Ermutigende Bilanz zum Weihnachtsfest: Junge Flüchtlinge starten ins Berufsleben
„Unsere Jungs sind auf einem guten Weg“

Brakel (WB). Als Jugendliche sind sie nach Brakel gekommen: alleine, entwurzelt, in Sorge um ihre Familien und mit traumatisierenden Fluchterfahrungen im Gepäck. Jetzt – vier Jahre später – haben die etwa 20 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sich nicht nur eingelebt und die fremde Sprache gelernt, sondern auch ihre berufliche Zukunft in die Hand genommen.

Dienstag, 24.12.2019, 00:32 Uhr aktualisiert: 24.12.2019, 05:03 Uhr
Der Lotse und seine Jungs: Hans-Hermann Fenske steht Jalal M. (von links), Masuod Z., Ahmed B., Jalal Aldeen A., Najib A., Izzat K. und den anderen ehemals unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit Rat, Tat und Herz zur Seite. Foto: Sabine Robrecht

 

Junge Flüchtlinge in Brakel auf einem guten Weg

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Foto: Sabine Robrecht
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Schule, Ausbildung, Studium: Die Jungs sind guten Mutes und auf einem hoffnungsvollen Weg zu immer mehr Selbstständigkeit.

Diesen Weg gehen Hans-Hermann Fenske, ehemaliger Schulleiter der Hauptschule Brakel und Schwester Diethild Wicker vom Kloster Brede mit. Seit vier Jahren stehen die beiden Ehrenamtlichen den jungen Menschen beherzt zur Seite (Berichte vom 30. Dezember 2016 und 3. Februar 2018 ). „Wir haben vieles richtig gemacht seit 2015“, bilanziert Hans-Hermann Fenske. „Zuerst ging es darum, für jeden die richtige Schulform zu finden“, blickt der Lotse zurück. „Der Schulabschluss war der nächste Schritt.“ Jetzt geht es weiter mit der beruflichen Ausbildung. Und die fächert sich bei den jungen Flüchtlingen, die inzwischen alle volljährig sind, breit auf. Von der Handwerksausbildung über die Krankenpflege bis hin zur Oberstufe des Beruflichen Gymnasiums, dem Besuch einer Berufsfachschule und dem Studium an einer Universität und Fachhochschule ist alles dabei.

Baumanagement

Letzteres absolviert der 21-jährige Jalal Aldeen A. aus Syrien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden. „Ich studiere Baumanagement“, berichtet der junge Mann. Und ist gleich mittendrin in der Materie, als er sein Handy einschaltet und Fotos zeigt. „Wir machen gerade Versuchsreihen im Labor“, erzählt Jalal. Er hatte die Fachoberschule Technik in Holzminden besucht und in Klasse 11 bei der Firma Allerkamp-Lücking in Istrup ein Praktikum absolviert. Dieses bestärkte ihn in seinem Interesse an der Baubranche. Und auch nach den ersten Erfahrungen im Studium lässt er keinen Zweifel daran: „Ich habe die richtige Wahl getroffen.“

Klares Ziel

Ein klares Ziel hat auch Ahmed B. (19) aus Syrien vor Augen, der ebenso wie Jalal und vier weitere junge Flüchtlinge in einer Gesprächsrunde mit dem WESTFALEN-BLATT über seinen Berufswunsch berichtet. „Ich möchte Arzt werden.“ Nach dem Abitur mit Schwerpunkt Gesundheit am Berufskolleg Kreis Höxter in Brakel will Ahmed Medizin studieren. „In Syrien hätte ich es genau so gemacht.“ Natürlich hat er die Heimat, die er verlassen musste, immer im Kopf, sagt der 19-Jährige. „Man vergisst sie nie.“ Trotzdem schaut Ahmed nach vorne – fühlt sich in Deutschland nicht mehr so fremd, seit er die Sprache versteht.

Diese Empfindung teilt auch Izzat K. (20), der am Berufskolleg eine schulische Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten absolviert. Programmierer, Entwickler, Webdesigner: „Diesen Berufswunsch habe ich, seit ich klein war.“ Und nebenbei möchte Izzat Schauspieler sein. „Das macht mir Spaß“, erzählt der junge Mann mit einem Lächeln, das die Lebensfreude und den Tatendrang junger Menschen ausstrahlt.

