolfgang Tilly
Vortrag in Brakel (von links): Rainer Pauli (Pulse of Europe), Sven Giegold und Bürgermeister Hermann Temme.
Vortrag in Brakel (von links): Rainer Pauli (Pulse of Europe), Sven Giegold und Bürgermeister Hermann Temme. Foto: Wolfgang Tilly

In der Aula der Gesamtschule referierte der Europapolitiker vor vollen Reihen über die emotionsgeladene Verabschiedung der 73 britischen Abgeordneten und wagte einen Blick in die Zukunft – nach dem Brexit.

Blick in die Zukunft

Giegold, der seit elf Jahre für die Partei Bündnis 90/Die Grünen im europäischen Parlament sitzt, sprach von einem schwarzen Freitag für die europäische Integration. Bezüglich der Freude vieler Bürger, dass nun endlich die Hängepartie vorbei ist, hob er warnend den Finger. „Die vom britischen Premier Boris Johnson angestrebten Verhandlungen mit der EU werden nicht bis zum Jahresende funktionieren“, sagte er mit Überzeugung und sprach von „to muddle through“ (sich durchwursteln).

„Mit dem Brexit ist es nicht erledigt, das Elend wird weitergehen“, meinte er darüber hinaus. Er sehe in naher Zukunft nur Not- und Übergangslösungen. Dabei warnte er aber auch davor, jetzt nicht mit überzogener Härte bei den Verhandlungen zu agieren. „Die Tür nach Europa muss weiter offenbleiben“, denn: „Junge Leute werden älter, und politische Mehrheitsverhältnisse können sich dann Richtung Europa auch schnell wieder ändern.“

Trotz seiner angemahnten fairen Behandlung und dem angestrebten Kompromiss zwischen den Wünschen der britischen Regierung und der EU, zeigte sich der überzeugte Europäer unerbittlich bei der Einhaltung der europäischen Werte und Grundsätze. „Eine Steueroase an der Themse darf es nicht geben“, und „Beim Zugang zum europäischen Binnenmarkt darf es keine Extrawürste geben“ waren dabei seine Forderungen – genauso wie: „Ohne Personenfreizügigkeit kann es keinen vollen Marktzugang für Kapital und Dienstleistungen geben.“

Keine Extrawürste

Ob es doch noch zu einem harten Brexit kommen kann, wurde er gefragt. Seine Antwort – „Das kann ich nicht sagen“ – sei aber mit der Hoffnung verbunden, dass es für beide Seiten zu positiven Handelsverträgen komme. „Die europäische und besonders die deutsche Wirtschaft haben starke Interessen, die Wirtschaft Großbritanniens aber noch viel mehr.“ In der parlamentarischen Arbeit werde er die Briten vermissen, denn „sie haben Witz auf hohem Niveau, und das fehlt jetzt.“ Wie der schottische Abgeordnete Alyn Smith gesagt hat („Bitte lasst ein Licht an!”), betont auch Giegold: „Die Tür für eine Rückkehr wird immer offen sein.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7230142?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2851041%2F