Stammtisch besteht seit 50 Jahren – Blick auf ein Stück Stadtgeschichte
Sonntags um elf geht’s zu Tegetmeier

Brakel (WB). Der »Märschmann« ist immer dabei. Er ist das Maskottchen eines der ältesten Stammtische der Region: Am 12. Oktober 1969 riefen die Jungen des Schuljahrgangs 1947/48 ihn ins Leben. Seither treffen sich die Männer immer sonntags von 11 bis 13 Uhr im Gasthaus Tegetmeier – ein Stück Stadtgeschichte.

Dienstag, 08.10.2019, 03:12 Uhr aktualisiert: 08.10.2019, 03:30 Uhr
Stammtischgastwirt Johannes Tegetmeier (von links), Präsident Bernward Nölken, Ehrenpräsident Udo Kleinschmidt und Schatzmeister Manfred Koch blicken auf die Geschichte des Stammtisches, der sonntags nach dem Hochamt zusammenkommt. Wer fehlt, erhält eine Zusammenfassung per E-Mail. Foto: Jürgen Köster

»Wann er dazu gestoßen ist und woher er überhaupt kam, weiß eigentlich niemand mehr ganz genau«, sagt Ehrenpräsident Udo Kleinschmidt und blickt auf die Holzfigur, die mit in den Taschen vergrabenen Händen lustig in die Runde schaut. Ebenso wie der »Märschmann« gehört auch ein Wimpel auf den massiven Holztisch, an dem sich die Männerrunde regelmäßig versammelt.

Gestiftet wurde dieser vom damaligen Wirt Josef Tegetmeier im Jahr 1974. Johannes Tegetmeier folgte ihm als Stammtischwirt von 1975 bis 2018. Seit dem vergangenen Jahr ist Aslan Ünal Gastgeber der Runde, der unterschiedlich viele Männer angehörten.

Keine Neumitglieder mehr

Von 36 angeschriebenen Klassenkameraden kamen 22 zum ersten Frühschoppen, der Geburtsstunde des Stammtisches. Heute zählen zu dem illustren Kreis noch 17 ehemalige Schüler. »1971 waren es 26. Seit 1985 erfolgte die Aufnahme weiterer Mitglieder nur noch mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Seit 1993 werden keine Neumitglieder mehr aufgenommen«, erzählt Präsident Bernward Nölken, der viele Ereignisse akribisch festgehalten hat. »Wir sind bestimmt der älteste Stammtisch im Hochstift, ganz bestimmt aber derjenige mit der exaktesten Buchführung«, glaubt er.

Ebenfalls ganz genau nimmt es Manfred Koch, der die Finanzen im Blick hat. 1970 wurde ein Sparschwein angeschafft. Zwei Jahre später avancierte Koch vom Kassierer zum Schatzmeister. Erster Präsident war Udo Kleinschmidt (von 1969 bis 1992). Ihm folgten Rudolf Schröder (1992 bis 1996) und Michael Klare (1996 bis 2006). Seit 2006 ist Bernward Nölken Stammtischvater, wie das Amt zu Beginn genannt wurde.

Warmhalteplatte

»In den damaligen Zeiten wurde der Frühschoppen öfter überzogen. Die Warmhalteplatte als Verlobungs- oder Hochzeitsgeschenk des Stammtisches erinnert noch manchen Stammtischbruder an seine Junggesellenzeit in dieser Runde«, erinnert sich Ehrenpräsident Udo Kleinschmidt, der auch langjähriger Adjutant der Brakeler Bürgerschützen war. »1975 sickerte durch, dass ein Stammtischbruder die Absicht hatte, in Brakel Schützenkönig zu werden.

Sofort wurde per Rundschreiben jedes Stammtischmitglied verdonnert, sich in Höhe von 100 Mark an den Unkosten des Schützenkönigs zu beteiligen. Mangels Widerspruch gilt diese Abmachung auch heute noch«, erklärt Kleinschmidt. Zwei Schützenkönige stellte der Stammtisch: 1981 Rudolf Schröder und 1986 Walter Gall.

1990 wurde mit Ferdinand Nolte erstmals ein Stammtischbruder als geschäftsführender Dechant in das höchste Amt des Bürger-Schützenvereins eingeführt. 2004 folgte Udo Kleinschmidt, 2008 Bernward Nölken und 2014 Klaus Tensi. Viele Stammtischbrüder seien in diversen Brakeler Vereinen und Initiativen ehrenamtlich tätig, weiß der Ehrenpräsident. Insgesamt komme der Stammtisch auf 662 Ehrenamtsjahre.

Die Gemeinschaft vergesse die einzelnen Mitglieder in besonderen Situationen nie, das gelte auch andersherum, sagen Nölken und Kleinschmidt. So sei der Familiennachwuchs im Stammtisch seit 1983 mit einem neuen Sparbuch über 50 Mark honoriert worden. Stammtischbrüder, die im Urlaub seien, sendeten Grüße per Postkarte und ließen sich vom Wirt eine Runde für die Daheimgebliebenen anschreiben.

Stiefeltrinken

Zahlreiche weitere Traditionen hätten sich im Lauf der Zeit entwickelt, wie das Stiefeltrinken vor Beginn des Annentages, die Maiwanderungen und Sommerfeten an der Stammtischhütte im Märsch oder die Ostertour zur Wanderhütte des Sauerländischen Gebirgsvereins in Völlinghausen. »Mehr als 100 Personen kommen zusammen, wenn der Stammtisch mit ›Kind und Kegel‹ etwas unternimmt«, weiß Präsident Nölken.

In den 50 Jahren habe es Brauereibesichtigungen, Fußballspiele mit diversen Stammtisch- und Thekenmannschaften, Zeltlager mit Familien auf der Emde-Wiese, Kindergartenfeste, Weser-Dampferfahrten, Schlachtfeste, Martinsessen und Nikolausfeiern gegeben. Begegnungsfahrten in die belgische Partnerstadt Wetteren hätten ebenso zum Programm gehört wie Städtetouren.

Die erste Stammtischfahrt führte 1970 nach Rüdesheim. Weitere Ziele waren unter anderem Wien, Prag, Paris, Rom, Budapest, Berlin, Hamburg, München, Warschau, Riga, Tallin, Linz, Danzig, und Brügge. »Ein Urlaubsgesuch für einen Stammtischbruder, der 1977 bei der Bundeswehr diente, wurde von dessen Kompanie-Chef sogar positiv entschieden, damit er dabei sein konnte«, blickt Kleinschmidt zurück.

Ein Wermutstropfen

Eigentlich bleibe nur ein einziger Wermutstropfen, wenn er auf die Geschichte des Strammtisches schaue. »Da wir seit 1993 keine Mitglieder mehr aufnehmen, sind wir unweigerlich eine sterbende Gemeinschaft«, bedauert der Ehrenpräsident.

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