Dieser Esprit prägt die Stimmung in der Gesprächsrunde. Schnell kehrt aber auch Nachdenklichkeit ein – wenn die jungen Flüchtlinge erzählen, dass das Lernen in der Schule nicht leicht ist. Oder wenn sie – wie kürzlich der 20-Jährige Masuod Z. aus Afghanistan – in der Freizeit auf Vorbehalte stoßen. Gut, dass Hans-Hermann Fenske und Schwester Diethild den Jungs immer wieder Mut zusprechen.

„Geduld und Zutrauen in eigene Fähigkeiten brauchen sie auch jetzt noch“, sagt die Ordensfrau. So auch Najib A. (18). „Ich bin zuhause in Afghanistan nicht viel zur Schule gegangen“, berichtet der junge Mann. Umso mehr muss er nacharbeiten – und das auch noch in einer fremden Sprache. „Wenn man lernt, schafft man es aber“, ist Najib zuversichtlich. Seine Ausbildung zum Maler und Lackierer bei der Firma Willeke in Gehrden macht ihm viel Freude. Najib ist ebenso wie Jalal M. (20) aus Afghanistan im zweiten Lehrjahr. Jalal erlernt im Autohaus Sommer in Brakel den Beruf des Kfz-Mechatronikers. Beide hatten bei Praktika in ihre Berufsfelder hineingeschnuppert.

Einblicke

Diese praktischen Einblicke haben Masuod Z. auf den Geschmack gebracht, Koch zu werden. In der Klinik Berlin in Bad Driburg ist er im August in die Ausbildung gestartet. Der Arbeitstag gestaltet sich abwechslungsreich. „Mein Chef und meine Kollegen sind sehr nett. Wenn ich in der Schule etwas nicht verstehe, sagen sie mir, dass ich die Sachen mitbringen soll. Dann helfen sie mir.“ Das freut den 20-Jährigen sehr. Denn die Schule ist schwer, räumt er ein. Für seinen Traum hält Masuod durch: „Ich möchte ein afghanisches oder internationales Restaurant eröffnen.“

Perspektiven

Ziele, Träume, Perspektiven: „Erfreuliche Chancen sind deutlich zu sehen“, bilanziert Schwester Diethild auch im Hinblick auf die weitere Integration der Menschen in unsere komplexe Gesellschaft. Die etwa 20 damals minderjährigen Flüchtlinge kamen vor vier Jahren im Kolping-Berufsbildungswerk unter. Mit Beginn der Volljährigkeit mussten sie diese erste Bleibe verlassen. „Die Wohnungssuche gestaltet sich nach wie vor schwierig“, konstatiert Hans-Hermann Fenske.

 

Zuverlässig

Zwei junge Flüchtlinge haben im Kloster Brede bei den Armen Schulschwestern eine kleine Wohnung bezogen. „Beide sind zuverlässig, hilfsbereit, fühlen sich wohl und sind auf einem guten Weg“, berichtet Schwester Diethild. Einer der beiden hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einer Firma im Garten- und Landschaftsbau. „Er wird dort sehr geschätzt.“ Der zweite ist Koch-Azubi Masuod Z.

„Wir versuchen, den Jungs den Rücken freizuhalten für das Lernen in Schule und Ausbildung“, bringt Hans-Hermann Fenske das Grundanliegen auf den Punkt, mit dem er und Schwester Diethild die Flüchtlinge weiterhin unterstützen. Auf die beiden Lotsen ist Verlass, wenn es um Lernhilfen, Wohnungssuche und -einrichtung, Hilfen auf dem Weg zum Führerschein und Unterstützung beim Schriftverkehr mit Behörden geht. Mit der ökumenischen Flüchtlingshilfe und anderen Unterstützungsvereinen arbeiten sie zusammen. Das Herz haben beide am rechten Fleck – finden immer wieder die richtigen Worte des Zuspruchs und der Ermutigung. Das ist ganz wichtig, denn: „Probleme und Sorgen begleiten die jungen Menschen Tag für Tag“, sagt Hans-Hermann Fenske – und schließt sie zu Weihnachten in seine Hoffnungen und den sehnlichen Wunsch nach Frieden ein.

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